Lokales

Pflegeheim ist jetzt Eigentum der DRK-Zukunftsstiftung

Eine Gedenktafel im Eingangsbereich des Seniorenzentrums Fickerstift im Kurt-Stocker-Haus erinnert künftig an den großzügigen Spender

Nach außen hat sich nichts verändert, und auch für die Bewohner bleibt alles beim Alten. Dennoch hat eine entscheidende Änderung stattgefunden: Die traditionsreiche Pflegeeinrichtung Fickerstift gehört nicht mehr der Stadt, sondern ist jetzt Eigentum der DRK-­Zukunfts-Stiftung Nürtingen-Kirchheim.

Freude beim DRK und bei der Stadtverwaltung über die an Kurt Stocker erinnernde Gedenktafel. Foto: Jörg Bächle
Freude beim DRK und bei der Stadtverwaltung über die an Kurt Stocker erinnernde Gedenktafel. Foto: Jörg Bächle

Kirchheim. In einer kleinen Feierstunde gedachten Vertreter des DRK-Kreisverbands und der DRK-Zukunftsstiftung als neue Eigentümer und der Kirchheimer Stadtverwaltung als Verkäufer dem Mann, dessen großzügiges Vermächtnis das alles erst möglich machen konnte: Kurt Stocker aus Kirchheim hatte nach dem Tod seiner Frau verfügt, dass sein gesamtes Vermögen später einmal dem Wohle der Allgemeinheit zugute kommen soll. Rat suchend wandte er sich an Notar Dieter Straub. Nach mehreren Sondierungsgesprächen war es dann im Jahr 2008 zur Abfassung eines Testaments zugunsten der DRK-Zukunftsstiftung gekommen.

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„Wir sind Kurt Stocker für sein großzügiges und außergewöhnliches soziales Engagement in tiefer Dankbarkeit verbunden“, stellte der stellvertretende Stiftungsvorstandsvorsitzende Werner Löffler fest und zeigte sich erfreut darüber, „dass wir seinen testamentarisch verfügten Willen hier in seiner Heimatstadt Kirchheim mit dem Erwerb des Fickerstifts erfüllen konnten“.

Bevor er die interessante Persönlichkeit des bescheidenen Stiftungsgebers näher vorstellte, machte er keinen Hehl daraus, dass sich angesichts einer ganzen Reihe schwieriger Sach- und baurechtlicher Fragen die Verhandlungen mit der Stadt länger hingezogen hätten als zunächst gedacht. Er dankte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker aber uneingeschränkt für die stets kons­truktive und faire Verhandlungsführung.

Nach einer vorausgegangenen Phase monatelanger Unsicherheit, in der Stefan Wiedemann, Geschäftsführer der DRK-Seniorenzentren, weder Bewohnern noch Mitarbeitern des Hauses hatte sagen können, wie es weitergeht, habe der im November gefallene Beschluss des Kirchheimer Ratsgremiums, das Fickerstift zu verkaufen, für ein erleichtertes Aufatmen gesorgt.

Den Erwerb des Seniorenzentrums bezeichnete er als zukunftsweisende Lösung, die die Voraussetzungen dafür schaffe, dass der DRK-Kreisverband Nürtingen-Kirchheim weiterhin seine seit 1988 erfolgreiche Arbeit als Betriebsträger dieses Hauses fortsetzen könne. Damit können die Bewohner des Fickerstifts in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und weiterhin von den ihnen bekannten Personen betreut werden, deren Arbeitsplätze durch den erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen jetzt ebenfalls gesichert sind.

Die Oberbürgermeisterin bestätigte, dass hier ein für beide Seiten gutes Ergebnis erreicht und zugleich ein guter Weg gefunden wurde, die Bemühungen der Verwaltung fortzusetzen, sich von Immobilien zu trennen, die nicht in das Aufgabengebiet der Stadt gehören. Im Fall des altehrwürdigen Fickerstifts hatte das Ratsgremium im Wissen um die Fortführung der bewährten Arbeit in der Pflegeeinrichtung einstimmig für einen Verkauf votiert. Vertragliche Rahmenbedingungen aus dem Jahr 1990 verhinderten, dass der Pachtzins weiter erhöht wird. Das hätte bedeutet, dass die Stadt künftig jeden Pflegeplatz im Fickerstift hätte bezuschussen müssen, da die Kosten für die Instandhaltung inzwischen die festgeschriebenen Pachteinnahmen überschreiten.

Sehr beeindruckt zeigte sie sich von dem vom stellvertretenden Stiftungsvorstandsvorsitzenden Werner Löffler gezeichneten „Porträt eines Bürgers, den wir nicht kennen“. Eine bei der Feierstunde vorgestellte Gedenktafel wird künftig an ihn erinnern und die Umbenennung der Einrichtung, „Seniorenzentrum Fickerstift im Kurt-Stocker-Haus“ den testamentarisch erklärten Willen erfüllen, ohne dass der als Kirchheimer Traditionsmarkenzeichen bekannte Name aufgegeben werden müsse.

1926 in Tübingen geboren, in Nürtingen aufgewachsen und aus bescheidenen Verhältnissen stammend, absolvierte Kurt Stocker nach der Schulzeit eine Lehre als Industriekaufmann, geriet dann aber schnell in die Wirrnisse des Krieges. Nach Einsätzen in Frankreich, Belgien, Polen und an der Heimatfront kehrte er schließlich 1948 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück.

In der Nachkriegszeit erkannte Kurt Stocker nicht nur früh, dass es eine lohnende Sache sein könne, Ersparnisse konsequent und über lange Zeiträume hinweg in Aktien zu investieren, sondern bewies dabei zweifellos auch großes Geschick. „Als ehemaliger Banker kann ich da nur den Hut ziehen,“ stellte Werner Löffler angesichts des entstandenen Wertpapiervermögens fest. Dabei habe der bescheiden, wenn nicht gar spartanisch lebende Spender, dessen Erscheinungsbild eindeutig „in krassem Gegensatz zu seiner Vermögenssituation stand“, sich – „soweit nachvollziehbar“ – aus diesem Vermögensstock nichts gegönnt. Sein eigenes Wertpapierdepot habe er wie fremdes Eigentum behandelt.

Nach dem Abschluss seines Testaments zugunsten der DRK-Zukunftsstiftung habe Kurt Stocker lebhaftes Interesse an der Arbeit des Roten Kreuzes gezeigt und im Frühjahr 2010 mit einer Reise nach Solferino auch die Geburtsstätte der Rot-Kreuz-Bewegung besucht.

Sein Leben lang dankbar dafür, dass er die Wirren des Krieges unverwundet überstanden hatte, war der gläubige und bei der Neuapostolischen Kirche aktive Kurt Stocker beim Besuch der Gedenkstätten der Schlacht von Solferino tief bewegt, beeindruckt und im Blick auf seine testamentarische Verfügung froh und erleichtert gewesen, diesen Schritt getan zu haben. Ein Jahr später starb dann der Mann, an dessen Leben eine Gedenktafel im Gebäude erinnert und dessen Name nun für immer unzertrennlich mit dem „Seniorenzentrum Fickerstift im Kurt-Stocker-Haus“ verbunden sein wird.