Lokales

Ohne Schafe keine Silberdistel mehr auf der Alb

Wenns um Schafe und Schäferei geht, dann ist Oberboihingen die absolute Nummer eins weit über die Region hinaus. Das spürte man auch beim Comeback des Schäfermarktes nach einjähriger Pause überdeutlich: Obwohl die Rahmenbedingungen durch das über weite Strecken regelrecht miese Wetter alles andere als glänzend waren, machte nicht nur das Fernsehen den Oberboihingern die Aufwartung, sondern strömten auch Tausende aus nah und fern herbei.

JÜRGEN GERRMANN

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OBERBOIHINGEN Zum aus dem jährlichen Festreigen in der Region im Grunde nicht mehr wegzuden-kenden Freizeitvergnügen wurde mithin, was einst das Profil des Dorfes ausmachte: Bürgermeister Helmut Klenk hatte ja in seiner Begrüßung auch daran erinnert, dass Oberboihingen bis ins 20. Jahrhundert hinein eine Hochburg der Schäferei war. Diesen Ruf empfindet man auch heute noch als Verpflichtung. Der Schultes unterstrich nämlich, dass es beim Schäfermarkt nicht zuletzt darum gehe, ein Forum für die regionale Vermarktung qualitativ hochwertiger Produkte zu bieten, die sich wohltuend von der Billigware aus Neuseeland unterschieden. Um ein Lamm aus dem von der Bundes Republik am weitesten entfernten Land der Erde hierher zu transportieren, müssten hundert Liter Treibstoff verbraucht werden. Schon dieser Aspekt zeige, wie eng der Schäfermarkt mit dem Umweltschutz verbunden sei.

Nicht zuletzt diesen Aspekt beleuchtete Dr. Jürgen Schedler, Naturschutz- und Landschaftspflege-Experte beim Stuttgarter Regierungspräsidium, in seinem Grußwort: Ohne Schafe gebe es zum Beispiel keine Silberdistel und keine Wacholderheiden mehr auf der Alb. Der selektive Biss der im doppelten Sinne mähenden Zeitgenossen wähle nur besonders zarte Pflanzen, verschmähe aber Stachliges und Dorniges: Gerade das macht aber erst die reizvolle Landschaft der Alb mit ihrer europaweiten Bedeutung aus. Wie wichtig es ist, die Schäferei nicht sterben zu lassen, rief Schedler seinen Zuhörern intensiv ins Bewusstsein: Ohne Schafe gäbe es keine Schäfer. Und ohne den Absatz von Schafprodukten gäbe es keine Schafe. Die Schafbeweidung der Heiden auf der Alb sei ökologisch wie ökonomisch sinnvoll und wichtig und deshalb unterstützt der Naturschutz sie auch.

Von dem, was das so geboten wurde, zeigte sich auch Nürtingens Bundestagsabgeordneter Michael Hennrich überaus beeindruckt. Auch er möchte das Schaf-Spektakel in Oberboihingen nicht missen, sieht er doch darin einen der ganz wichtigen Märkte, deren Bedeutung über die Region hinaus reicht. Wichtig nicht zuletzt auch deswegen, weil er darauf aufmerksam mache, welch herausragende Rolle die Schäferei für das Natur- und Landschaftsbild der Heimat spiele.

Doch glaube keiner, dass über dem Schäfermarkt ständig der Zeigefinger schwebte. Nein, alle Information wurde höchst unterhaltsam verpackt, und es gab auch Dinge, die schlichtweg Spaß machten. Wie die Volksmusik Frommern mit ihren schwäbischen Tanzliedern bei der Eröffnung oder der Liedermacher Dieter Huthmacher, der mit seinem immer wieder zu hörenden Lied von der Schafsfamilie einmal mehr unter Beweis stellte, welch ebenso begnadeter wie knitzer Sprachkünstler er ist.

Zum Inventar des Oberboihinger Schäfermarkts zählt mittlerweile ganz sicher Kathrin Rüegg. Die Schweizer Großmutter aus dem Verzascatal zieht es immer wieder an den Neckar. Warum eigentlich? Die Leute hier verbindet ein gemeinsames Interesse. Das Thema Schäferei wird hier einfach toll umgesetzt. Und mit einem schwyzerdütschen Ausdruck, der Ursprünglichkeit und Heimeligkeit in sich vereint, kleidet sie ihre Begeisterung in ein sprachliches Bild: "Es ist, als ob sich ein chnorziger Wollfaden rund um die Ortsmitte schlinge." Viele Jahre hat sie im Tessin selbst Milchschafe gehalten und während des Winters auch 300 Alpschafe im Gemeinschaftsstall in Gerra Verzasca betreut. "Ich hoffe zwar, dass es wieder anzieht mit den Schafprodukten. Aber ich habe da so meine Zweifel." Und die nähren sich auch aus der Erfahrung in ihrem eigenen Lädli im Tessin: "Im Vergleich zu vor 20 Jahren verkaufe ich vielleicht noch fünf Prozent an Wollprodukten. Das ist schon ein gewaltiger Einbruch."

Schafwolle werde mittlerweile sogar zur Isolation von Häusern eingesetzt: Das tut einem in der Seele weh. Aber sie wird wenigstens nicht weggeschmissen. In Kontakt mit der Glanzzeit der Schäferei konnte man am Stand von Karolina und Franz Greber aus Gestratz kommen: Deren über hundert Jahre alte Kardiermaschine, bei der die Wolle durch Walzen gedreht und zu einem Fließ verarbeitet werden, war stets dicht umlagert.

Und nicht zuletzt ist der Oberboihinger Schäfermarkt auch stets ein wundervoller Streichelzoo. Nicht nur die siebenjährige Valerie aus Nürtingen, die mit ihrer Mama eine Radtour in den Nachbarort gemacht hatte, wollte kaum mehr weg von braunem Bergschaf, Nolana, Suffolk oder Merino, die mitten im Dorf grasten. Da spürte man: die Schäferei ist etwas Zeitloses.