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"Panikmache ist fehl am Platz"

Kein Anlass zur Panik so lautet das Fazit anerkannter Parasitologen. Sachlichkeit statt Stimmungsmache sei angebracht beim Thema Hundekot und Rindergesundheit.

IRIS HÄFNER

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KIRCHHEIM Flugblätter mit der Aufschrift "Hundekot macht mich krank" sind in der ganzen Republik zu finden, das des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau fand beispielsweise den Weg bis in den Kreis Esslingen. Zudem drohten Unbekannte in einem anonymen Schreiben an das Landratsamt und die Polizeidirektion Esslingen Giftanschläge gegen frei laufende Hunde in den Landkreisen Esslingen und Göppingen an. Darin heißt es, dass in diesem Jahr schon mehrere Nutztiere auf Grund von Infektionen durch Hundekot qualvoll verendet seien.

Diese Behauptung ist falsch. "Die Kuh ist Zwischenwirt des Parasiten Neospora caninum, der Hund Endwirt", erklärt Dr. Josef Mandl, Leiter des Rindergesundheitsdienstes in Fellbach. Dieser einzellige Parasit wird dafür verantwortlich gemacht, dass Kühe vorzeitig ihr Kalb verlieren der Fachmann spricht hier von Abort , was für den Landwirt einen doppelten finanziellen Verlust bedeutet: Zum einen verliert er das Kalb, zum anderen sinkt die Milchleistung der Kuh. Eine infizierte Kuh kann den Erreger an das Kalb weitergeben, ohne dass es tot geboren wird, möglicherweise als Jungtier eher schwächlich ist, aber trotzdem das Erwachsenenalter erreicht. Auch dieses Tier kann Nachwuchs bekommen, weshalb mehrere Kühe eines Bestandes ohne Wissen des Landwirts mit dem Parasiten infiziert sein können. Erst bei häufigen Verkalbungen werden Tierarzt und Bauer hellhörig. "Diese Landwirte haben den Erreger in Kuhfamilien und müssen die einzelnen Tiere gezielt aus der Zucht entfernen. Das ist aber ein langfristig angelegtes Sanierungsverfahren, das Jahre dauert", erklärt Dr. Gerhard Stehle, Leiter des Veterinäramtes im Landratsamt Esslingen.

Den Hund nun als alleinigen Verursacher der Misere abzustempeln, das wollen renommierte Parasitologen nicht gelten lassen. "Die wissenschaftlich gesicherten Ergebnisse zeigen bei nüchterner Bewertung, dass kein Anlass zur Panik gegeben ist und dass erst recht kein Grund für eine Verteufelung von Hunden und deren Haltern besteht", so Professor Dr. Mehlhorn vom Institut für Parasitologie der Uni Düsseldorf, der mit seinen Kollegen Dr. Heydorn und Dr. Schein von der Freien Universität Berlin ein Infoblatt zu diesem Thema erstellt hat.

Damit ein Hund Überträger von Neospora caninum an eine Kuh wird, ist eine Verkettung zahlreicher Umstände nötig. "Der Hund muss infiziertes rohes Fleisch oder eine Nachgeburt gefressen haben", so Josef Mandl. Im "Hundehäufchen" entwickeln sich dann widerstandsfähige Dauerstadien des Parasiten, so genannte Oozysten. Diese Vermehrungsphase tritt etwa im Zeitraum zwischen 48 und 72 Stunden ein, nachdem der Kot an der "frischen Luft" ist. "Bei Kühlschranktemperaturen und ab etwa 40 Grad Celcius funktioniert dieser Prozess nicht", weiß Dr. Mandl. Wie lange die Oozysten überleben, ist noch nicht geklärt, möglicherweise sind es mehrere Wochen und Monate. Nehmen Kühe sie über das Futter auf, werden die Einzeller freigesetzt und dringen über den Darm in das Körpergewebe.

"Welcher Stadthund kommt mit rohem Fleisch oder einer Nachgeburt in Berührung?", fragt Dr. Mehlhorn. Landwirten wird daher in ihren Fachzeitschriften geraten, den eigenen Hofhund von derartigem Risikomaterial fernzuhalten und darauf zu achten, dass dieser sein Geschäft an unbedenklichen Stellen erledigt.

"Falsch ist, dass das Auffinden von Neospora caninum der endgültige Beweis ist, dass die Parasiten die tatsächliche und alleinige Ursache für den Abort sind", sagt Dr. Mehlhorn. Die Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe habe allein 17 Gründe für Rinderaborte aufgelistet, die auf Infektionen zurückgingen. Es sei bei der Sachlage der geringgradigen Vermehrung von Neospora in gesunden Tieren offenkundig, dass sich der Einzeller als "Trittbrettfahrer" in kranken Föten ausbreite. "Dies wird auch dadurch belegt, dass beispielsweise in Australien bei Herden mit zwanzigprozentiger Durchseuchung mit Neospora zum Teil überhaupt keine Aborte auftraten", erklärt Dr. Mehlhorn. Antikörper gegen diesen Einzeller finden sich in Australien in bis zu 20 Prozent der Kühe, in Deutschland oft bei fünf Prozent der Tiere. Dr. Mehlhorns Ansicht nach existiert dieser Erreger schon seit ewigen Zeiten, auch wenn er erst seit einigen Jahren bekannt ist. Das Fazit der Parasitologen lautet daher nach jetzigem Kenntnisstand: "Die Übertragung der für gesunde Tiere ungefährlichen Neospora-Stadien erfolgt somit im Wesentlichen von der Kuh aufs Kalb. Sofern überhaupt Hunde in nennenswertem Maße an der Verbreitung beteiligt sind, so sind es die Hunde der Bauern selbst sofern sie mit rohem Fleisch ernährt werden. Zu einer Verteufelung von Spaziergängerhunden besteht somit absolut keine Veranlassung. Die hervorgehobene Zunahme von Neospora-caninum-verursachten Aborten ist völlig widersinnig, da Hunde heute viel seltener mit rohem Fleisch gefüttert werden als früher. Falls dennoch die Zunahme richtig wäre, würde dies die Unschuld des Hundes beweisen."

Nichtsdestotrotz sind auch die Hundehalter in der Verantwortung und sollten sich um ein Miteinander mit den Landwirten bemühen. "Wenn am Rand von Wiesen und Äckern die Hunde ihr Geschäft erledigen, geht das in soweit in Ordnung, als dass die Bauern sich auf diese Situation eingestellt haben und diesen Randstreifen nicht als Futter für ihre Tiere nutzen", so Dr. Gerhard Stehle.