Lokales

Pflegeassistenten als Chance

Seniorenzentren rund um die Teck fordern sorgfältige Auswahl und Ausbildung Arbeitsloser

Langzeitarbeitslose als Betreuer für Demenzkranke – dieser Vorschlag der Bundesagentur für Arbeit hat in den vergangenen Tagen für jede Menge Aufsehen und Empörung gesorgt. Gewisse Bedenken melden auch die Verantwortlichen in den Pflegeeinrichtungen rund um die Teck an. Trotzdem: Sie glauben, dass das Vorhaben bei richtiger Umsetzung doch Chancen birgt.

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Bianca Lütz

Kirchheim. Die Lebenserwartung der Menschen steigt immer weiter – und mit ihr die Zahl der Demenzerkrankungen. Diese Entwicklung geht auch an den Pflegeheimen in Kirchheim und Umgebung nicht spurlos vorbei. Die Verantwortlichen schätzen, dass mittlerweile 50 bis 70 Prozent der Bewohner demenziell erkrankt sind – manche nur schwach, viele aber auch erheblich. In jedem Fall brauchen die Betroffenen ein hohes Maß an Unterstützung und Betreuung: Menschen, die mit ihnen spazieren gehen und ihnen vorlesen, die mit ihnen Einkäufe erledigen, Blumen gießen oder sie ganz einfach bei Alltagsdingen begleiten, die sie selbstständig nicht mehr bewältigen können. Die Folge liegt auf der Hand: Es gibt einen wachsenden Bedarf an Betreuungspersonal.

Dieser Entwicklung wollen die Bundesagentur für Arbeit und das Gesundheitsministerium mit ihrem Vorstoß, Langzeitarbeitslose in Kurzzeitschulungen zu Pflegeassistenten auszubilden, Rechnung tragen. Der Plan ist, sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Tausende von schwer vermittelbaren Arbeitslosen sollen eine Chance auf einen Arbeitsplatz bekommen, während gleichzeitig Engpässe in der Betreuung demenziell erkrankter Menschen bekämpft werden. Diese einfache Rechnung jedoch hat jüngst unter Experten und Politikern in ganz Deutschland für jede Menge Ärger und Entrüstung gesorgt.

Auch aus Kirchheim und Umgebung gibt es Vorbehalte. „In der Öffentlichkeit darf auf keinen Fall das Bild entstehen, dass jeder in die Pflege gehen kann“, betont Stephan Nowak, Pflegedienstleiter der Stiftung Tragwerk, zu der die stationäre Altenhilfe des Kirchheimer Wächterheims gehört. Regionaldirektorin Carmen Treffinger, die bei der Evangelischen Heimstiftung Württemberg für den Bereich Stuttgart und damit auch für das „Haus an der Teck“ in Dettingen und das „Haus im Lenninger Tal“ in Unterlenningen zuständig ist, stellt klar: „Es darf nicht zum Grundsatz werden, Langzeitarbeitslose in die Pflege zu vermitteln.“ Kategorisch ablehnen will sie den Vorschlag trotzdem nicht: „Es mag auch solche Arbeitslose geben, die entsprechende Qualitäten vorweisen können“, sagt sie. Ihre Bedingung lautet jedoch: „Es muss schon ein sehr gutes Auswahlverfahren geben.“

Dass sich nicht jeder für die Pflege eignet und deshalb eine vernünftige Auswahl getroffen werden muss, steht auch für Sandra Mayer, Heimleiterin der DRK-Seniorenzent-ren Fickerstift in Kirchheim und Haus Kalixtenberg in Weilheim, fest. „Ich denke aber, es sollen sowieso nur solche Langzeitarbeitslosen angeworben werden, die auch einen Bezug zur Pflege haben.“ Dann sieht sie eine große Chance darin, zusätzliche Kräfte für die Betreuung demenziell erkrankter Menschen in Heimen zu gewinnen.

„Uns ist jedoch sehr wichtig, dass die Leute gut qualifiziert sind“, betont Sandra Mayer. Um das zu gewährleisten, würde sie sich gerne in der Ausbildung Arbeitsloser zu Pflegeassistenten engagieren. Entsprechende Räume und genügend Know-how seien im Fickerstift vorhanden, weil schon seit Jahren Ehrenamtliche zu Pflegehelfern ausgebildet würden. „Wir wären gerne eine Art Kompetenzzentrum“, sagt die Heimleiterin. Einen entsprechenden Vorschlag habe sie bereits an die Arbeitsagentur herangetragen.

Mit der Idee, zuvor entsprechend ausgebildete Pflegeassistenten zu beschäftigen, kann sich auch Stephan Nowak anfreunden. In diesem Zusammenhang verweist der Pflegedienstleiter der Stiftung Tragwerk auf gute Erfahrungen mit dem Modellprojekt „Wohnhelfer“ des Sozialunternehmens Neue Arbeit. Dabei werden Arbeitslose ausgebildet, um pflegebedürftige Menschen zu Hause zu betreuen.

Wert legt Sandra Mayer zudem darauf, dass die neuen Pflegeassistenten auf keinen Fall echte pflegerische Aufgaben übernehmen oder alleine Demenzgruppen beaufsichtigen sollen. Vielmehr wären sie dazu da, Patienten bei Alltagsdingen zu begleiten und sie zu betreuen. Stephan Nowak betont: „Die Betreuer sollten nicht alleine für die Betreuung zuständig sein, sondern zumindest über einen längeren Zeitraum eng mit dem Pflegepersonal zusammenarbeiten.“ Auch Carmen Treffinger hätte gerne mehr Personal für einfache Dinge wie Vorlesen, Backen und Spazierengehen sowie in der Einzelbetreuung. „Das wäre eine gute Sache“, sagt die Regionaldirektorin der Evangelischen Heimstiftung.

Schon vor einigen Wochen haben die Seniorenzentren von den Plänen der Arbeitsagentur erfahren. Die örtliche Behörde hat eine Umfrage gestartet, um den tatsächlichen Bedarf an Pflegeassistenten zu ermitteln. Von Seiten der fünf DRK-Seniorenzentren im Kreis habe man den geschätzten Bedarf an Pflegebegleitern für Demenzkranke bereits weitergeleitet, berichtet Sandra Mayer: „Für die insgesamt 245 Pflegeplätze unserer fünf Häuser haben wir sechs Stellen gemeldet.“

Carmen Treffinger dagegen hat bislang gezögert. „Es gibt ja noch keine genauen Ausführungsbestimmungen“, begründet sie. „Wir wissen derzeit gar nicht, wie wir das umsetzen sollen.“ So stehe noch nicht fest, welche Bewohner letzten Endes darunter fielen und wer sie als demenzkrank einstufe.

Vorgesehen ist, eine neue Kraft je 25 an Demenz erkrankten Bewohnern einzustellen. Finanziert werden sollen die Stellen der künftigen Pflegeassistenten über die Pflegeversicherung. Sie würden dann also nicht im Personalschlüssel der Einrichtungen auftauchen und diese nicht finanziell belasten.