Lokales

Planungsrechtliche Abwehrversuche gehen weiter

KIRCHHEIM "Wohnst du noch oder lebst du schon?" lautet der viel zitierte Slogan eines schwedischen Erfolgsunternehmens, das einst ernsthaft und zunächst demütig und kompromissbereit darum ersuchte, im Kirchheimer Gewerbegebiet Kruichling sich ansiedeln zu dürfen,

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WOLF-DIETER TRUPPAT

mit seinen Billy-Regalen am Fuße der Teck dann aber doch nicht Fuß fassen konnte. Auf Grund massiven Widerstandes wurden die schwedischen Ansiedlungsgelüste, die der selbstbewusst mit markanten Stechschildern werbenden schwäbischen Markt- und Fliegerstadt galten, von den unkonventionellen Möbelbauern wegen mangelnder Erfolgsaussichten aber dann doch wieder zu Grabe getragen.

Wachsenden Leerständen in der "guten Stube" Innenstadt stehen inzwischen unmoralische Angebote in wachsender Zahl gegenüber, die zwar zweifellos zur richtigen Zeit kommen, wegen der nicht richtigen Richtung der mit den Bewerbungen belegten Begierden aber doch nicht richtige Freude aufkommen lassen. "Großbordell in der Schöllkopfstraße" war bekanntlich das erste Kapitel dieser immer erkennbarer Fortsetzungscharakter annehmenden Serie überschrieben, die mit einer rasch aus dem Ärmel gezauberten Veränderungssperre das bislang nur in Nischen geduldete und plötzlich ungemein expandierende Thema "Sex and the City" möglichst rasch wieder zum Verstummen bringen sollte.

Nicht grundsätzlich anders aber mit einem halben Dutzend Zimmern immerhin im Umfang deutlich reduziert, hatte sich das nächste Kapitel mit dem von außen an die Leibnizstraße herangetragenen Wunsch nach einem kleineren Etablissement beschäftigt. Mit der im Planungsrecht schon entdeckten Wunderwaffe "Veränderungssperre" wurde auch dieses anrüchige Ansinnen vorerst einmal ebenfalls erfolgreich wieder aus dem Spiel genommen.

Jetzt droht für Sitte und Moral in der Teckstadt schon wieder Ungemach: Nach brüsk zurückgewiesenen Gelüsten in Sachen Groß- und Kleinbordellbetrieb geht es bei der jüngsten Bauanfrage um die Erstellung eines "Gewerbecenters", das immerhin nicht mehr zwischen Schule und Kindergarten, Wohnstätten und herkömmlichen Verkehrsbetrieben direkt im Mittelzentrum Kirchheim positioniert nunmehr im verkehrsgünstig gelegenen autobahnnahen Gewerbegebiet Kruichling sein fragwürdiges Vergnügungs-gewerbe aufnehmen will.

Von "großen Teilen der Hauptnutzungsflächen des Erdgeschosses für einen Spielsalon" ist da genauso die Rede wie von "der Präsentation von Filmen (überwiegend Erotik) in Kabinen und Vorführräumen", vom "Verkauf von Zeitschriften, Magazinen und Videofilmen (überwiegend Erotik) sowie Hilfsmitteln" ist da in der schonungslosen Prosa der Verwaltungsvorlage die Rede. Die bereits zur Abwehr eines Großbordells in der Schöllkopfstraße und eines alternativen "Sündenpfuhls" in der Leibnizstraße zum Einsatz gekommene planungsrechtliche Wunderwaffe Veränderungssperre wurde in jüngster Sitzung daher erneut gezückt, um der schleichenden Erotisierung Einhalt zu gebieten und die Stadt an der "Straße der Fachwerkhäuser" vor Freudenhäusern und anderen fragwürdigen Vergnügungsstätten zu schützen.

Während SPD-Fraktionschef Walter Aeugle von einer "schiefen Ebene" sprach und daran erinnerte, dass anderes im Blickfeld stand, als einst noch lautstark das Hohelied des "Gewerbes im Park" intoniert wurde, sprach Dr. Grüninger für die Freien Wähler im Blick auf das ansiedlungswillige Rotlicht-Milieu bedauernd von "nicht gerufenen Geistern". Angesichts des nun erneut um ein bestehendes Gebiet gelegten "Keuschheitsgürtels" wollte er gerne die Frage beantwortet wissen, wo denn solche Gelüste möglicherweise befriedigt werden könnten.

Während auch Albert Kahle (FDP / Kirchheimer Bürger) darauf drängte, dass angesichts "Gewehr bei Fuß" stehender potenzieller Neuansiedler rechtliche Prüfungen über Ansiedlungsmöglichkeiten auch solcher Art geklärt werden sollten, fand der pragmatische Christdemokrat Helmut Kapp es vor allem bedauerlich, dass in diesen schlechten Zeiten ausgerechnet das älteste Gewerbe der Welt offensichtlich allein floriert. Aktiv nachzudenken gelte es daher, wo im Hoheitsgebiet der Stadt gegebenenfalls doch ein solches Gewerbe untergebracht werden könnte.

Überzeugt davon, dass die in Kirchheim schon vorhandenen Kleinbordelle den bestehenden Bedarf bereits zur Genüge befriedigen, setzte sich Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker nachhaltig dagegen zur Wehr, dass Verwaltung und Ratsgremium eine aktive Rolle bei der Immobiliensuche des Rotlicht-Milieus spielen und in vorauseilendem Gehorsam selbst auf die Suche nach geeigneten Standorten gehen. Da es bei der jüngsten Anfrage vor allem auch um eine Vergnügungsstätte gehe, wie es sie ebenfalls schon zur Genüge in der Teckstadt gibt, lautete ihre Empfehlung, keine weiteren Vergnügungsstätten zu genehmigen oder zum Anlass dafür zu nehmen, einen rechtsgültigen Bebauungsplan zu ändern.

Einmal mehr konnte also auch hier wieder per Mehrheitsbeschluss die Moral mit einem Mittel geschützt werden, dessen Nebenwirkungen nicht bekannt und dessen heilende Kraft wohl auch noch nicht nachhaltig bewiesen ist.