Lokales

Porsche und Schwarzwälder Torte

KIRCHHEIM In dem Haus am Ortseingang von Nabern leben vier Generationen unter einem Dach. Die erste wird verkörpert durch Hildegard Faisst, die am 25. Dezember,

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ALEXANDRA BOGER

dem ersten Weihnachtsfeiertag, 90 Jahre alt wird. Geboren 1916 in Stuttgart, ging sie auf die Volksschule und was für die damalige Zeit nicht üblich war auch auf die Mittelschule. Dort durfte sie sogar Englisch lernen. Den ein oder anderen Sprachbrocken hat sie immer noch parat.

Sie erlernte den Beruf der "Kontoristin", vergleichbar mit der heutigen Bürokauffrau. Eine Arbeitsstelle fand sie bei dem Limonadenhersteller Coca Cola. Zu ihrem Lieblingsgetränk wurde die braune Brause nicht: "Zu zwoit hen mr im Büro gschafft ond oin Kaschte jeda Tag kriagt. Den hen mr gar et zwonga". Ihren Mann Richard lernte sie noch während der Ausbildung in einem Cafe am Stuttgarter Charlottenplatz bei der Tanzstunde kennen und erinnert sich: "Er war dr schlechteschte Tänzer ond i au, no hat's wieder passt."

Ihr Mann arbeitete als Testfahrer bei Porsche, wo er viel herumkam: "Der hot au den schwarze Porsche vom Konrad Adenauer eigfahre". Dem Schicksal hatten sie es zu verdanken, dass sie Glück im Unglück hatten: In den ersten Jahren des Krieges wurde ihre Wohnung in Stuttgart beschlagnahmt, worauf sie zu Verwandten nach Steinach ins Remstal zogen. Bereits das zweite Kind auf dem Ar

m, kam sie dort an und erinnert sich an die erste Reaktion ihrer Tante: "Des isch a liederliches Ding", meinte diese zu dem abgemagerten kleinen Jungen. Auf dem Land, wo vieles selbst angebaut wurde, konnte sich die Familie leichter durchschlagen, indem sie Lebensmittel tauschte.

Zu Beginn der 60er-Jahre kam die Familie zurück nach Stuttgart und kurze Zeit später nach Hedelfingen. Hildegard Faisst war mitterlerweile dreifache Mutter. Oft packte der Vater damals Kind und Kegel zusammen in ein neues Auto zur Testfahrt und fuhr an den Königssee oder Schliersee.

Nach dem Tod ihres Mannes, mit dem sie 55 Jahre verheiratet war, blieb die Renterin noch ein paar Jahre in der Großstadt und zog dann zu ihrer Tochter Sigrid, die in Nabern wohnt. Das Familiäre in dem kleinen Ort schätzt die Stuttgarterin.

Reisen und Ausflüge waren immer eines der größten Hobbys der 90-Jährigen. Zwei Mittelmeerkreuzfahrten hat sie gemacht. Doch nicht alles war rosig in ihrem Leben. Ein Sohn starb schon mit 33 Jahren kurz vor seiner Hochzeit, und auch der andere Sohn starb dieses Jahr an einer schweren Krankheit.

Auf vier Enkel, zehn Urenkel und einen Ur-Urenkel kann Hildegard Faisst stolz sein und auf neunzig erfüllte Jahre blicken. Am liebsten erinnert sie sich an ihre goldene Hochzeit, an das geschmückte Auto und an ihre Lieblingstorte die Schwärzwälder, die es auch übermorgen, an ihrem 90. Geburtstag geben wird.