Lokales

Pflegeheime als Lernorte für Kirche

"Die Pflegeheimseelsorge ist ein wachsendes Feld in der Kirche", ist Reiner Zeyher überzeugt. Der evangelische Pfarrer weiß, wovon er spricht. Der 48-jährige Theologe ist seit mehr als fünf Jahren Seelsorger am Geriatrischen Zentrum Esslingen-Kennenburg. Nun hat er zu Beginn des Jahres die Projektpfarrstelle "AltenPflegeHeimSeelsorge" übernommen.

ULRIKE RAPP-HIRRLINGER

Anzeige

ESSLINGEN Mit dem demografischen Wandel entstehen immer mehr Pflegeheime, die üblicherweise von den jeweils zuständigen Gemeindepfarrerinnen und -pfarrern betreut werden. "Diese sind mit dieser Aufgabe bisher oft ziemlich allein gelassen", weiß Reiner Zeyher. Anliegen der Landeskirche sei es aber, in Kooperation mit dem Diakonischen Werk die Kirchengemeinden und Pflegeeinrichtungen stärker miteinander zu vernetzen zu beider Nutzen, ist der Pfarrer überzeugt.

"Das Pflegeheim ist ein geistlicher Lernort für die Kirche als Ganzes." Viele Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Seelsorge im Pflegeheim sei es an Bewohnern oder Mitarbeitern könnten auf andere Bereiche der Gemeindearbeit übertragen werden. "Das Heim ist ein Ort, an dem sowohl Bewohner als auch Mitarbeiter und Seelsorger ihre Begrenztheit erfahren, der herausfordert, wieder über den Glauben zu reden."

Wenn die Verständigung mit Worten, etwa mit dementen Menschen, nicht mehr möglich sei, müssten andere nonverbale Kommunikationsformen entwickelt werden. Bewusst kombiniert die Stelle beides: "Ohne Praxiserfahrung ist es schwer, tragfähige Strukturen zu entwickeln", ist Zeyher sicher. Zu 50 Prozent arbeitet er deshalb weiter als Pflegeheimseelsorger am Geriatrischen Zentrum Esslingen-Kennenburg. An drei Tagen in der Woche ist er in seinem Büro im Diakonischen Werk in Stuttgart, um im Team mit zwei Mitarbeiterinnen Konzepte zu entwickeln, "wie Kirchengemeinden und Einrichtungen der Altenhilfe vor Ort der Herausforderung der Pflegeheimseelsorge gerecht werden können". Angedachte Projektinhalte sind unter anderem qualifizierte und praxisnahe Fortbildungsangebote für Pfarrer, Diakone und Ehrenamtliche, eine breite Öffentlichkeitsarbeit über dieses eigene Arbeitsfeld in der Kirche, sowie die Unterstützung von Kirchengemeinden und Einrichtungsträgern bei der Erarbeitung von Seelsorgekonzeptionen.

"Seelsorge ist für die Heimträger ein wichtiges Qualitätsmerkmal", weiß Pfarrer Zeyher. Auch das ein Grund, warum gegenwärtig in der wachsenden Landschaft der Pflegeheime die Pflegeheimseelsorge an Bedeutung zunimmt. Im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen sind inzwischen 23 Pfarrerinnen, Pfarrer und Diakone neben ihrer Gemeindearbeit in Alten- und Pflegeheimen tätig. Der Austausch unter den Seelsorgern etwa über Arbeitshilfen wie Gottesdienstmodelle oder seelsorgerliche Konzeptionen wird deshalb immer wichtiger. "Auch hier gilt es, Wege der Kommunikation zu finden und aufzubauen."

Die Pflegeheimseelsorge auch innerhalb der Kirche stark zu machen, ist für Reiner Zeyher ein zentrales theologisches Anliegen. "Ich will mich für Menschen am Rande einsetzen. Es ist wichtig zu zeigen, dass nicht nur die Leistungsträger in der Gesellschaft zählen, sondern dass Menschen am Ende ihres Lebens die gleiche Würde und das Recht haben, wahrgenommen zu werden. Denn sie können uns viel sagen über das, worauf es im Leben wirklich ankommt."

Die Projektpfarrstelle ist bis Mitte 2009 befristet. Eines der Ziele wird sein, die bisherigen vier Sonderpfarrstellen der Landeskirche für die Pflegeheimseelsorge, darunter die am Geriatrischen Zentrum Esslingen-Kennenburg, so weiterzuentwickeln, dass sie Ansprechpartner werden für die Pflegeheimseelsorger in ihrer jeweiligen Region.