Lokales

„Ohne Eisen keine Stadt“

Guntram Gassmann sprach auf dem Kornhaus-Kolloquium über mittelalterliche Eisenproduktion

Dass Wasser eine wesentliche Voraussetzung ist, um Siedlungen zu gründen, liegt nahe und leuchtet ein. Dass es für die Stadtgründungen am Fuß der Schwäbischen Alb noch einen ganz anderen wichtigen Rohstoff gab, erklärte Dr. Guntram Gassmann in seinem Vortrag auf dem archäologischen Kolloquium im Kirchheimer Kornhaus. Die Kurzfassung seiner These lautet: „Ohne Eisen keine Stadt“.

Andreas Volz

Kirchheim. Das bekannteste Eisenvorkommen der Schwäbischen Alb dürfte in Wasseralfingen zu finden sein. „Der Eisenerzkörper dort ist mehrere Meter mächtig“, sagte Guntram Gassmann vom Landesamt für Denkmalpflege. Allgemein weniger bekannt ist wohl das, was er zusätzlich formulierte: „Genau diese Eisenerzkörper, diese Doggererze, finden wir auch in Kirchheim. Nur sind sie hier weniger mächtig.“ Zwischen Göppingen und Hechingen stoße man auf den entsprechenden Höhenlinien zwangsläufig auf Abbauspuren.

Das Erz sei mit Kalkmergel versetzt und 30 bis 40 Zentimeter mächtig. „Das Erz steht oberflächennah an, und es ist kein großer Aufwand, es ober Tage zu gewinnen.“ Das nächstgelegene Abbaufeld Kirchheims liege beim Dettinger Käppele. Schlackenhügel seien typisch für die Gegend am nördlichen Rand der Alb: „In der gesamten Region gibt es in den Wäldern viele Schlackenhügel aus dem Hochmittelalter.“ Die Hügel zeugen von Produktions- und Verhüttungsanlagen in unmittelbarer Nähe zum Abbaugebiet.

Auf Nachfrage unterschied Guntram Gassmann eindeutig zwischen Schmiedeschlacken und Verhüttungsschlacken. Schmiedeschlacken könne es überall geben, wo das Eisen bearbeitet wurde, Verhüttungsschlacken nur dort, wo das Rohmaterial aus dem Erz gewonnen wurde. Verhüttungsschlacken seien Hinterlassenschaften der „zum Bergbau gehörenden Metallproduktion“. Gassmann ließ keinen Zweifel daran, dass es ihm als Experte möglich ist, durch bloßes Ansehen der Form Schmiede- von Verhüttungsschlacken zu unterscheiden. Außerdem seien die Schlacken auch eine Möglichkeit zur Datierung: Typisch für das Hochmittelalter seien Verhüttungsschlacken, die mit einem Glasglanz überzogen sind.

Die früheste Eisengewinnung in der Region sei aus keltischer Zeit um 400 vor Christus nachgewiesen. Erste Verhüttungsplätze mit Meilergruben und Rennofenresten aus dieser Zeit seien auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb zu finden, wo es verhältnismäßig reiche Bohnerzvorkommen gab.

Der älteste Schmelzplatz aus früh­alamannischer Zeit im Vorland der Alb dagegen sei an der Stuttgarter Straße in Kirchheim gefunden worden. Zur Datierung dient ein Rennofentyp mit Düsenziegel. Der Name „Rennofen“ komme vom „Zerrennen“, erklärte Guntram Gassmann. „Zerrennen“ bedeute so viel wie „verflüssigen“, was sich aber auf die Schlacke beziehe und nicht auf das Metall selbst. Im Gegensatz zur Eisenluppe setze sich die Schlacke nach unten ab. „Beim Düsenofen wird sie abgebrochen und erstarrt vor dem Ofen.“

Ein hochmittelalterlicher Ofen wiederum sei aus dem Kirchheimer Schlachthofareal nachgewiesen, weswegen Gassmann gar von einem „Produktionszentrum“ sprach: „Eisen war auch ein Wirtschaftsfaktor für die vielen Städte am Fuß der Alb. Wir müssen es ernsthaft in die Diskussion über die Frühphasen der Städte einbeziehen.“ Die Produktion setze in der Merowinger- und Karolingerzeit schlagartig ein. Für die Römer seien die Doggererze mit ihrem geringen Eisengehalt nicht rentabel gewesen. Spätestens Mitte des 13. Jahrhunderts reiße die Eisenverhüttung im Albvorland ab: „Sie wurde an die Gewässer verlagert, wegen der besseren Nutzung der Wasserkraft.“

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