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Perspektivlosigkeit macht viele Jugendliche aggressiv

KIRCHHEIM "Alle unsere Kinder kämpfen mit Schwierigkeiten", beschreibt Professor Dr. Werner Baur, Schulleiter der Janusz-Korczak-Schule, seine Schützlinge. Fast alle

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IRIS HÄFNER

seine Schüler sind an regulären Schulen durch unterschiedliches Verhalten aufgefallen und schließlich in der Kirchheimer Schule für Er

O:STERN.TI_ziehungshilfe gelandet, die an die Paulinenpflege angegliedert ist. Manche Schüler sind durch Aggression aufgefallen, andere durch totalen Rückzug, das bis zum Schlafen im Unterricht reicht.

Die Ursachen für dieses Verhalten sind so unterschiedlich wie die Kinder und Jugendlichen selbst. Bei den ADS-Betroffenen ist es krankheitsbedingt, andere haben Traumata zu verkraften, seien es Kriegserlebnisse oder psychische Verletzungen in der Kindheit. 30 bis 40 Prozent der Schüler kommen aus Ein-Eltern-Familien. Gibt es keine oder geringe Unterhaltszahlungen, sind die Mütter gezwungen zu arbeiten. Bei zwei oder drei Kindern ist die Belastbarkeit schnell erreicht.

Die Schülerzahlen sind stark gestiegen. Waren es vor 20 Jahren gerade einmal 16 Schüler, so sind es heute 140. "Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung. Den Jugendlichen fehlt die Perspektive. Viele sagen sich: wozu denn lernen, ich hab' eh keine Chance", sagt Werner Baur. In der Folge haben sie dann entweder überhaupt keinen Lebensplan oder solche Berufsvorstellungen, die weit weg von der Realität sind, beispielsweise Pilot oder Astronaut.

Entsprechend der Schüler gibt es auch mehr Lehrer: statt vier sind es jetzt 40. Den Sonderpädagogen wird viel abverlangt. Großes Engagement weit über das Normalmaß hinaus zeichnet alle im Kollegium aus. Zunächst einmal muss den Lehrkräften bewusst sein, dass sämtliche Beleidigungen nicht persönlich zu nehmen sind. "Das ist eine große Leistung, die die Kollegen bringen müssen", sagt der Schulleiter. Trotz der unflätigen Bemerkungen der Schüler müssen die Lehrkräfte ruhig bleiben, beharrlich und konsequent sein. "Wenn beispielsweise einer Stühle wirft, halten sie denjenigen fest das kann manchmal eine viertel oder eine halbe Stunde sein. Irgendwann merkt der Schüler, dass man mit einem Ausraster anders umgehen kann als im gewohnten, aggressiven Muster", beschreibt Werner Baur die nicht ganz ungewöhnliche Situation an seiner Schule. Bei all dem muss der Lehrer nebenher noch unterrichten. "Erziehen kann man allerdings nur gemeinsam hier sind auch die Eltern gefragt, die ebenfalls mit Beharrlichkeit den kleinen Ecken ihrer Kinder begegnen müssen", entlässt der Schulleiter die Erziehungsberechtigten nicht aus ihrer Pflicht. Dass dazu ein langer Atem notwendig ist, versteht sich von selbst.

Doch es lohnt sich, mit jedem einzelnen um eine Lösung zu ringen. "Ein Schüler ist aus fünf Schulen rausgeflogen und jetzt auf einem guten Weg", freut sich der Rektor. Fast alle seiner Schützlinge kennt er mit Namen doch nicht nur er. Ab und zu bekommt er Anrufe von der Kirchheimer Polizeiwache. "Zwei meiner Schüler haben es heute Morgen vorgezogen, anstatt den Unterricht zu besuchen, klauen zu gehen", erzählt Werner Baur ohne Umschweife. Den beiden Jungs ist es sichtlich peinlich, dass ihr Vorgehen derart öffentlich gemacht wird. Doch dem Schulleiter geht es dabei nicht um ein Bloßstellen, er hofft vielmehr auf einen erzieherischen Effekt. "Sind die Schüler erstmal bei uns in der Schule, meinen sie, jetzt ist eh alles egal und sie könnten sich alles erlauben", so seine Erfahrung.

Schon allein aus diesem Grund ist Außenkontakt für die Jugendlichen wichtig. "Die Frage für uns war, wie binden wir unsere Schüler in die Normalität ein", erzählt Werner Baur. Neben dem Projekt Tandem, bei dem ein Schüler aus einer Regelschule einen Janusz-Korczak-Schüler beispielsweise mit ins Jugendhaus nimmt, gibt es für die Klassen sieben bis neun mittwochs den Praxistag. Da arbeiten die Jugendlichen in Betrieben außerhalb der Schule. Arbeitsbeginn ist nicht selten um 7 Uhr, dann geht es auf die Baustelle. "Ein Schüler ist seit über einem Jahr bei einem Handwerksbetrieb beschäftigt und hat sich noch keine Fehlzeiten geleistet. Im Praktikum will er sich keine Blöße geben, in der Schule geht es seiner Ansicht nach aber schon", so Werner Baur.

Dem Trend nach immer höheren Schülerzahlen will der Rektor entgegenwirken. "Hier lernen die Schüler voneinander nicht nur Gutes", sieht er der Realität klar ins Auge. Werner Baur ist überzeugt, je früher ein verhaltensauffälliges Kind in entsprechende Bahnen gelenkt wird, desto größer ist die Chance, dass es nie eine Schule für Erziehungshilfe besuchen muss. Deshalb gehen seine Lehrkräfte stundenweise in Regelschulen bei solchen Klassen in den Unterricht, wo es mit einem oder mehreren Schülern Probleme gibt. Die Sonderpädagogen entlasten so die Schulstunde und führen später Gespräche mit den betroffenen Lehrern. "Wichtig ist, dass sich die Lehrer rechtzeitig melden", rät Werner Baur. Wird dieser Zeitpunkt verpasst, kommt irgendwann die Frustration. Dann ist es in vielen Fällen für die Kinder und Jugendlichen allerdings zu spät.

Die Sonderpädagogen besuchen aus diesem Grund auch schon Kindergärten, da bei ein bis zwei Jahren Frühförderung die Weichen entsprechend gestellt werden können. "Mit relativ wenig Mitteln kann hier viel erreicht werden. Sind die Jugendlichen erst mal in der Pubertät, ist es vorbei", erklärt Werner Baur. Die Verhaltensauffälligkeit macht für die Kinder und Jugendlichen zunächst Sinn. "Der Mensch ist ein intelligentes Wesen und tut nichts umsonst. Die Kinder haben einen Gewinn durch ihr Verhalten. Sie bekommen ihren Willen, weil ihnen nur ein geringer Widerstand entgegengebracht wird", so der Rektor. Bei vielen Eltern gibt es auch Verunsicherung darüber, wie der Nachwuchs erzogen werden soll. "Das spüren die Kinder und sie werden mächtig", weiß Werner Baur aus Erfahrung.

Dienst nach Vorschrift gibt es an der Janusz-Korczak-Schule nicht, jeder Lehrer leistet weit mehr, als auf dem Papier verlangt wird. Allen voran Schulleiter Baur, dem die Zukunft seiner Schüler ein Anliegen ist und für den die Begleitung seiner Schützlinge nicht immer mit dem Ende der Schulzeit identisch ist. Ziel der Schule ist es, dass jeder Schüler seinen Hauptschulabschluss in der Tasche hat. Bevor Werner Baur im Oktober vergangenen Jahres die Stelle des Schulleiters übernahm, war schon er bis 2003 sechs Jahre als Lehrer an der Janusz-Korczak-Schule tätig. "Ich konnte mir meinen Jugendtraum erfüllen und eine Professur in Reutlingen antreten", erzählt er. Die Zeiten haben sich jedoch auch an den Hochschulen verändert. Seine Vorstellungen von der Ausbildung von Sonderpädagogen deckten sich nicht mit der hohen Studentenzahl, weshalb er sich für die Stelle als Rektor an seiner alten Wirkungsstätte bewarb ein Glücksfall, wie eine Kollegin verrät.

Die Jungs sind an der Janusz-Korczak-Schule klar in der Überzahl. Damit die wenigen Mädchen nicht untergehen, sind sie unabhängig vom Alter in einer Klasse, womit gute Erfahrungen gemacht wurden. "Als Vorbilder gab es nur Jungs, deshalb sind sie sehr burschikos", so Werner Baur. Damit sie wieder Mädchen sein und unter sich austauschen können, sind sie auch in einer eigenen Wohngruppe untergebracht. "Zimmer von Mädchen sehen einfach anders aus als die von Jungs. Da hängen keine Motorradposter an der Wand", zeigt der Rektor den Unterschied auf.

Die Teckboten-Weihnachtsaktion unterstützt neben dem Förderverein der Janusz-Korczak-Schule auch den Arbeitskreis Leben und die Qualifizierungsgesellschaft Intakt.

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