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Ortsbildprägendes Gebäude-Ensemble um den ...

LENNINGEN Das Rad der Ortsgeschichte wird beim nächsten Seniorentreff zurückgedreht, genau bis zum 7. November 1926: Mitglieder

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ERIKA HILLEGAART

des heuer hundertjährigen Turn- und Sportvereins Oberlenningen zeigen am Donnerstag, 15. März, um 14.30 und 19.30 Uhr im Julius-von-Jan-Gemeindehaus den wohl ältesten Filmstreifen von Oberlenningen.

Auf dem Schwarz-Weiß-Film von der Württembergischen Bildstelle ist die Einweihung der Turn- und Festhalle Oberlenningen auf Celluloid festgehalten. Karl Trautwein hat ihn vor 80 Jahren aufgenommen mit ruhigen Kameraeinstellungen von vier Positionen im Freien: er zeigt Oberlenningen vom Burgsteig aus, einen Festzug vom Rathaus durch die Amtgasse, den Empfang der Gäste am Turnhalleneingang und beim Gasthaus zum Adler.

"Das letzte Mal wurde der Film 1956 nach einer Renovierung gezeigt. Nun konnten wir den alten Stummfilm auf DVD übertragen", berichtet Werner Schulmeyer, der ehemals langjährige Erste Vorsitzende des TSV. "Wir erinnern damit, welche Bedeutung diese gemeinnützigen Bauwerke für die Förderung des dörflichen Kulturlebens und für die Entwicklung des Sports hatten. Diese Gebäude waren eine Stiftung der Fabrikanten Adolf und Heinrich Scheufelen, die landesweit als modellhaft galt. Das Gemeindehaus und die Turn- und Festhalle waren multifunktional konzipiert, mit damals modernster Technik. Das freilich kann dieser Bildstreifen nicht zeigen. Aber es lohnt, ihn mehrmals zu sehen", kommt Werner Schulmeyer ins Schwärmen.

Der Kurzfilm erinnert nicht nur an Urgroßmutters Erzählung von einem großen Tag. Bei aller Schlichtheit im Vergleich mit der heutigen Filmkunst ist er ein Zeitgemälde von dokumentarischem Wert: Die Enkel sehen auf den "laufenden Bildern" einen patriotischen Festzug durch das Dorf, vornedraus eine "ländliche Musikkapelle" aus Owen, den Militärverein, die vielen Zylinderherren, Ehrengäste aus dem ganzen Land mit ihren Frauen im Charleston-Kleider-Look, Feuerwehrmänner mit Pickelhaubenhelmen, dann die Schulkinder, schließlich die Bevölkerung. Es ist ein Rückblick in die bäuerliche Heimat mit einem Hauch von Weltweite, einem Festtag zwischen Tradition und Zukunftslust.

Nach der Gründung des Vereins vor hundert Jahren turnten die Burschen in Scheunen oder trafen sich auf freien Plätzen. Man sparte emsig für eine Sporthalle. Jedoch die Inflation 1922/23 machte alle Pläne zunichte. In den wenigen Jahren zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise blühten die "Goldenen Zwanziger Jahre"; Deutschland war 1926 in den Völkerbund aufgenommen worden. Die Devise "Nie wieder Krieg" gab Jugend- und Wanderbewegungen und Vereinen Auftrieb. In unternehmerischer Weitsicht sahen die Brüder Scheufelen in Arbeit, Bildung, Kultur und Sport einen Garant für stabile Bevölkerungsstrukturen. "Wir wollen beginnend mit der frühesten Jugend das Heimatgefühl, den Sinn für Kameradschaft auf der Grundlage gleicher erzieherischer Arbeit und gleicher Freuden der Erholung in Spiel und Sport wecken, um diesen so gesäten Samen in späteren Jahren als gute Früchte reifen zu sehen. Wenn meine Firma auf diese Weise zu sorgen bestrebt ist, so handelt sie auch in ihrem eigenen Interesse, indem sie sich einen Stamm körperlich und geistig frischer Arbeiter schafft und erhält", sagte Dr. Adolf Scheufelen bei der Einweihung. Mit den Stiftungen der gemeinnützigen Bauten und den dazu gehörenden Spiel- und Sportstätten im Freien bekam Oberlenningen jenen unverwechselbaren Charme: Bauernhäuser, herrschaftliche Beamtenwohnungen und Villen, Gemüsegärten und Parkanlagen, traditionelle Werkstätten und fortschrittliche Fabrikanlagen, alte Fachwerkbauten lagen rund um die romanische Sankt-Martins-Kirche und die architektonischen Gebäude der "Klassischen Moderne" standen zwischen Feldern und Gärten auf dem Wanderweg zu den Wielandsteinen.

Freie Plätze braucht ein Dorf Das gemeinnützige Gebäudeensemble entwarf der renommierte Architekt Albert Eitel. Er gehörte zur "Stuttgarter Schule" um Paul Bonatz, Paul Schmitthenner und Ludwig Eisenlohr, die beispielhaft die Reformbewegung in der Baukunst vertraten. Albert Eitel baute unter anderem das Alte Schauspielhaus in Stuttgart, den kleinen Kursaal in Bad Cannstatt, entwarf den Villengarten "Lapidarium" und gehörte zum Team, das den Hindenburgbau als städtebauliches Pendant zum Stuttgarter Hauptbahnhof konzipierte. Stets zeichnen sich seine Entwürfe aus, dass sie mit der städtebaulichen Umgebung oder mit der Landschaft harmonieren.

In einem Sonderdruck der Fachzeitschrift "Moderne Bauformen", 1927, Stuttgart, beschreibt der Baurat Bruno May die Oberlenninger gemeinnützigen Bauten: "Beide symmetrische Grundrisse zeichnen sich durch Übersichtlichkeit und Klarheit aus. Dieser Geist selbstverständlicher nicht erzwungener Sachlichkeit formte auch die Innen- und Außengestaltung."

Die charakteristischen profilierten Spitzbodenportale an beiden Gebäuden öffnen sich mit einladender Geste zu Vorhallen. Gestalterische Elemente sind aus wertvollem Material; der künstlerische Schmuck am Turnhallengiebel und bei der Eingangstür des Kindergartens sind allegorische Plastiken, nicht aufdringlich, aber prägend. Die Häuserkanten sind mit markanten Ecksteinen aus Tuff- oder Sandstein. Alte Fotografien zeigen die schlichte formschöne Ausstattung der Gemeindehausräume im art-deco-Stil: die Bibliothek und den Lesesaal, den Saal des Jünglingsvereins, die Kleinkinderschule, eine Lehrküche, zwei Lehrerinnenwohnungen und die Jugendherberge für Mädchen im Obergeschoss sowie zwei Wannenbäder. Nach Osten und Westen hin dehnen sich Spielplätze, groß genug für den Bewegungsdrang der Kinder.

Die Turn- und Festhalle hat eine "fließengedeckte Eingangshalle mit Garderobe und Toiletten und schönrote unglasierte Münchner Tonkacheln als Wandverkleidung und Umrahmungen", schreibt Bruno May. Die Turn- und Festhalle selbst beeindruckt durch ihr kühnes Deckengewölbe mit den Querrippen. Sie hat eine Empore samt einer Kinoeinrichtung und eine technisch gut ausgestattete Bühne, zahlreiche Nebenräume, bis in die 50er-Jahre eine Jugendherberge für die männliche Jugend, eine moderne Küche und eine breite Südterrasse.

Sie ist nicht nur für TSV-Mitglieder seit 80 Jahren ein heimatlicher Treff. Für die Oberlenninger ist das Areal mit der Halle, dem freien gepflasterten Platz und den flankierenden Albert-Eitel-Wohnhäusern, mit dem Sportplatz auf der Südseite und dem Freibad an der Nordfront ein vertrauter und auch von vielen Gästen aus nah und fern geschätzter Ort. "Der Baumeister hat Zweckbestimmung und künstlerische Form in naturverbundener Einheit vorbildlich gestaltet. Alle Beteiligten dürfen stolz sein, die Stiftenden, die Schaffenden und die Genießenden", schreibt Bruno May in seiner Würdigung. Auch wenn im Zeitgeist anderer Epochen stilverletzende Veränderungen entstanden, so sind Halle und die Plätze heute noch ideale Orte für Sport und Spiel, für Feste und Feiern, Basare und Konzerte, für Hocketsen, Begegnung und Beisammensein. Seit Kriegsende heißt das Areal "Heinrich-Scheufelen-Platz" nach dem Kunstkenner und Ästhet, dem zeitlebens das Ortsbild ein großes Anliegen war. Die Filmaufführungen werden durch eine Bilderschau von alten Fotos von Oberlenningen und Umgebung ergänzt. Gottlieb Dangel, ein leidenschaftlicher Sammler historischer Gerätschaften und Maschinen, zeigt einer interessierten Öffentlichkeit seine Bilderreihe. Vor Jahren hat er mit dem Sammeln von historischen Postkarten begonnen und sie laufend ergänzen können. Der Oberlenninger Fotograf Johannes Bozler hatte bereits um die Jahrhundertwende bis circa 1915 hier im Ort mit künstlerischem Blick und unterschiedlichen Perspektiven malerische Winkel, Bauernhäuser, Kirche und Fabrik, Werkstätten und Scheuern abgelichtet. Seine Erben haben die Fotografien vor 25 Jahren zum ersten Mal ausgestellt. Viele dieser Bilder finden sich in zahlreichen Familiensammlungen.

Die Realschule Lenningen hat mit einem Jahresprojekt für besonders begabte Schüler "Die Jahre 1919 und 1933 in Ober- und Unterlenningen" 1991 erarbeitet. Die Dokumentation darüber ist mit zahlreichen dieser historischen Fotos gestaltet. In Fortsetzung dieses Projekts hat der Förderkreis eine erweiterte Sammlung unter dem Titel "Vor Jahr und Tag" im Schlössle ausgestellt. Die umfangreiche Bilderschau von Gottlieb Dangel ist Nostalgie pur. Sie erinnert an den Flecken von einst, als die Häuser noch breite Satteldächer, Fensterläden und "Schuiratüra" hatten und sich ohne Eternitverkleidung und Plastikbalkone in den Gassen duckten.