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Pädagogische Theorie und Praxis beleuchtet

Moderne pädagogische The-orie und Praxis bedürfen nicht nur prinzipieller Orientierung, sondern auch der "methodischen Skepsis", um Täuschungen aufzudecken. Zu diesem Schluss kam Dr. phil. Henrik Westermann in seinem Vortrag an der Grund- und Hauptschule Lenningen.

MARTIN KUNZ

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LENNINGEN Haben die schwierigen Bedingungen, unter denen sich die Bildungsaufgabe heute vorfindet, unter Umständen etwas damit zu tun, dass so gut wie gar nicht nach dem eigenständigen Sinn pädagogischer Theorie und nach einer mit ihr zusammenhängenden eigenwertigen pädagogischen Praxis gefragt wird? Dieser Fragestellung ging ein Vortrag von Dr. phil. Henrik Westermann nach, den er im Rahmen einer Veranstaltung des Evangelischen Bildungswerkes im Landkreis Esslingen und des Evangelischen Schuldekanats der Kirchenbezirke Kirchheim und Göppingen in der Aula des Schulzentrums Oberlenningen hielt.

Auf die Fragestellung des Vortrages antwortete Westermann mit drei Gedanken: "Nachdenken über den Sinn von Bildung ist Ausdruck unseres Menschseins selbst." Des Weiteren: "Nachdenken über den Sinn von Bildung ist nur möglich im Zusammenhang von pädagogischer Praxis und pädagogischer Theorie", und Drittens: "Sowohl pädagogische Theorie als auch pädagogische Praxis und darüber hinaus alles, was mit pädagogischem Anspruch auftritt, bedürfen der "methodischen Skepsis" als Ausdruck des Nachdenkens über den Sinn von Bildung heute".

Auch wenn von dem zu Lernenden in diesem Vortrag nicht im Einzelnen gesprochen wurde, so war bei allem, was gedanklich entfaltet wurde, die Forderung mitgedacht, dass es bei der Bildung um den Sachverhalt der Überlieferung eines bestimmten Wahrheits- beziehungsweise Geltungsbestandes von einer Generation an die nachfolgende geht. Diese geschichtlich entstandenen Wahrheitsansprüche, die Gegenstand von Erziehung und Unterricht sind, ermöglichen nach Westermann die Verbindlichkeit von Lehrerhandeln. Die Selbstbildung des Schülers werde dadurch ermöglicht, dass alles Tun nach Begründung verlange. Nur wenn etwas eingesehen ist, in einem Zusammenhang erkannt ist, ist auch etwas gelernt. Lernen, sein Tun zu begründen, Zusammenhänge zu bestimmen und einen Zusammenhalt zu suchen, könne als der Generalnenner für alle Bildung gesehen werden.

Westermann, der schon während seiner Lehrertätigkeit, von 1971 bis 2001 war er Lehrer und Konrektor an der GHS Lenningen, immer auch an bildungsphilosophischen Fragestellungen Orientierung suchte, wies in einem weiteren Gedanken darauf hin, dass moderne Pädagogik aber nicht nur prinzipieller Orientierungen bedarf, sondern auch der "methodischen Skepsis".

Diese Skepsis stelle nicht alles in- frage, aber wenn Fragen auftauchen, gehe sie diesen nach, untersuche und erwäge. Bei diesem Untersuchen verfüge Skepsis selbst nicht über ein letztgültiges Wissen. Sie suche lediglich Täuschungen aufzudecken, die in pädagogischen Sätzen und Konzepten enthalten sein können.

Westermann, der nach einem Aufbaustudium an der PH Karlsruhe im Juli letzten Jahres eine Promotion zum Dr. phil. an der Uni Karlsruhe zum Thema ablegte, fasste seine Ausführungen wie folgt zusammen: "Pädagogische Theorie und eine mit ihr verbundene Praxis heute, gehen aus von prinzipiellen Orientierungen, die, wenn sie fragwürdig werden, der methodischen Skepsis bedürfen, damit der Schüler in das ihm mögliche Maß an Nachdenken als Besonnenheit hineinfindet."

Mit einem weiteren Vortrag, gehalten von Prof. Dr. Jürgen Rektus von der Uni Karlsruhe, zum Thema "Erziehung heute unter den Bedingungen des gesellschaftlichen Pluralismus" und einer Aussprache der zahlreichen Gäste wurde die Veranstaltung abgerundet.

Musikalisch und kulinarisch eingerahmt wurde das Programm durch den Musizierkreis von Lehrerinnen und Lehrern der GHS Lenningen sowie Schülerinnen und Schülern der Realschule Lenningen.