Lokales

Pizza, Bier und echte Helden Die Nacht, als alle Dämme brachen

Maradona, Milla, Schillaci, Matthäus Namen, die im Frühsommer vor 16 Jahren die Fußballfans auf der ganzen Welt elektrisieren. Am 8. Juli 1990, dem Datum des vorerst letzten deutschen WM-Triumphs, verhängen Fußballfans den Ausnahmezustand über Kirchheim.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Den Blick starr auf das runde Leder gerichtet. Bloß dem

O:9020603.JP_Gegenüber nicht in die Augen schauen. Um 21.43 Uhr an diesem kühlen Sommerabend halten Millionen Fußballfans auf der ganzen Welt den Atem an. Es ist die 84. Spielminute, als Andreas Brehme mit versteinerter Miene sich den Ball am Elfmeterpunkt zurecht legt. Deutschland steht zum sechsten Mal im Finale einer Fußball-WM. Es ist ein überragendes Turnier, das die Mannschaft von Teamchef Franz Beckenbauer bis dahin gespielt hat und kaum einer der Millionen Zuschauer vor den Fernsehschirmen daheim hegt auch nur den leisesten Zweifel: Wenn Brehme trifft, sind die Deutschen zum dritten Mal Weltmeister. Zu harmlos die Argentinier um ihren Superstar Maradona an diesem Tag, nach zwei Roten Karten überdies nur noch zu neunt auf dem Platz. Argentiniens Torhüter Goicochea ahnt die Ecke, doch der Flachschuss ins linke Eck ist zu platziert.

Unter den knapp 76 000 Zuschauern im weiten Rund des Olympiastadions von Rom ist auch Achim Hohler. Der damals 26-Jährige Handballer aus Owen hat das Ticket bei einem Preisausschreiben gewonnen und sitzt beim WM-Finale zum ersten Mal in seinem Leben in einem Fußballstadion. Der Kessel kocht, der Lärm ist ohrenbetäubend. Das Tor jedoch fällt ohne ihn, weil ihm das Fahnenmeer die Sicht verdeckt. "Die entscheidende Szene musste ich mir hinterher daheim im Fernsehen anschauen", erinnert er sich.

Als drunten auf dem Rasen der Torschütze die Arme in die Höhe reißt, brechen auch knapp 900 Kilometer weiter nördlich alle Dämme. Ein einziger Schrei aus tausenden Kehlen ist das Startsignal für die größte Party, die Kirchheim bis dahin erlebt hat. Vom Schlusspfiff des französischen Schiedsrichters Jo‰l Quiniou, der die einseitige Begegnung gegen 21.50 Uhr beendet, dauert es nur wenige Minuten bis zum Verkehrskollaps. Hunderte von Fahrzeugen, die vom Stadtrand und aus den Umlandgemeinden wild hupend in die Innenstadt drängen, bringen in kürzester Zeit den Verkehr auf den Zufahrtstraßen zum Alleenring zum Erliegen. Menschen klammern sich an Autodächer und Motorhauben, Traktorgespanne werden zur mobilen Partyloge und selbst tonnenschwere Lkw, die kurzerhand den Umweg durch die Innenstadt genommen haben, mischen sich mit Mark durchdringenden Fanfarenstößen ins infernalische Fußball-Gewitter. Der letzte Akt der "Kaiser-Krönung zu Rom", wie die Tageszeitungen anderntags titeln, dauert bis in die frühen Morgenstunden. Und obwohl es anders als 2006 keine offizielle Ausnahme von der Sperrstunde gibt, schließt kaum ein Gastwirt zu vorgeschriebener Zeit seine Türen.

In der "Sonne" lässt man selbige an diesem Tag noch lange nicht untergehen. Die längst abgerissene Szenekneipe in exponierter Lage am Alleenring ist schon seit Wochen Stadionersatz für Fans jeglicher Couleur. Bei Pizza und Fassbier wird die rauchgeschwängerte Wirtsstube, in der sich viel zu viele um eine betagte Fernsehröhre quetschen, zur dampfenden Grotte. Hier flucht man über den Holländer Rijkaard, den im Achtelfinale ein unkontrollierter Speichelfluss plagt und bejubelt einen schwäbischen Blondschopf namens Klinsmann, der gegen die Oranjes das Spiel seines Lebens macht.

Einer davon ist Andreas Kenner. Wie viele andere auch, ist er am Finaltag schon zwei Stunden vor Anpfiff in die "Sonne" gekommen, um einen der raren Sitzplätze zu ergattern. Er erinnert sich: "Nach dem Elfmeter war der Teufel los. Obwohl jeder Zweifel hatte, ob der Strafstoß berechtigt war und die Mannschaft bis dahin auch ihr schlechtestes Spiel bei dieser WM gezeigt hatte." Doch das interessiert jetzt niemanden mehr. Wer sich im Chaos Luft verschaffen will, wird draußen auf dem Gehsteig von "La Ola" überrollt. "Ich bin erst morgens um sechs Uhr heim gekommen, um mich bei der Arbeit abzumelden", erzählt Kenner.

Obwohl erst 16 Jahre her, ist doch vieles anders im WM-Jahr 1990. Die Deutschen sind gerade wieder vereint, "Public Viewing" (ein Begriff, den freilich noch niemand kennt) spielt sich in der Kneipe statt vor Großleinwänden ab, die Pizza in der "Sonne" ist für vier Mark zu haben und ohne Sponsoren-Diktat darf sich gar jeder das Bier bestellen, das ihm am besten schmeckt. Nicht nur Fußballfans, auch Ordnungshüter erinnern sich an fast schon paradiesische Zeiten, denn die Nacht der Nächte läuft auch weitgehend ohne Randale ab. "Was damals für uns den Ausnahmezustand bedeutete, erleben wir heute nach einem ganz normalen Gruppenspiel", meint Kirchheims Revierleiter Thomas Pitzinger. Während bei manch einem die nächtliche Euphorie in morgendlicher Katerstimmung mündet, hat der städtische Bauhof-Trupp Montag früh alle Hände voll zu tun. Kirchheims damaliges Stadtoberhaupt Peter Jakob erinnert sich an eine "außerordentliche Stadtputzete", die den ganzen Tag andauerte.

Ganz andere Erinnerungen knüpft Wolfgang Kiedaisch an den Finaltag 1990. Am frühen Morgen des 8. Juli erblickt Töchterchen Nadine das Licht der Welt. Die Nacht verbringt der Papa im Krankenhaus am Bett seiner Frau. Viel Zeit und Kraft, um sich auf das nächste Großereignis am Abend vorzubereiten, bleibt ihm nicht: "Ich habe mich erst einmal ins Bett gelegt und ausgeschlafen", erzählt er. "Das Endspiel haben wir uns dann in aller Ruhe daheim im Wohnzimmer mit der Familie angeschaut."