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"Praktizierter Umweltschutz"

Den ersten von den beiden Kreisverbänden für Obst- und Gartenbau Nürtingen und Esslingen gemeinsam und in Zusammenarbeit mit der Fachberatung des Landkreises veranstalteten Fachwartkurs, haben 48 Männer und Frauen erfolgreich abgeschlossen. Der Kurs ist Teil des Engagements der Verbände für den Erhalt der Streuobstwiesen am Albtrauf.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM "Allein die Streuobstwiesen sind ein Wert für sich", darüber sind sich Ulrich Rieker und Dietmar Hage, die beiden Vorsitzenden der Kreisverbände der Obst- und Gartenbauvereine (KOV) Nürtingen und Esslingen einig. Ergab sich dieser Wert vor etwa 100 Jahren, als die ersten Obstbauvereine gegründet wurden, aus der ernährungspolitischen Situation, so stellt heute der am Albtrauf landschaftsprägende Wiesengürtel mit den Hochstämmen einen Wert im Sinne des Umwelt- und Naturschutzes dar. "So gesehen ist die Arbeit der Obst- und Gartenbauvereine praktizierter Umweltschutz", erklären Ulrich Rieker und Dietmar Hage.

Rund 10 000 Miglieder zählen die beiden Kreisverbände für Obst- und Gartenbau. Dennoch sind sie allein dem Problem der fehlenden Streuobstbaumpflege im Landkreis Esslingen nicht gewachsen. "Dieses Phänomen betrifft nicht nur unseren Landkreis, sondern ganz Baden-Württemberg und geht über die Landesgrenzen hinaus", weiß der Vorsitzende des Kreisverbands Esslingen. Sehr viele der Obstbäume sind ungepflegt und erfuhren weder einen Erziehungsschnitt noch erleben sie einen befreienden Verjüngungsschnitt. Sie werden mangels Zeit und Wissen von ihren Besitzern einfach ihrem Schicksal überlassen. Die Folge davon: "Die Landschaft lichtet sich", teilt Ulrich Rieker seine Erfahrung mit. Immer mehr alte Knorzen brechen zusammen oder fallen der Motorsäge zum Opfer.

Dazu trägt nicht zuletzt auch fehlende Rentabilität bei. "Bei 4,50 Euro pro Doppelzentner ist die Wirtschaftlichkeit einfach nicht mehr gegeben", klagen beide Kreisverbandsvorsitzende unisono. "Der Apfelsaft in den großen Supermarktketten mit dem Apfelsaftkonzentrat aus China ist viel billiger." Die Streuobstbäume in knochenharter und zeitaufwendiger Arbeit zu pflegen und das Obst aufzulesen, lohnt sich nicht mehr. In Folge schließen immer mehr Obstverwerter ihre Pforten.

Zwar gibt es in einigen Gebieten Marketingaktionen, die für aus dem Streuobstbau gewonnenen Apfelsaft werben. "Wir werden die Streuobstwiesen aber insgesamt nicht wirtschaftlich machen können", ist Dietmar Hage skeptisch. Dennoch wollen die Obst- und Gartenbauvereine alle Anstrengungen unternehmen, die für den Albtrauf und das Voralbgebiet so typische Landschaft zu erhalten. Deshalb denken die Kreisverbände Nürtingen und Esslingen an eine konzertierte Aktion. "Unsere Idee ist es, alle Gruppen an einen Tisch zu bekommen, die Interesse am Erhalt des Streuobstbaus haben, vom Imker bis zum Vogelschützer, um gemeinsame Aktionen zu überlegen." Es gehe vor allem darum, bei den Menschen in der Region das Bewusstsein zu schärfen für den Verlust der Steuobstwiesen und damit des Landschaftsbildes.

In diesem Engagement um den Erhalt des Streuobstbaus geht es Ulrich Rieker und Dietmar Hage darum, an einem Strang zu ziehen. Das Motto der Vereine dürfe nicht mehr lauten "Mir send mir, sondern wir sind gemeinsam in der Sache unterwegs", sagt Ulrich Rieker. Die Kreisverbandsvorsitzenden wollen sich aus diesem Grund zusammentun, um zu sehen, welche Bereiche gemeinsam beackert werden können. Rieker: "Die Vereine sind heute Dienstleister. Wir müssen die Leute erreichen, wenn wir etwas bewegen wollen. Die Bedürfnisse sind andere, als die von vor 50, 60 Jahren."

Erfolgreich ging die erste große gemeinsame Veranstaltung der beiden Kreisverbände, in Zusammenarbeit mit der Fachberatung des Landkreises, über die Bühne. Knapp 50 Männer und Frauen nahmen im Februar an einem Fachwartkurs teil, der jeweils von Donnerstag bis Samstag über mehrere Wochen andauerte. "Trotz extremer Witterung waren sie sehr engagiert und zielorientiert", freuten sich Ulrich Rieker und Dietmar Hage. Die meisten Teilnehmer seien zwar aus den Obst- und Gartenbauvereinen der beiden Kreisverbände gekommen. Es waren aber auch Unorganisierte darunter, die sich als Privatleute für die sachgerechte Pflege der Obstbäume interessierten. "Die Zahl derer wächst, die ihre Streuobstwiesen pflegen wollen," ist Ulrich Rieker zuversichtlich.

Ziel des Kurses war es, jedem Obst- und Gartenbauverein einen Fachmann oder eine Fachfrau an die Hand zu geben, der oder die sachkundig beraten kann", sagt Dietmar Hage. 1 512 Fachwarte gibt es im Bereich des Landesverbands für Obst-, Gartenbau und Landschaftspflege LOGL. Ein Wunsch von Ulrich Rieker ist es, dass sich die Fachwarte beider Kreisobstbauverbände zu einer Vereinigung zusammenschließen.

Ein dickes Lob spricht auch der Obstbau-Fachberater des Landkreises, Albrecht Schützinger, dem Kurs aus: "Ich habe selten so eine disziplinierte und interessierte Gruppe gehabt wie jetzt. Das sind engagierte, hoch motivierte Fachwarte."

Schützinger verspricht sich von den neuen Landschaftspflegern ebenso wie die Vorsitzenden Rieker und Hage eine Multiplikatorenwirkung. "Sie wissen um eine sachgerechte Pflege der Bäume und Sträucher und können Impulse geben". Freilich gibt sich auch Albrecht Schützinger nicht der Illusion hin, durch die Männer und Frauen mit den geschliffenen Baumsägen und Astscheren alle Bereiche des Streuobstbaus retten zu können. Ihm ist es wichtig, einfache, plausible Lösungen zu vermitteln. "Das Wissen um die sachgerechte Pflege der Bäume fehlt oft". Albrecht Schützinger plädiert aus diesem Grund für eine Baumpflege, die effektiv ist und an der man vor allem nicht erliegt. Dies vermittelt der Fachberater auch in seinen Schnittkursen. Er ist davon überzeugt, dass man über relativ einfache Pflegemaßnahmen viel erreichen kann. "Fruchtqualität zu erzielen lohnt nicht mehr. Was sich lohnt, ist, auf Baumerhalt zu schneiden", ist der Fachberater überzeugt. Denn seine Formel lautet: Baumerhalt gleich Landschaftserhalt.