Lokales

Ohne Zivilcourage keine Freiheit

Florian Norbu Gyana Tshang berichtete über seine Protestaktion

Kirchheim. „Ich war aufgeregt, hatte aber keine Angst mehr. Man weiß, was passiert.“ Florian Norbu Gyana Tshang ist der dreißigjährige Chef der deutschen Sektion des „Vereins Tibeter Jugend in Europa“. Er hat während der Olympischen Spiele

Leon Hartner

gegen die Situation in Tibet protestiert und wurde deswegen verhaftet. Am Kircheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium sprach er vor etwa 100 Zuhörern über seine Erfahrungen mit den chinesischen Behörden und über die Lage in Tibet.

Zunächst berichtete Florian Gyana Tshang über die Versuche, Demonstrationen im Vorfeld der Olympiade zu veranstalten, insbesondere von einer Aktion in Griechenland und in anderen europäischen Ländern entlang der Route der Fackelläufer. Dann kam er auf seine Aktion in China zu sprechen.

Zunächst war beabsichtigt, mit anderen Demonstranten der Gruppe „Students for a free Tibet“, ein Transparent in Peking über eine große Straße zu hängen. Davon haben die Aktivisten abgelassen, weil sie bemerkten, dass sie überwacht wurden. Sie mussten improvisieren und hielten auf einem belebten Platz die Tibetflagge empor. Schon nach wenigen Sekunden wurden sie von Polizisten in Zivil attackiert.

Florian Gyana Tshang und seinen Mitstreitern gelang es noch, wie ihre Vorbilder die Fäuste in die Luft zu strecken: Tommie Smith und John Carlos haben nämlich so bei der Siegerehrung der Olympischen Spiele 1968 gegen die Diskriminierung der Afroamerikaner in den USA protestiert. Florian Gyana Tshang rief noch „Free Tibet“ („Befreit Tibet“) und „Tibet is no part of China“ („Tibet ist kein Teil Chinas“). Danach wurden die Aktivisten überwältigt und zu einem Polizeiwagen gezerrt.

Das einzige Bild von dieser Aktion wurde von AP veröffentlicht. Der Fotograf wurde ebenfalls verhaftet. Das Bild ist wohl aus einem gelöschten Speicher wiederhergestellt worden, vermutete Gyana Tshang.

In den nächsten Tagen wurde Florian Gyana Tshang nachts stundenlang verhört. Nach vier Tagen wurde er entlassen und nach Deutschland abgeschoben. Er sei nicht physisch gefoltert worden, sei sich aber sicher, dass er eine bessere Behandlung als normale Chinesen oder gar Tibeter erfahren habe.

Um eine Protestaktion dieser Art durchführen zu können, braucht es mehr als nur eine Tibetflagge, so Gyana Tshang. Er ist von der Organisation „Students for a free Tibet“ unterstützt worden. Die Organisation überprüft zweimal täglich, ob ihre Mitglieder verhaftet worden sind und schlägt, wenn nötig, bei den jeweiligen Botschaften Alarm. Doch der wichtigste Teil der Arbeit der Organisation ist es, Presseteams am Ort des Geschehens zu platzieren. Die chinesische Regierung lässt sich erst von Protesten beeindrucken, wenn eine breite Öffentlichkeit über sie Bescheid weiß.

„Alle ziehen den Kopf ein. Tibet befindet sich in einer Schockstarre“, so bewertet Florian Gyana Tshang die aktuelle Situation in Tibet. Da der Dalai Lama die Gespräche mit China vor geraumer Zeit für gescheitert erklärt hat, liegen die politischen Entscheidungen von nun an bei der tibetischen Exilregierung. Die internationale Gemeinschaft habe sich während der Olympischen Spiele eine große Chance entgehen lassen, Druck auf die chinesische Regierung auszuüben, stellt er bedauernd fest. Dennoch ist Florian Norbu Gyana Tshang zuversichtlich, dass die Tibeter ihren Kampf um staatliche Souveränität nicht aufgeben werden.

Für ihn war seine Aktion ein Erfolg, weil die chinesische Regierung mit seiner Verhaftung öffentlichkeitswirksam ihr wahres Gesicht gezeigt habe. Er bedauert allerdings, dass er fünf Jahre lang mit einem Einreiseverbot für China belegt ist – und damit vorerst auch für Tibet. Zudem empfindet er als Deutscher – gerade im Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus – eine besondere Verantwortung angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Tibet.

Der Vortrag wurde im Rahmen des Seminarkurses „Spannungsfelder der Weltreligionen“ durchgeführt. Im Anschluss wurde vielfältig die Möglichkeit genutzt, mit dem Referenten zu diskutieren.

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