Lokales

Oft fühlt sich das Opfer mitschuldig

Warmer orangeroter Teppichboden, viele Fenster und helle Wände prägen die neuen Räume von Kompass. In der Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt herrschen jetzt beste Arbeitsvoraussetzungen. Das ist auch bitter nötig, denn die Nachfrage nach Hilfe bei Erfahrungen von sexueller Gewalt ist groß.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM "Nachmittags finden in allen Zimmern Gespräche statt", erläutert Psychotherapeutin Margot Siegert, die Leiterin der Beratungsstelle, beim Rundgang durch das neue Domizil. Auf zwei Stockwerken konnte sich das Team in der Marstallgasse einrichten. Ein Konferenzraum, dessen Möblierung jetzt dank der Glücksspirale möglich wurde, bietet Platz für die Kooperation mit anderen Einrichtungen oder für Fortbildungen.

Dass der Beratungsschwerpunkt des vierköpfigen Fachteams, das von Sekretärin Petra Bäurle unterstützt wird, auf dem Nachmittag liegt, hat seine Ursachen in der Zielgruppe. Ein Fünftel der Klienten sind Kinder unter 14 Jahren, ein Drittel ist zwischen 14 und 18 Jahren alt. Aber auch Erwachsene, vorwiegend Frauen, gehen beim Kompass ein und aus. Thematisch geht es um Missbrauch, sexuelle Übergriffe und Belästigungen, Vergewaltigung. Die übrigen Themen sind verschiedenste Gewalterfahrungen sowie missglückte Alltagsbewältigung als Folgeerscheinung.

Nur selten suchen die Betroffenen umgehend nach der Tat Hilfe beim Kompass-Team. Meist vergehen Jahre. "Es kommt vor, dass manche erst fünf oder zehn Jahre nach dem Ereignis zu uns kommen", berichtet Margot Siegert. Manchmal liegen lange Leidensjahre hinter den Opfern.

Nicht alle kommen ganz und gar freiwillig. War die vom Landkreis finanzierte Beratungsstelle ursprünglich ganz auf Opfer ausgerichtet, so bietet sie jetzt als einzige dieser Art im Kreis auch Tätern Unterstützung an. "Zum ersten Kontakt kommt es in diesem Fall meist auf Grund gerichtlicher Auflagen", erläutert Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Erich Utendorf. Natürlich sind nicht alle Männer Täter, immer mehr suchen als Opfer die Beratungsstelle auf.

"Oft kommen Opfer und Täter in einer Person", gibt Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Angelika Schönwald-Hutt zu bedenken. Jungen, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden, neigen nicht selten zu verstärkter Aggressivität. Missbrauchte Mädchen hingegen reagieren öfter autoaggressiv, das heißt sie verletzen sich beispielsweise selbst. Beide Geschlechter haben, ganz besonders in jungen Jahren, die Neigung, auch als Opfer die Schuld bei sich zu suchen. "Was habe ich falsch gemacht, dass er/sie so reagiert hat?" lautet eine der Fragen, mit denen sich Opfer quälen. Die Fachkräfte wissen aus Erfahrung, dass Opfer oft weit in die Tat mit hineinschlitterten, ehe sie einen Riegel vorschieben. Geling dies nicht, empfinden sie sich im Nachhinein selbst als mitschuldig.

Speziell bei Jungs ist bei entsprechenden Anzeichen professionelle Betreuung im Alter von 14 bis 18 Jahren nach Erkenntnissen des Kompass-Teams besonders wichtig. "Wenn hier wiederholt Gewalt angewendet wird, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen hat, dann gehört die Gewalt plötzlich zur Sexualität für die Jungen", gibt Utendorf zu bedenken.

Ganz wichtig ist daher Prävention. Eine ABM-Kraft hat eine Konzeption entwickelt für ein Präventionsprogramm, das sich speziell an die kommenden Eltern richtet: Fachkräfte sollten an Berufsschulen die Jugendlichen sensibilisieren. Doch das löbliche Vorhaben scheitert am Personal. Mit zweieinhalb Stellen, die sich die vier Fachkräfte teilen, können gerade mal über die tägliche Beratungsarbeit hinaus gelegentlich Elternabende abgehalten werden.

300 Menschen wenden sich jährlich hilfesuchend an Kompass. 90 Prozent von ihnen kommen persönlich, oft mehrfach, in die Einrichtung. Beim ersten Termin wird in einem einstündigen Gespräch dasProblem eingekreist und die richtige Hilfe ermittelt. Viele stecken in einer akuten persönlichen Krise und brauchen umgehend Hilfe, manche haben ein klar begrenztes Problem.

Beratung erhalten nicht nur Opfer, Täter und Angehörige, sondern auch Fachkräfte aus dem Bereich der Polizei, der Justiz, von Erziehungsanstalten und anderen Organisationen. Denn dass sexuelle Gewalt ein wichtiges Thema ist, ist 13 Jahre nach Gründung der Kompass-Beratungsstelle allgemein bekannt. "300 000 Anzeigen erfolgen jährlich bundesweit wegen sexuellen Missbrauchs", zitiert Utendorf aus der Statistik. Die Polizei rechnet mit einer zwei- bis dreimal so hohen Dunkelziffer.

"Unsere Klienten sind meistens Opfer, die die Täter nicht anzeigen", ergänzt Angelika Schönwald-Hutt. Das Problem liegt in der Nähe zum Täter: Nur drei Prozent der Täter sind Fremde, die anderen entstammen zumeist dem familiären Bereich. "Je enger die Beziehung ist, desto schwieriger ist es, Hilfe einzufordern", wissen die Fachkräfte. Enorme Ängste spielen dabei eine Rolle. Das Team unterstützt die Klienten auf ihrem persönlichen Weg, das Thema zu bewältigen. "Es bringt nichts, den Einzelnen zur Anklage zu pushen, wenn er daran zerbricht", lautet eine wichtige Erkenntnis.

InfoDie Kompass-Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt in der Marstallgasse ist telefonisch unter 0 70 21/61 32 zu erreichen oder per Mail unter KompassKirchheim@web.de.