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Pädagogisches Leitmotiv: Das Recht des Kindes auf Achtung

Die Sporthalle der Paulinenpflege füllte sich diesmal nicht mit Schülern, sondern mit Erwachsenen in Anzug und Krawatte: Anlass war die Verabschiedung des Schulleiters Friedrich Schwarz und die Begrüßung des neuen Schulleiters Dr. Werner Baur und der Konrektorin Sandra Rapp der Janusz-Korczak-Schule.

MARIA GLOTZBACH

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KIRCHHEIM Die Herbstsonne durchflutete den Raum als die Band "Ex Antiqua" mit jazzigen Tönen den Festakt eröffnete beziehungsweise "die Mehrzweckveranstaltung", wie Dekan Hartmut Ellinger, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Paulinenpflege Kirchheim in seinen Begrüßungsworten schmunzelnd meinte.

1999 wurde die Sonderschule in Janusz-Korczak-Schule getauft, nach dem polnischen Arzt und Schriftsteller. Das Leitmotiv des Pädagogen war das Recht des Kindes auf Achtung. Diese Ansätze "passen zu unserer Schule", erklärte Baur. Die Paulinenpflege hilft Jugendlichen, die nicht in das Schulsystem passen. Meist stammen sie aus schwierigen sozialen Verhältnissen und haben mehrere Schulwechsel hinter sich. Diesen "schwierigen" Kindern hat sich Friedrich Schwarz über 34 Jahre gewidmet und dafür wurde er mit viel Lob verabschiedet.

Hubert Haaga, Regierungsschulrat für den Bereich Sonderschulen im Oberschulamt Stuttgart, berichtete über die angenehmen und lösungsorientierten Gespräche mit Schwarz, lobte seine tragfähigen Konzepte und Kompetenz, für jedes Kind individuelle Lösungen zu finden. Schwarz fand über einen Umweg seine "Berufung zum Sonderschullehre", wusste Haaga zu berichten. Erst nach seiner Mechanikerlehre widmete Schwarz sich dem Studium der Pädagogik. Seine erste Stelle erhielt er in der Hauptschule in Nabern, wechselte dann in die Raunerschule und kam schließlich 1972 zur Paulinenpflege.

Ab 1997 leistete Baur Schwarz Gesellschaft und Unterstützung in der Paulinenpflege als neuer Schulleiter, jedoch nur für drei Jahre. Dann erhielt Baur eine Professur an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg/Reutlingen. Aber: "Ich erkannte, dass ich durch die tief greifenden Beziehungen zu den Kindern und Jugendlichen in der Paulinenpflege eine berufliche Heimat gefunden hatte".

Die Vakanz der Schulleiterstelle ermöglichte es Baur, zu seiner alten Arbeitsstelle zurückzukehren. Mit der Berufung zum Honorarprofessor durch die Pädagogische Hochschule erhielt er die Möglichkeit, eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis aufrechtzuhalten. So hatten die Gäste ein Déja-vu-Erlebnis, da sie die Einsetzung von Baur bereits vor mehreren Jahren feiern konnten, aber auch schon seine Verabschiedung miterleben durften. Dazu fand Dezernent Kurt Fauser die passenden Worte: "Das einzige Beständige ist der Wechsel".

Auch Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker bezeichnete es als eine Ausnahmeerscheinung, "einen Schulleiter zweimal in seinem Amt begrüßen zu dürfen". Doch dies sei "ein Zeichen von Vertrauen und Achtung in die Janusz-Korczak-Schule". Baurs Arbeit verlange viel Einfühlungsvermögen, und der Pädagoge verstehe es, "die Fassade der Jugendlichen zu interpretieren, um einen Zugang zu ihnen zu finden" erklärte Matt-Heidecker. Dabei ist die Arbeit an der Paulinenpflege eine vielseitige, es reiche nicht nur aus, die Kinder und Jugendlichen zu erziehen, sondern man müsse sie auch in das Gemeinschaftswesen integrieren.

Professor Dr. Gotthilf Hiller von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg/Reutlingen ging in seinem Fachvortrag darauf ein, dass der Bedarf an Einrichtungen für schwererziehbare Kinder nicht an den mangelnden Erziehungskompetenzen im Elternhaus liege, sondern an den tief greifenden Veränderungen in der Gesellschaft. Sie sei gekennzeichnet durch die Verschärfung sozialstruktureller Risikofaktoren wie Arbeitslosigkeit, Armut oder Scheidungszahlen. Demzufolge darf eine Sonderschule "kein statisches Gebilde sein, sondern muss eine dynamische und flexible, auf gesellschaftliche Anforderung reagierende Institution darstellen". Und dies werde in der Janusz-Korczak-Schule realisiert.

Seit 1999 kooperieren Regelschulen mit Lehrkräften der Janusz-Korczak-Schule und bieten sonderpädagogische Unerstützung an. Dies dient als eine Präventivmaßnahme und "es wurden bereits 80 Kooperationsfälle erfolgreich abgewickelt" wusste Baur zu berichten. Als neuer Schulleiter möchte er zusammen mit Konrektorin Rapp den an der Janusz-Korczak-Schule "in der letzten Dekade eingeschlagenen und beschrittenen Weg fortsetzen zum Wohle der von uns betreuten Schüler".