Lokales

Philosophische Briefe und Amtsakten

Von 1790 bis 1812 war Albrecht Friedrich Lempp als Oberamtmann in Kirchheim unter Teck tätig und bekleidete damit das höchste staatliche Amt im Bezirk zu einer Zeit, die von einschneidenden Umwälzungen geprägt war. In Württemberg herrschten während diesen Jahren nicht nur insgesamt drei Regenten, auch die gesamte Staatsorganisation wurde auf eine neue Grundlage gestellt, als Folge der Erhebung Württembergs zum Königreich von Napoleons Gnaden 1806 und der Verdoppelung des Staatsgebiets.

WERNER FRASCH

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KIRCHHEIM Die Leitung eines Oberamts war alles andere als ein ruhiger "Versorgungsposten" für verdiente Staatsbeamte, sondern erforderte vollen Einsatz und eine geistige Haltung, die über die bloße Ausübung von Amtsgeschäften hinaus ging. Die Grundlage für seine berufliche Tätigkeit erhielt der am 19. April 1758 in Stuttgart geborene Albrecht Friedrich Lempp durch ein Studium an der Hohen Karlsschule in der württembergischen Residenz. Der 15-Jährige besuchte dieses von Herzog Carl Eugen eingerichtete und 1775 von der Solitude nach Stuttgart in die Nähe des Neuen Schlosses verlegte Bildungsinstitut von 1778 bis 1784. Das Studium schloss er mit dem Titel eines herzoglichen Regierungssekretärs ab. An dieser universellen Hochschule die trotz Drill und Unterordnung auch als modernes Gegenstück zur ehrwürdigen Tübinger Alma mater verstanden wurde begegneten sich Lempp und Friedrich Schiller, dessen 200. Todestag in diesem Jahr gedacht wird. Das gemeinsame Interesse des Jurastudenten Lempp und des drei Jahre älteren Medizinstudenten Schiller galt der Philosophie. Beide Karlsschüler besuchten die Vorlesungen von Jakob Friedrich Abel, dem philosophischen Zentrum der Einrichtung, die auch für Kinder unvermögender Eltern eine breite, klassische Bildung einschließlich künstlerischer Lehrfächer bot. Der philosophische Unterricht vermittelte den Zöglingen geistige Erkenntnisse und schärfte ihre methodischen Fähigkeiten und das logische Denken.

Schillers FreundeskreisSchiller pflegte neben seinem Freundeskreis mit schriftstellerischen und literarischen Interessierten enge Beziehungen zu einer Gruppe von Karlsschülern, für die der Philosophieunterricht im Vordergrund stand. Zum Lehrinhalt an der Karlsschule gehörten nicht nur die Meisterdenker der griechisch-römischen Antike. Der junge Dozent Abel war es, der dem Bestreben des Herzogs, seine Akademie von der konservativ-verstaubten Tübinger Universität abzusetzen und unverbrauchte Lehrkräfte zu fördern, sehr entgegenkam. Er hatte sich schon früh von der etablierten Lehrmethode abgewandt und jenseits des üblichen Paukbetriebs und dem Auswendiglernen von Lehrsätzen mit den aktuellen Tendenzen der Moralphilosophie, des Empirismus und der Erfahrungsseelenkunde befasst. Sein Unterricht auf der Grundlage einer "Philosophie des gesunden Verstandes zur Bildung des Geschmacks, des Herzens und der Vernunft" fand bei den Karlsschülern großen Anklang und wirkte bei vielen ein Leben lang nach. Dazu gehörte auch Friedrich Albrecht Lempp; er wurde als ein Feuerkopf mit starken philosophischen Interessen bezeichnet. Zum Freundeskreis Schillers zählte Lempp vor allem wegen seines scharfsinnigen Urteilsvermögens und seiner überdurchschnittlichen Intelligenz, die den Respekt des gleichermaßen literarisch wie philosophisch interessierten Marbacher Musensohnes fand. Schiller habe daher über Lempp stets "mit einer Art von Cult" gesprochen, erinnerte sich später der einstige Schillerfreund Georg Friedrich Scharffenstein, dem Lempp Jahre später wieder in Kirchheim begegnen sollte. Lempp ließ sich auch von der Flucht Schillers aus Württemberg und dem Umstand, dass der ehemalige Karlsschüler und nachmalige Theaterdichter in Mannheim beim württembergischen Herzog in Ungnade gefallen war, nicht davon abhalten, den Kontakt zu dem Freund im Geiste aufrechtzuerhalten. Im Juli 1784 versuchte er, über die Landesgrenze hinweg, wenigstens brieflich mit ihm in Verbindung zu bleiben: "Dieser Brief möchte nur einer Anfrage dienen, ob und in welchen Rücksichten du dich mit mir in einen Briefwechsel einlassen möchtest." Es blieb allerdings bei dieser Fühlungnahme, bis Lempp im September 1802 erneut an Schiller herantreten und an die Jugendfreundschaft erinnern sollte. In einem ausführlichen Brief schildert er Schiller gegenüber seine persönliche Situation und lässt ihn an seinen Empfindungen teilhaben: "In der ekelhaften Sphäre des menschlichen Eigennutzes und menschlicher Torheiten in welche mich mein Amt umtreibt, habe ich noch ein Herz erhalten, das in dir, lieber Freund, den tief und wahr und stark fühlenden Freund mit Wärme liebt und mit Dank sich durch deines Geistes Produkte erheben läßt, ein Herz, das durch das Gefühl des Schönen und Wahren sich jung zu erhalten strebt. Ich wollte dir sagen, ...dass ich mich an deinen Schriften erhole..."

Die Philosophischen BriefeDie Freundschaft zwischen Friedrich Schiller und Friedrich Albrecht Lempp hatte sich auch in den "Philosophischen Briefen" niedergeschlagen, die Schiller Ende April 1786 in seinem dritten Thalia-Heft als Bruchstück veröffentlichte. Dieser Fragment gebliebene Text setzt sich in der literarischen Form des Briefromans mit tiefsinnigen philosophischen Fragestellungen auseinander. Die Freunde Julius und Raphael lassen sich in ihrem Briefwechsel auf ein Gedankenexperiment ein, das den Schritt von der Stufe religiöser Zuversicht im Zeichen naiven Glaubens zu einer Vernunftphilosophie und zur Fähigkeit der Unterscheidung und logischer Begründung anstelle eines voraussetzungslosen Gottvertrauens nachzeichnet. Raphael kommt dabei die Rolle des Vertreters der rationalen Vernunftphilosophie zu. In der Figur des "unterkühlten Skeptikers Raphael" sieht der Schiller-Biograf Peter-Andre Alt denn auch ein "verschattetes Porträt Lempps". Schiller hat den "Philosophischen Briefen" eine "Vorerinnerung" vorangestellt, in der es ganz im Lichte einer neuen von der Vernunft gelenkten Welt heißt: "In einer Epoche, wie die jetzige, wo Erleichterung und Ausbreitung der Lektüre den denkenden Teil des Publikums so erstaunlich vergrößert, wo die glückliche Resignation der Unwissenheit einer halben Aufklärung Platz zu machen anfängt und nur wenige mehr da stehen bleiben wollen, wo der Zufall der Geburt sie hingeworfen, so scheint es nicht ganz unwichtig zu sein, auf gewisse Perioden der erwachenden und fortschreitenden Vernunft aufmerksam zu machen, gewisse Wahrheiten und Irrtümer zu besichtigen, welche sich an die Moralität anschließen..."

In der Tat geht es in dem sich anschließenden philosophischen Prozess um die Gesundung des melancholischen Schwärmers Julius, der eine Identitätskrise durchlebt, ausgelöst durch den skeptischen Zweifel der Vernunftphilosophie an seinem naiven Glauben (Der Mensch "war so glücklich, bis er anfing zu fragen, wohin er gehen müsse, und woher er gekommen sei. Die Vernunft ist eine Fackel im Kerker.") Die Krise gipfelt schließlich in dem Vorwurf an Raphael: "Du hast mir den Glauben gestohlen, der mir Frieden gab. Du hast mich verachten gelehrt, wo ich anbetete..." Doch der Freund hält in der Art des therapeutischen Arztes entgegen: "Undankbarer! Du schmähst die Vernunft, Du vergissest, was sie Dir schon für Freuden geschenkt hat. Hattest Du auch für Dein ganzes Leben der Gefahren der Zweifelsucht entgehen können, so war es Pflicht für mich, Dir Genüsse nicht vorzuenthalten, deren Du fähig und würdig warst." Die Beharrlichkeit Raphaels bringt den Freund Julius schließlich dazu, sich im Wege einer Selbsttherapie Klarheit zu schaffen und den Wert der Reflexion zu erkennen: "Jede Fertigkeit der Vernunft, auch im Irrthum, vermehrt ihre Fertigkeit zu Empfängniß der Wahrheit."

Oberamtmann in KirchheimNüchternheit und Sachlichkeit war auch die Maxime des Handelns von Albrecht Friedrich Lempp als Oberamtmann in Kirchheim. In dieses Amt wurde er im Jahr 1790 berufen und übte es 22 Jahre aus. Nach dem Abschluss der hohen Karlsschule war er 1784 zunächst in Begleitung eines jungen Russen nach England gereist. Auf dem Weg dorthin besuchte er Friedrich Schiller in Mannheim, wo dieser zwei Jahre vorher nach seiner Flucht aus Stuttgart als Theaterdichter angestellt worden war. Die alte Verbindung aus ihrer gemeinsamen Zeit an der Karlsschule ließ sich allerdings nicht wieder herstellen; Lempp hatte keinen Erfolg, Schiller zum Beitritt in den Freimaurerbund zu bewegen. Das Verhältnis Lempps zu Schiller bliebt trotzdem geradezu innig, wie aus einem Brief hervorgeht, der nach der Abreise aus Mannheim geschrieben wurde: "Wir können uns in den Herzen nicht näher kommen, als wir es schon sind... behalte mich ewig in deinem Herzen, es sind die einzigen Schätze, die ich auf der Welt besitze, und ich achte sie sehr hoch."

Wenige Monate später, nach seiner Rückkehr aus London, trat Lempp in den württembergischen Staatsdienst ein, in den er trotz seiner freiheitlichen Auffassung aufgenommen wurde. Selbst eine nebenamtliche Lehrtätigkeit an seiner ehemaligen Ausbildungsstätte wurde ihm übertragen. Seine juristischen Vorlesungen befassten sich mit der Staatsrechtslehre von Montesquieu und damit mit rechtsphilosophischen Fragestellungen auf der Höhe der Zeit; der Gedanke des Rechtsstaates und der Gewaltenteilung trat stärker in den Blickpunkt.

Seine Berufung als Kirchheimer Oberamtmann brachte Lempp übrigens bald mit einem seiner weiteren ehemaligen Mitschüler aus der Stuttgarter Karlsschulzeit zusammen, seine Wege kreuzten sich nun mit denen Georg Friedrich Scharffensteins. Es war Schiller gewesen, der die Freundschaft zwischen Scharffenstein und Lempp einst gestiftet hatte. Die letzte Nacht vor seiner Flucht nach Mannheim, hielt sich Schiller in einem Wachlokal in der Stuttgarter Esslinger Vorstadt auf. Unter den Anwesenden war auch Scharffenstein. Er erinnert sich in seiner Lebensbeschreibung: "In jener letzten Nacht, die ich mit Schiller zubrachte, war es auch für Schillers sehr gerührte Seele das tröstendste, genügendste, mir diesen damals noch unbekannten Freund vermachen zu können."

In der Landmiliz Das Kirchheimer Zusammentreffen der beiden Freunde war die indirekte Folge der Politik des Herzogs Ludwig Eugen. Dieser stellte 1794 angesichts der von Frankreich nach der Revolution drohenden Gefahr die altwürttembergische Landmiliz wieder her. An die Spitze des Kirchheimer Bataillons berief er im Mai 1794 zur großen Freude Lempps und Scharffensteins den Letzteren. Den Kommandeuren der Landmiliz war allerdings auferlegt worden, die Leute mit "allmöglichster Gelindigkeit und Schonung" zu behandeln, da Bürger befehligt würden, die zur "Verteidigung des Vaterlands in Waffen gesetzt" seien. Dieser Bürgervereinigung war dann in der Tat nur eine kurze Dauer beschieden, denn bereits 1796, als die Franzosen den Rhein überquerten, befahl Herzog Friedrich Eugen die Verbände aufzulösen, Waffen und Ausrüstung zu verstecken und den Eindringlingen aus den Augen zu gehen.

Dabei hatte Scharffenstein das Kommando über die Bürgermiliz voller Hingabe wahrgenommen. In seinen Erinnerungen ist zu lesen: "Der hellste Punkt meiner Existenz, die Epoche, in der das reinste Glück des Herzens mit dem Bewusstsein würdiger, gehaltvoller Tätigkeit verbunden war, ist meine Anstellung bei der Landmiliz gewesen. Diese Anstalt hatte ganz eine vaterländische Tendenz. Mein frommer Wunsch, mein Ideal, Bürgersinn mit militärischem Geiste zu amalgamieren und beides zu veredeln, einem in Selbstsucht und Indolenz stagnierenden abgestumpften Volke Schwung zu geben, schien mir in Wirklichkeit überzugehen."

Das Gespann Lempp und Scharffenstein hatte bei der Obrigkeit durchaus Eindruck gemacht, wie den Erinnerungen des Geheimen Sekretärs des Herzogs zu entnehmen ist: "Die Fortschritte der Landmilizbataillone waren natürlicherweise sehr ungleich, je nachdem die Offiziere, die sie kommandierten, und die Oberamtleute, bei denen sie standen, beschaffen waren. Das zu Kirchheim, das den geschickten Hauptmann Scharffenstein zum Kommandeur hatte und wo der rechtschaffene Lempp Oberamtmann war, zeichnete sich bald vor allen anderen aus." Selbstbewusst beurteilte auch Scharffenstein den Zustand seiner Truppe: "Das Bataillon von Kirchheim gewann bald einen imponierenden Aspekt. Jedes Zusammenziehen zum Exerzieren war ein Fest, zu dem gewallfahrtet, wo die Brust mit wohltuendem, bisher unbekannten Hochgefühl erfüllt wurde." Das Zusammenwirken zwischen den beiden Gesinnungsfreunden bewährte sich auch nach dem Ende Landmilizzeit. Scharffenstein und Lempp erreichten durch geschickte Verhandlungen mit den Franzosen, dass Quartierlasten von Kirchheim weitgehend abgewendet wurden. Belastungen trafen eigentlich nur Lempp selber, denn er musste dem französischen Kriegskommissar sein Pferd samt neuer Decke überlassen.

Dass die Stadt von weiteren Forderungen verschont blieb, würdigte im Übrigen die Amtsversammlung gebührend. Am 28. Mai 1801 beschloss dieses Gremium, die Mühen und Anstrengungen Lempps zu würdigen und mit einer Belohnung von 220 Gulden zu anerkennen.

Ein MenschenfreundDer Kirchheimer Oberamtmann Lempp durfte noch einige Jahre an seinem Wirkungsort unter der Teck verbleiben. In seiner amtlichen Funktion hatte er vor allem Stabilität und Ruhe sicher zu stellen, was auch seiner persönlichen Neigung entgegenkam. Seine Einstellung zu Napoleon war somit nicht ablehnend oder negativ. Er sah in ihm in erster Linie einen Ordnungsfaktor, der auf seine Art die Verhältnisse in Europa wieder stabilisierte. Allerdings nahm Lempp durchaus auch Aufgaben wahr, die nach heutiger Auffassung der Daseinsvorsorge dienten und als staatliche Intervention angesehen werden können. Denn als Reaktion auf die stark gestiegenen Holzpreise, wodurch auch die Brennholzversorgung in Gefahr geriet, propagierte er den systematischen Abbau von Torf in der Schopflocher Torfgrube, um eine Alternative zur herkömmlichen Energieversorgung zu schaffen. Mit dieser Neuerung stieß der Oberamtmann bei den Albbauern allerdings auf keine Gegenliebe. Die Einheimischen hätten, so klagte er, gegen alles, "was Industrie heißt, einen tiefgreifenden Hass" und seien gegen den "Betrieb des Torfwesens, solange ihnen noch der letzte Stamm Holz mitten im Sommer eine heiße Stube gibt." Wohler hat er sich daher sicher bei der Ordnung des Registraturwesens und der Dokumentierung des Kirchheimer Stadtrechts gefühlt, die er sich ebenfalls angelegen sein ließ.

Der Staatsbeamte Lempp scheint ein positives Verhältnis zu den Bewohnern seines Amtsbezirks gehabt zu haben. Seine persönliche Einstellung zu den Mitmenschen prägte auch die Amtsführung. Geradezu humanistisch-aufgeklärt mutet es an, wenn Lempp in einem seiner philosophischen Diskurse mit Freund Scharffenstein dieses Bekenntnis ablegt: "Sie dürfen es mir glauben, vor mir und in meinen Privatverhältnissen, in meinem Herzen ist der Unterschied der Stände bis auf den letzten Tropfen verschwunden. Was ich als Bürger anzuerkennen habe, tue ich aus Gehorsam und Pflicht; was ich wegen dem Rang der Menschen zu beobachten habe, dagegen will ich nicht kriegen; welche Nachsicht ich ihren Vorurteilen schuldig bin, die gebe ich den hohen und niedern, den alten und jungen, den schönen und hässlichen aus Liebe, aber meine Achtung, Neigung, Freundschaft und höheren Empfindungen, die können ebenso wenig durch Rang und Stand, Nutzen, Protektion etc. hervorgebracht werden so wenig das Schiff anders als auf dem Wasser schwimmen kann; sie gehören dem guten Menschen, sollte er auch Soldat oder gar General sein."

Seine Lebensmaxime fasste er wiederum in einem Brief an Scharffenstein zusammen, wobei er sich ganz auf Schiller berief: "Auch dem Menschen, der dir im engen Leben begegnet, / Reich` ihm, wenn er sie mag, freundlich die helfende Hand. / Nur für Regen und Tau und für`s Wohl der Menschengeschlechter / Lass du den Himmel, Freund, sorgen wie gestern, so heut."

Die gesellschaftlichen Verhältnisse ringsum und die Einstellung seiner Mitmenschen belasteten Lempp angesichts seiner eigenen Humanität immer stärker. Er als edler Menschenfreund fühlte sich zunehmend unverstanden, die alte Ordnung hatte sich zu seinem Leidwesen mehr und mehr überlebt, wirkliches Vertrauen konnte nach seinem Empfinden kaum noch jemandem entgegengebracht werden. So bekam der regelmäßige Briefwechsel mit Freund Scharffenstein eine immer wichtigere Bedeutung; nur dabei konnte er offen sein. Als nach langer Zeit die Korrespondenz zwischen beiden wieder aufgenommen wurde, schrieb Lempp voller Freude: "Ich habe die entzückende Empfindung genossen, noch ein Herz zu besitzen, in dem Liebe und Freundschaft für mich wohnt, und bleibt uns denn auch in diesem Zeitalter der Zerstörung noch ein anderer Genuß? Ja, liebster Freund, die alten Formen stürzen ein. Wir wohnen unter Trümmern, unsere Wohnungen, in denen wir uns bequem zu leben gewöhnt hatten, sind zerstört und wir sind Wind und Wetter preisgegeben. Diese Lage ist schmerzhaft und desto schmerzhafter je weniger jugendliche Kraft vorhanden ist, das Ungemach zu ertragen."

Eine neue AufgabeDas philosophisch-geruhsame Leben Lempps im Kirchheimer Oberamt fand allerdings im Herbst 1812 ein unerwartetes Ende. Der Staatsbeamte hatte es für sich und seine Familie im Städtchen an der Teck im Laufe der Jahre recht behaglich eingerichtet. Neben seiner standesgemäßen Amtswohnung im Vogthaus an der Stadtmauer, verfügte er seit Juli 1812 über einen "ordentlichen Garten mit einem Gartenhaus in der Siechengasse", wo er sich so "etabliert'" hatte, dass er von diesem "Landsitz" aus schreiben konnte: "Es ist mir wohltätig, mich hier in dieser Gegend der freien Natur erfreuen zu können." Obwohl er früher eine berufliche Veränderung begrüßt hätte, kam ihm jetzt auch angesichts der ländlichen Idylle seines Refugiums der vom König verfügte Wechsel nach Stuttgart als Oberjustizrevisionsrat und Mitglied des Königlichen Oberjustizkollegiums alles andere als gelegen. Diese Aufgabe brachte den einstigen Kirchheimer Oberamtmann bald mit hoch politischen Fragen in Berührung. In Württemberg kam es, wie in ganz Deutschland, zu Bestrebungen, die unumschränkte Macht des Monarchen einzuschränken und auf die Grundlage einer Verfassung zu stellen. Unterschiedliche politische Strömungen im Land führten zu heftigen Auseinandersetzungen über die Staatskonstitution.

Zu Lempps neuen Mitarbeitern zählte auch Ludwig Uhland, der ein glühender Verfechter der altwürttembergischen Verfassung und der Wiederherstellung des Tübinger Vertrags von 1514 war. In dieser extremen Auffassung scheint Lempp Uhland nicht gefolgt zu sein, überraschte den jungen Advokaten und Vaterlandsfreund jedoch aus einem anderen Grund, wie Uhland seinem Tagebuch im Mai 1813 anvertraute: "Mittagessen bei Lempp, den ich durch seine interessanten Äußerungen über Poesie u.s.w. von einer mir ganz neuen Seite kennen lernte." Dabei war Lempp damals durchaus für eine Wiederbelebung altwürttembergischer Grundsätze eingetreten. Er befürchtete, wenn der König zumal er ihn einen "Tollhäusler" nannte diesen Forderungen nicht nachgebe, dass das "Aufhören des Steuerzahlens der erste Ausbruch der Volksstimmung" sein werde. Zu diesem Steuerzahlerboykott ist es indes nicht gekommen und auch Lempp ging zunehmend auf Distanz zu denjenigen, welche die Rückkehr zum "guten alten Recht" forderten, denn er war überrascht über "die Anmaßungen der verwirrenden Demagogen in der Ständeversammlung" und konnte ihr Verlangen im Zusammenhang mit der Verfassungsdebatte unmöglich für gut finden. Dabei musste er allerdings erkennen: "Der König hasst uns und die Stände verfolgen uns."

Dieser Zwiespalt am Festhalten des Überkommenen und das Empfinden, dass ein humanes Zusammenleben eine neue Grundlage mit der Anerkennung anderer Auffassungen und des gegenseitigen Respekts notwendig machte, bestimmte die weitere Tätigkeit Lempps in Stuttgarter Staatsämtern bis zu seinem Tod am 23. Januar 1819.