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Obstbau: Gratwanderung zwischen Last und Lust

Er hat stolze 75 Jahre auf dem Buckel. Der Bissinger Obst- und Gartenbauverein. Mit einem festlichen Dorfabend wurde das Jubiläum am Samstag zünftig gefeiert.

MANFRED GAISER

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Im Schwäbischen sagt man salopp, dass jemand ein gewisses Alter auf dem Buckel habe. Der Bissinger Verein kann diese Wortwahl in mehrfacher Beziehung in Anspruch nehmen. Schließlich sind die Streuobstwiesen unter Teck und Breitenstein zum Teil richtige Buckel. Und beim Bewirtschaften der Gütle geht es halt manchmal ganz schön auf den Buckel spricht ins Kreuz.

Der Obstanbau gestaltete sich immer schon als Gratwanderung zwischen Last und Lust. Das ganze Jahr hinweg die Pflege der Parzellen. Mühseliges Pflegen und Ernten, um am Schluss den Biss in einen knackigen Apfel oder eine fruchtige Birne zu genießen. Selbst die Freunde eines feinherben Mostes oder eines hochprozentigen Destillates wissen, dass vor dem Degustieren der Schweiß der Arbeit steht.

Der Vorsitzende des Bissinger Obst- und Gartenbauvereins Rudolf Thaler sucht mit seinen Mitgliedern daher auch einen Weg, "unsere Kulturlandschaft" zu erhalten. Bei der Festveranstaltung mit zahlreichen Ehrengästen formulierte er das Anliegen seiner Mitstreiter: "Wir wollen uns aktiv für eine lebenswerte Umwelt einsetzen." Mit 135 Mitgliedern in der Seegemeinde könne der Verein eine solide Basis vorweisen. Besonders der Erhalt der Sortenvielfalt im Streuobstanbau sei ein wichtiges Anliegen. Besonderer Dank galt daher auch der Gemeinde, die bei der Einrichtung einer Altsortenanlage unterstützend tätig war.

Ulrich Rieker, Vorsitzender des Kreisobstverbandes Nürtingen, warf das Stichwort "Erntedank" in die vollbesetzte Schulturnhalle. Angesichts des farbenfrohen Arrangements mit der Vielfalt lokaler Erzeugnisse, bedauerte der frühere Neidlinger Schultes, dass die heutige Generation einfach nicht mehr mitziehen wolle. Der "Chef" von insgesamt 33 Mitgliedsvereinen will die Flinte trotzdem nicht ins Korn werfen: "Wir werden unsere Landschaft auch weiterhin pflegen", sagte der Obmann und überreichte dem Bissinger Verein symbolisch und aufmunternd einen Geschenkgutschein für einen neu zu pflanzenden Baum.

Bissingens Bürgermeister Wolfgang Kümmerle wollte sich den positiven Grußworten in seiner kurz gefassten Ansprache nur anschließen. Er verwies jedoch auf einen wichtigen geschichtlichen Aspekt. Als der Verein während der Weltwirtschaftskrise gegründet wurde, wären marktwirtschaftliche Beweggründe mit im Vordergrund gestanden. Schließlich hätte im Jahr 1929 der Obstanbau mit zur Existenzsicherung und zum täglichen Brot gehört. "Mich freut, dass Ihnen noch nicht die Lust an der Arbeit vergangen ist" meinte der Bürgermeister und versprach, Aktivitäten der Gemeinde hinsichtlich der Streuobstwiesen und der Natur allgemein auszudehnen.

Beeindruckt von der gelungenen Ausstellung im herbstlichen Ambiente zeigte sich auch Albrecht Schützinger, Kreisfachberater beim Esslinger Landratsamt. Präsentiert war die ganze Bandbreite von lokalem Obst und Gemüse. Zudem lobte er die ausführliche Festschrift. "Sie haben hier sehr viel Wissen weitergegeben."

Günter Reinöhl, Vorsitzender der Vereinsgemeinschaft am Ort, zu der auch die Schule und die Kirchen gehören, wollte denn auch nicht nur mit blumigen Worten die Arbeit des Vereins loben. Der Griff in die Tasche des Jacketts brachte ein Kuvert mit einer Spende für die Kasse.

Für seine langjährigen Verdienste für den Obst- und Gartenbau wurde der Vereinsvorsitzende Rudolf Thaler geehrt und ausgezeichnet. Genauso wie weitere Mitglieder aus Bissingen. Begleitet wurde die Jubiläumsveranstaltung vom Gesangverein und der Gruppe "musica viva" mit Weisen und Balladen in mittelalterlicher Art. Und dafür, dass kein Auge trocken blieb, garantierte der Mundartautor Bernd Merkle. Das schwäbische Urgestein, der angeblich Lugano und Köln sausen ließ, um unter der Teck auftreten zu können, brachte die hiesige Eigenart stets schlüssig auf den Nenner. Auch die Bissinger wissen jetzt, dass "onser liadricher Moscht emmer noch besser isch, als der vom nächsta Flecka."