Lokales

„Politisches Hamsterrad“ dreht sich nun ohne Bregenzer

Mit „zwei weinenden Augen“ verabschiedete die SPD-Landesvorsitzende und ehemalige Fraktionschefin im Landtag, Ute Vogt, die Kirchheimer Abgeordnete Carla Bregenzer. Die 61-Jährige legt auf eigenen Wunsch während der Legislaturperiode aus familiären Gründen ihr Mandat nieder.

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ANKE KIRSAMMER

Stuttgart/Kirchheim. „Ich habe Herzklopfen wie bei meiner ersten Rede im Landtag“, bekannte Carla Bregenzer, als sie gestern im Abgeordnetenhaus beim Abschiedsempfang der Fraktion ans Mikrofon trat. Parteifreunde, langjährige Wegbegleiter, Mitarbeiter, Politiker anderer Couleur wie der Landtagspräsident Peter Straub (CDU), die Fraktionsvorsitzenden von FDP und Grünen, Dr. Ulrich Noll und Winfried Kretschmann, waren der Einladung gefolgt. Genau 16 Jahre und zwei Tage gehörte die engagierte Politikerin aus Frickenhausen dem Landtag von Baden-Württemberg an. Heute wird sie im Plenum offiziell verabschiedet.

Den Einzug in den Landtag hatte die Pädagogin jeweils übers Zweitmandat geschafft. Vielleicht symptomatisch: Carla Bregenzers Nominierung für die Landtagswahl 1992 geriet, wie spätere Wahlabende, zur Zitterpartie: Aufnehmen musste sie es damals unter anderem mit der heutigen Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und der jetzigen SPD-Fraktionschefin im Esslinger Kreistag, Sonja Spohn. Mit nur einer Stimme Vorsprung hatte Carla Bregenzer im dritten Wahlgang schließlich die Nase vorn.

Als Frau aus der Praxis habe sie teils „mit Wucht“ Schul- und Hochschulpolitik gemacht und die Fraktion auf diesen Feldern geprägt, betonte SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel. „Sie hat Politik immer mit Herz und Leidenschaft betrieben.“

Ute Vogt zufolge kann Carla Bregenzer nach 16 Jahren Landespolitik das Fazit ziehen: „Ich habe was bewegt.“ Als sektenpolitische Sprecherin der Fraktion erarbeitete sie sich bundesweit Anerkennung. „Hier hat sie eine Leistung erbracht, die man kaum ermessen kann“, sagte die SPD-Landesvorsitzende. Schließlich gehe das Engagement beispielsweise gegen Scientology mit viel Druck und handfesten Bedrohungen einher. In einer sehr persönlich gehaltenen Rede überzog die SPD-Spitzenpolitikerin im Land die langjährige politische Mitstreiterin mit Lob: „Klug, gradlinig, humorvoll und stark“ sei sie. „Am besten hat mir gefallen, dass sie auch fuchsteufelswild werden konnte, wenn Unrecht geschah und jemand falsch behandelt wurde.“ Hätten Menschen auf Marktplätzen oder im Büro Bedrückendes erzählt, sei das bei ihr nicht nur auf Mitleid gestoßen, sondern sie habe immer auch überlegt, wie konkrete Hilfe aussehen könnte. „Carla Bregenzer hat gezeigt: Überall wo man aktiv ist, kann man etwas verändern – ein durch und durch politischer Mensch.“ Jetzt das Mandat niederzulegen, wertete die Landesvorsitzende trotz aller Wehmut als „schönen Zug, mit dem andere eine Chance bekommen“. Bekanntlich tritt Sabine Fohler aus Reichenbach, Zweitkandidatin der SPD im Wahlkreis Kirchheim, die Nachfolge Carla Bregenzers an. Augenzwinkernd gab Ute Vogt der scheidenden Landespolitikerin mit auf den Weg, die Hausarbeit weiterhin in den Händen ihres Ehemannes Albrecht Bregenzer zu belassen und sich lieber ab und zu Zeit für die SPD zu nehmen.

Dass Carla Bregenzer auch außerhalb des „politischen Hamsterrads“ ein politischer Mensch bleiben wird, wie sie gestern wiederholt versicherte, nimmt man ihr gerne ab. Zum einen wird sie neben ihrem halben Lehrauftrag an der Nürtinger Johannes-Wagner-Schule weiterhin im Esslinger Kreistag sitzen. Zum anderen konnte sie sich einen Seitenhieb auf Personalquerelen innerhalb der SPD nicht verkneifen, als sie sich von den Genossen wünschte, dass sie künftig mit eindeutigen, leidenschaftlichen Sachaussagen Schlagzeilen machen. „Lasst nicht nach im Kampf gegen die Arroganz der Macht und gegen die Gleichgültigkeit“, lautete Carla Bregenzers abschließender Appell an die Parteikollegen. – Von Herzklopfen, wie bei ihrer ersten Rede im Landtag, war da nichts mehr zu spüren.