Lokales

Pionier einer Psychiatrie mit offenen Türen

Gut 25 Jahre lang wirkte Dr. Andreas Schlingensiepen als Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Nürtingen. Im Paracelsus-Krankenhaus in Ruit wurde er in einer Feierstunde in den Ruhestand verabschiedet. Seine Nachfolge hat Dr. Martin Roser angetreten.

ANKE KIRSAMMER

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KREIS ESSLINGEN Rhythmisches Klatschen und ein rockiger Sound zum Auftakt: Die "singende Psychiatrieschwester" und die beiden Musiker von "eRanBe" verabschiedeten den "Big Boss Man", Dr. Andreas Schlingensiepen, auf ihre Art.

Zwei Jahre nach der Gründung der psychiatrischen Abteilung in Nürtingen war der gebürtige Siegener nach Stationen unter anderem in Düsseldorf, Gütersloh, in den USA, in Ulm, Kaiserswerth und Zwiefalten 1981 als Chefarzt an den Neckar berufen worden. "Sie haben die Entwicklung der Klinik maßgeblich geprägt", bescheinigte Landrat Heinz Eininger dem 65-Jährigen. "Schlingensiepen trat immer dafür ein, Menschen mit psychischen Krankheiten die gleichen Möglichkeiten und Rechte zu geben wie Menschen mit körperlichen Beschwerden." Auch habe er immer eine wohnort- und familiennahe Versorgung angestrebt. "Ein Anliegen war Ihnen die Eigenständigkeit der Patienten mit der Teilhabe an der Gesellschaft." Unermüdlich habe er gegen Vorurteile angekämpft und um mehr Verständnis geworben. Der Kreisverwaltungschef bezeichnete Schlingensiepen als "Netzwerker", der den ambulanten und stationären Bereich verzahnen wollte und der die Notwendigkeit sah, eine ambulante Versorgungsstruktur aufzubauen. Im Zuge dieses Bestrebens seien die gemeindepsychiatrischen Verbünde der fünf Versorgungsregionen des Landkreises entstanden. Eininger nannte den scheidenden Chefarzt einen Pionier in Bezug auf die Öffnung psychiatrischer Stationen. "Ihre Leitidee waren der Verzicht auf Restriktionen und der Respekt gegenüber psychiatrisch Kranken". Gleichzeitig habe er aber die Erkrankten in die Pflicht genommen und Eigenverantwortung von ihnen erwartet. "Die Diagnose galt nicht als Freibrief, in Passivität zu verfallen."

Für Chefarzt Dr. Jürgen Welter, Ärztlicher Direktor des Klinikums Kirchheim-Nürtingen, war Schlingensiepen ein "wertvoller und hoch geschätzter Kollege", dessen renommierte Abteilung deutschlandweit anerkannt sei. "Sie haben eine beneidenswerte Fähigkeit zu diskutieren, zu organisieren und zu gestalten. Während Schlingensiepens Zeit als Ärztlicher Direktor in den 90er-Jahren, entstand in Nürtingen unter anderem auch die Abteilung für Plastische- und Handchirurgie.

"Motor, Mahner und Perfektionist" mit diesen drei Schlagworten skizzierte Chefarzt Dr. Martin Waelsch von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Kreiskrankenhaus Plochingen seinen langjährigen Weggefährten. Hauptprojekt Schlingensiepens seien Beziehungen gewesen. Sie bildeten den Grundstein für verständnisvolles Handeln. Durch Beratung entstehe eine neue Lebensgeschichte. Waelsch forderte Schlingensiepen auf, ein Buch zu schreiben über seine Domäne "Parallelprozesse" und prophezeite ihm: "Ruhe wirst du nicht haben."

Karl-Rudolf Traub, Geschäftsführer der AOK Nürtingen-Kirchheim, machte einen Wandel im Umgang mit psychisch Kranken aus. Inzwischen gehe die Gesellschaft deutlich positiver und offener mit den Betroffenen um. Das sei mit Schlingensiepens Verdienst.

Der scheidende Chefarzt sah seine Anfänge als Psychiater bereits in Kindertagen. Als jüngstes von sechs Geschwistern konnte er nur gewinnen, wenn er verstand, was zwischen den Eltern und den Kindern lief. Dankbar zeigte er sich auch Esslingens ehemaligem Landrat Dr. Braun gegenüber. "Hier konnte ich ein bisschen kess sein und habe viel Rückenwind erfahren."

Landrat Eininger zeigte sich überzeugt davon, dass Schlingensiepens Nachfolger Dr. Martin Roser nahtlos an die Arbeit seines Vorgängers anknüpfen wird. In Esslingen aufgewachsen, studierte Roser in Freiburg und Berlin. Eine Station war das Bürgerhospital in Stuttgart, wo er seine Weiterbildung zum Facharzt absolvierte. Zuletzt war er Chefarzt der Gerontopsychiatrie des Zentrums für Psychiatrie Calw am Klinikum Nordschwarzwald und als Ärztlicher Direktor des Klinikums mit der medizinischen Leitung von sieben Fachabteilungen betraut.

Rosers Aufgabe am Klinikum Kirchheim-Nürtingen wird in dem kommenden Jahren unter anderem der Umzug der psychiatrischen Abteilung nach Kirchheim sein. An seiner neuen Wirkungsstätte lobte Roser die positive Atmosphäre. "Bewährtes auszubauen betrachte ich als Verpflichtung." Der Neue verdeutlichte, dass psychische Erkrankungen weit verbreitet sind. 25 Prozent aller Frauen und zwölf Prozent aller Männer erkranken an einer Depression, 58 000 Menschen in der Europäischen Union sterben durch Selbsttötung.

Beim Stichwort Gemeindepsychiatrie sei die Zivilgesellschaft gefragt. Umfassende Gleichstellung bedeute Teilhabe am bürgerschaftlichen Leben in der Gemeinschaft. Wichtig sind Roser auch gerontopsychiatrische Fragestellungen. Er machte zudem darauf aufmerksam, dass Psychiatrie und Psychotherapie im personellen Bereich nicht weiter sparen könnten. "Ein halbstündiges zugewandtes Gespräch lässt sich nicht rationalisieren." Das Vermeiden von Ausgrenzung ist eines von Rosers vorrangigsten Zielen. Er forderte dazu auf, Netzwerke in den Gemeinden aufzubauen. Im Übrigen sei keiner vor einer psychischen Erkrankung gefeit. "Jeder kann schon morgen psychisch krank werden."