Lokales

Pflege des Volksliedgutes steht im Vordergrund

In der frühlingshaft dekorierten Gemeindehalle in Jesingen konnte die Chorgemeinschaft der Eintracht 1880 Jesingen ein stolzes Jubiläum feiern. Seit 125 Jahren besteht die Sängergemeinschaft und hat mit ihrem Gesang über fünf Generationen Menschen durch den Wandel der Zeiten geführt und erfolgreich die Pflege des Liedgutes hochgehalten.

RENATE SCHATTEL

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KIRCHHEIM Zahlreiche Ehrengäste sowie Freunde des Chorgesanges folgten der Einladung zum Festakt, den der gemischte Chor der Eintracht unter dem Dirigat von Chorleiter Christian Vogt standesgemäß eröffnete.

Vereinsvorsitzender Hans Frasch blickte in seiner Ansprache auf die reiche Vereinsgeschichte zurück. "21 Männer schickten sich im Jahre 1880 an, einen Gesangverein zur Pflege des vierstimmigen Volksliedes als reinen Männerchor zu gründen", wusste er zu berichten. Schon in den ersten Jahren aber habe es gekriselt und die Zahl der Austritte sei größer als die der Beitritte gewesen. Auch habe man sich über mangelnden Singstundenbesuch beklagt. "Erst als für den bis 1890 namenlosen Verein in einer Abstimmung sich die Mitglieder auf die Bezeichnung Eintracht festlegten, kam neuer Schwung in die Sängerbewegung in Jesingen." Bereits zwei Jahre später konnte dann die Weihe der ersten Vereinsfahne mit einem prachtvollen Fest gefeiert werden. "Regelmäßig beteiligten sich die Sänger am alljährlichen Sängerfest des Teckgau-Sängerbundes," resümierte Hans Frasch. Zahlreiche Preise habe die Eintracht Jesingen beim Preissingen gewonnen und konnte darauf beim 25jährigen Jubiläum stolz sein.

Der Erste Weltkrieg forderte auch in Jesingen seine Opfer und 13 Sangesbrüder kehrten nicht mehr heim. Dennoch, so Frasch, konnte das 40jährige Jubiläum 1920 mit 52 Sängern begangen werden. Im Zweiten Weltkrieg sei dann fast der gesamte Tenor ausgelöscht worden. Angesichts des Männermangels nach dem Krieg habe man 1948 den gemischten Chor aus der Taufe gehoben. Im November 1963 wurde ein Kinderchor gegründet, um der Jugend einen Anreiz zum Singen zu geben. "Viele der heutigen Sängerinnen haben schon im Kinderchor gesungen," freute sich Frasch. Der Sänger Ernst Haller gründete 1964 die Akkordeongruppe, die bis heute ein unverzichtbarer Bestandteil des Gesangvereins sei.

Seit dem 100-jährigen Jubiläum habe sich vieles verändert, so gehöre es heute zum Jahresprogramm, dass neben traditioneller Winterunterhaltung auch konzertante Auftritte des gemischten und Männerchores gehörten. Erstmals in der Vereinsgeschichte traten die Sängerinnen und Sänger im Jahr 2000 eine Chorreise ins Ausland an. "Und im Jubiläumsjahr wird es im Juni nach Prag gehen," kündigte er an. Zahlreiche kleinere und größere Auftritte beim Jesinger Straßenfest, beim Brünneles-Fest und anderen Gelegenheiten haben zur finanziellen Sicherung des Vereins geführt. Heute zählt der Verein 209 Mitglieder, davon 27 Frauen und 17 Männer die in den Chören singen, in den Akkordeongruppen sind 32 Spieler aktiv.

Der hohe Altersdurchschnitt der Sängerinnen und Sänger mache dem Chor zu schaffen und so möchte der Verein noch dieses Jahr einen jungen Chor ins Leben rufen, der die Tradition des Gesanges, aber auch an die heutige Zeit angepasste Chorliteratur, pflegt.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker erwies sich mit ihren Grußworten als Kennerin des Chorgesanges. Sie warf einen Blick zurück ins 19. Jahrhundert, als die ersten Chorvereine gegründet wurden. "Dies geschah nicht nur des gemeinsamen Singens wegen," klärte sie auf, "vielmehr waren es zunächst die Zusammenschlüsse von Bürgern, die sich neben der Volksbildung auch für die Freiheitsrechte und die nationale Einheit einsetzten." Nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819 waren politische Vereine verboten. Selbst das Turnen in Gemeinschaften war untersagt. So blieb den Menschen nichts anderes übrig, als indirekt zu wirken, erzählte Matt-Heidecker. Die wichtigsten Ziele seien damals die nationale Einheit, die Liberalisierung und Demokratisierung gewesen. "Die Lieder jener Zeit bringen diese Forderung deutlich zum Ausdruck." Die Gesangvereine wollten friedfertig belehren. In die Blütezeit der Sängerbewegung Ende des 19. Jahrhunderts sei auch die Gründung des Gesangvereins Eintracht in Jesingen gefallen und habe sich in bester Gesellschaft mit der Eintracht Kirchheim oder dem Frohsinn Ötlingen befunden. Der Liederkranz Kirchheim wurde schon 1826 gegründet.

Matt-Heidecker gab zu Bedenken, dass Chorgesang in heutiger Zeit für die Entwicklung des Menschen von größter Bedeutung sei. So konnte festgestellt werden, dass bei Kindern mit musikalischem Unterricht die soziale Komponente sehr viel ausgeprägter sei und Aggressionen entgegenwirke. Für die Zukunft des Vereins brachte sie neben guten Wünschen auch zwei gehaltvolle Schecks mit.

Ortsvorsteher Harald Eiberger wünschte, dass der Verein weiterhin positive Akzente im Stadtteil Jesingen setze und erließ dem ältesten Kulturträger des Stadtteils für den Festabend die Gebühren für die Gemeindehalle.

Wilhelm Braun, der stellvertretende Gaupräsident des Karl-Pfaff-Gaues, würdigte die Tätigkeit des Chores und brachte die Glückwünsche der 80 Vereine aus dem Gau mit. Die örtlichen Vereine und die Feuerwehr übergaben dem Vorstand Hans Frasch einen angemessenen Scheck für die Vereinsarbeit. Der Vorstand des Kirchheimer Liederkranzes Reinhold Geier sprach als Vertreter aller Kirchheimer Gesangvereine seinen Dank für die gute Zusammenarbeit aus. Seit 16 Jahren bestehe eine intensive Gemeinschaftspflege, die in der Gestaltung von Konzerten ihren Höhepunkt finde. Der Liederkranz spendierte zum Jubiläum die Noten "Melodien zum Verlieben".

Nachdem der gemischte Chor die Zuhörer mit zwei frisch interpretierten Silcherliedern erfreut hatte, konnten noch die Ehrungen vorgenommen werden. Vereinsintern wurden zu Ehrensängerinnen ernannt: Helga Heinz, Karin Schindler und Susanne Stähle, zum Ehrenmitglied wurde Waltraut Kessler ernannt. Vom Deutschen und Schwäbischen Sängerbund für 40 Jahre aktives Singen wurde Hans Koukal, für 50 Jahre Gustav Oßwald und in Abwesenheit Friedrich Brösamlen geehrt.

Nach den Ehrungen stimmte der Gesangverein mit zwei Weinliedern und die Akkordeongruppe unter Leitung von Wolfgang Haller mit der "Feierabend-Ouvertüre" schon auf das bevorstehende gesellige Beisammensein ein.

Der Höhepunkt des Abends gelang jedoch dem Männerchor mit der in Kostümen dargebrachten Persiflage auf das Vereinsleben "Dr Gesangverei", einstudiert und am Akkordeon begleitet von Waldemar Skielo, heftig dirigiert von Walter Brösamlen. Mit guten Hoffnungen für die Zukunft klang der gelungene Festakt bei kleinen Köstlichkeiten und Wein fröhlich aus.