Lokales

Polizisten werden zur „Zielscheibe“

„Einsatz auf der Straße ist immer gefährlicher“ – Gewaltbreitschaft von jungen Leuten steigt

„Wir leben in einem sicheren Landkreis“, betont Hans-Dieter Wagner. Dennoch hat der Leiter der Esslinger Polizeidirektion „eine gewisse Verrohung“ in der Gesellschaft festgestellt: Immer mehr junge Leute entladen ihren Frust und ihre „Null-Bock-Mentalität“ in Gewalt. Eine große Rolle spielt außerdem Alkohol.

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heike allmendinger

Kreis Esslingen. Polizisten sind immer häufiger die „Zielscheibe“ von Straftätern. Sie werden beleidigt, bespuckt, geschlagen und getreten, nicht selten gehen die Täter mit Schlagstöcken und Messern auf die Beamten los: Über diese Horrorszenarien informierte Hans-Dieter Wagner gestern bei der Präsentation der Kriminalitätsentwicklung 2009 im Kreis Esslingen. „Der Einsatz auf der Straße wird immer gefährlicher.“

So sei es bei bestimmten Gruppierungen in der Gesellschaft „hip und legitim, Normverletzungen zu begehen“, stellte der leitende Polizeidirektor fest. Diese Menschen hätten keinen Respekt vor Polizeibeamten, eine gewisse „Verrohung“ mache sich breit. Dies untermauerte Hans-Dieter Wagner mit einigen Zahlen: Im vergangenen Jahr gab es 71 Fälle von Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, dabei wurden 69 Polizisten verletzt. Zum Vergleich: Im Jahr 2006 musste die Esslinger Polizeidirektion 30 Fälle registrieren, bei denen Beamte Verletzungen erlitten hatten. Gestiegen sind demnach auch die Fehltage der Polizisten: „Sie haben sich im Vergleich zu 2008 versiebenfacht“, verdeutlichte Hans-Dieter Wagner.

Eine große Rolle spiele vor allem bei jungen Straftätern der hohe Alkoholkonsum. „Alkohol ist ein Katalysator für Gewalt“, betonte der Leiter der Polizeidirektion. „Was wir brauchen, ist eine wesentlich stärkere gesellschaftliche Ächtung dieser Droge.“ Denn durch sie nehme bei Jugendlichen und jungen Leuten das „Aggressionspotenzial“ zu, sagte Hans-Dieter Wagner. So sei in 2009 im Bereich der Gewaltkriminalität jeder vierte alkoholisierte Täter ein Jugendlicher gewesen. Die Auslöser für die Gewalt seien aber auch Frust und eine „Null-Bock-Mentalität“.

Insgesamt stellte der leitende Polizeidirektor dennoch fest: „Wir leben in einem sicheren Landkreis. Die Anzahl aller Straftaten ist im vergangenen Jahr um über acht Prozent zurückgegangen.“ Das bestätigte der Leiter der Kriminalpolizei, Karl-Heinz Ortenreiter: „Nur“ neun Mordfälle und Tötungsdelikte hat die Polizei im Jahr 2009 bearbeiten müssen, wobei es sich um sechs versuchte und drei vollendete Straftaten handelte. „Das ist die niedrigste Zahl seit vielen Jahren.“

Alles überschattet habe jedoch der Amoklauf in Winnenden und Wendlingen, ein weiteres „schwerwiegendes“ Ereignis sei der brutale Überfall der Jugendbande „Black Jackets“ auf 15 überwiegend türkischstämmige Männer in Esslingen gewesen. „Diese beiden Vorfälle machen sprachlos“, sagte Hans-Dieter Wagner. Vor allem die schreckliche Tat in Wendlingen hätte tiefe Spuren bei den Polizeibeamten hinterlassen. „Unsere Arbeitswelt hat sich seither verändert.“

Ein weiteres Problem, mit dem sowohl die Polizei als auch die Bevölkerung zu kämpfen hat, sind die zahlreichen Einbrüche in Häuser und Wohnungen, die überwiegend in der „dunklen Jahreszeit“ vorkommen: Die Zahl ist im vergangenen Jahr um über 38 Prozent auf 311 Fälle gestiegen, informierte der Leiter der Kriminalpolizei. Der Sachschaden betrug dabei etwa 1,2 Millionen Euro, der Wert der gestohlenen Gegenstände lag bei knapp zwei Millionen Euro. „Die Täter sind meist so gewieft, dass sie nur wenige Minuten für die Tat benötigen. Teilweise waren die Bewohner sogar im Haus und haben nichts bemerkt“, erzählte Karl-Heinz Ortenreiter. Bei den Einbrechern müsse man zwischen „vier Tätergruppen“ unterscheiden: den Tätern, die in der Region wohnen und zuschlagen, sobald sich eine günstige Gelegenheit ergibt; den drogenabhängigen Menschen, die ihre Sucht über Einbrüche finanzieren; den „ethnischen Minderheiten“, die sich vor allem große Wohnanlagen und Gegenden aussuchen, in denen sie nicht auffallen; und den „reisenden Tätergruppen“, die oft aus Osteuropa kommen, sehr gut organisiert sind und hauptsächlich in ruhigen Wohngebieten auf Beutezug gehen. Um den Einbrüchen Herr zu werden, hatte die Esslinger Polizeidirektion im November eine achtköpfige Ermittlungsgruppe ins Leben gerufen.

Die Esslinger Beamten mussten sich im vergangenen Jahr aber auch mit der Computer- und Internetkriminalität beschäftigen. „Dieses Deliktsfeld hat Potenzial“, konstatierte der Leiter der Kriminalpolizei. Während man im Jahr 2006 noch 270 Rechner mit einer Speicherkapazität von insgesamt 13 000 Gigabyte beschlagnahmt hatte, sind diese Zahlen im vergangenen Jahr auf 600 Computer und 70 000 Gigabyte gestiegen. Hinzu kommen Handys, „die genauso zur Tatbegehung benutzt werden“.

Bei der Rauschgiftkriminalität konnte Karl-Heinz Ortenreiter berichten, dass es im Kreis Esslingen „keine offene Szene“ gibt. Trotzdem hat die Polizei etwa 200 Verfahren im Bereich des Betäubungsmittelhandels eingeleitet. Nach wie vor sehr beliebt sind Marihuana, Heroin und Kokain. Vor allem aus Holland finden die Drogen den Weg in den Kreis Esslingen.

Im Kreis Esslingen gab es im vergangenen Jahr 23 267 polizeilich registrierte Straftaten. Das entspricht einem Minus von 8,1 Prozent. Die Aufklärungsquote lag bei 57,9 Prozent. Mit einer Häufigkeitszahl von 4 521 Straftaten pro 100 000 Einwohnern liegt der Kreis Esslingen deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 5 387.