Lokales

Podium für Diskussion zu einseitig

Kultusminister Helmut Rau wirbt für den Erhalt des dreigliedrigen Schulsystems

Es ging um die Zukunft des dreigliedrigen Schulsystems. „Die Bandbreite war kleiner als bei anderen Veranstaltungen zum Thema“ bemerkte Jochim Ungethüm, Realschullehrer und Vorsitzender des CDU-Stadtverbands Wernau, am Schluss. Für eine kontroverse Diskussion hatten Stadtverband, CDU-Gemeinderatsfraktion und die CDA das Podium zu einseitig besetzt.

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Peter Dietrich

Wernau. Der Abend wurde für den baden-württembergischen Kultusminister Helmut Rau (CDU) zum Heimspiel. Auf sein längeres Hauptreferat folgten nur vereinzelte kritische Nachfragen aus dem Publikum. Alle Podiumsteilnehmer sprachen sich einhellig gegen eine Zusammenlegung von Real- und Hauptschule aus, erteiltem auch einem teilweise gemeinsamen Unterricht in den Klassen 5 und 6 eine Absage.

Die Elternbeiratsvorsitzende der Realschule Wernau, Birgit Reisberger, hatte dem Minister ein dickes Paket mit Unterschriften mitgebracht: Rund 400 Lehrer, Schüler und Eltern hatten das Positionspapier des Elternbeirats gegen eine Zusammenlegung unterschrieben. Das liegt ganz auf der Linie von Rektorin Katharina Rebmann: „Einen Modellversuch wird es nicht geben“, lehnt sie eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Schlossgartenschule ab. Deren Rektor Jürgen Schaller saß im Quadrium unter den knapp 200 Zuhörern, war jedoch nicht an der Diskussion beteiligt. Elvira Tiefenbrunner-Brandt, Leiterin einer Verbundschule in Neuhausen auf den Fildern, befürchtet, durch Zusammenlegung oder Kooperation entstehe „aus zwei sehr guten Schularten eine Schule, die keinem mehr gerecht wird“.

„Vorlaute Parolen führen nicht weiter“, klagte Rau. Wer die Auflösung der Hauptschule fordere, verlange gleichzeitig die Abschaffung der Real­schule in ihrer heutigen Form. Viel wichtiger als die Aufwärmung alter Strukturdebatten sei es, über die Qualität der Schulbildung zu sprechen. Bereits 2004 habe es mit den neuen Bildungsplänen eine „richtige Revolution“ gegeben, die den Schulen viel Arbeit abverlange, ihnen mehr Spielräume und Verantwortung als je zuvor gebe.

Ein integratives Schulsystem, so Rau weiter, sei nicht automatisch gerechter, die Gesamtschule kein Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit. Die vielfach gelobten Schulen in Schweden und Finnland hätten sich zu bewähren, wenn die Schule vorbei sei: In Finnland liege die Jugendarbeitslosigkeit bei 20 Prozent. Er ärgere sich regelmäßig, wenn die OECD in ihren Berichten Deutschland rüge: „Die weigern sich konsequent, unsere Berufsschule anzusehen. „In Frankreich, wo 80 Prozent der Schüler das Abitur erreichten, habe dieses seinen Wert verloren. In England gebe es zu viele Akademiker, bis hin zum „Bachelor of Hairdressing“, also einem Frisör. Das deutsche Schulsystem sei durchlässig – als Beispiel nannte Rau einen türkischen Hauptschüler, der es über mehrere Stufen bis zum Lehrer brachte.

Hier hakte eine Zuhörerin ein. Dass man solche Fälle als etwas Besonderes betone, sei ein Armutszeugnis. Wie viel Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern in sein Bildungssystem investiere? Mit fünf Prozent des Bruttosozialprodukts sei „Deutschland im internationalen Vergleich nicht spitze“, räumte Rau ein, doch sei diese Zahl „nicht aussagekräftig“. Vieles sei nicht vergleichbar: Finnland habe 1,5 Prozent Schüler mit Migrationshintergrund, Deutschland 30 Prozent. Finnland habe mehr Personal, aber dieses sei schlechter bezahlt. Eine gute finnische Idee seien die pädagogischen Assistenten in den Klassen, diese wolle er gerne übernehmen.

Trotz sinkender Schülerzahlen würden bis 2001 keine Lehrerstellen gestrichen, betonte Rau, dies bringe Entlastung. „An der Basis kommt nichts an“, widersprach ein Schulpraktiker aus dem Publikum. Rau habe erklärt, an der Hauptschule würden Mathematik und Deutsch verstärkt. Aber: „Sie haben nicht gesagt, dass das beim Ergänzungsbereich abgezwackt wird.