Lokales

Privatisierung führt nicht immer ans Ziel

Die Zahl der Menschen nimmt zu, die ihren Trinkwasserbedarf nicht oder nur unter sehr schwierigen Bedingungen decken kann. Dies wurde aus dem Referat von Bernhard Wiesmeier von "Brot für die Welt" deutlich, das er beim Bissinger Abendforum hielt.

BISSINGEN 1,2 Milliarden Menschen also jeder fünfte Mensch haben derzeit keinen Zugang zu ausreichend Trinkwasser. Zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu einfachsten sanitären Einrichtungen wie Waschgelegenheiten und Latrinen, 6 000 Menschen sterben täglich an den Folgen dieses Mangels. In den Entwicklungsländern sind rund 80 Prozent aller Krankheiten eine direkte oder indirekte Folge von mangelndem oder verschmutztem Wasser.

Anzeige

Dabei ist die Menge des vorhandenen sauberen Trinkwassers mehr als ausreichend es mangelt eben an der gerechten Verteilung, so Bernhard Wiesmeier von "Brot für die Welt". Verbraucht in Deutschland jeder Einzelne täglich etwa 130 Liter besten Trinkwassers, sind es in den USA mehr als 300 Liter und in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens weniger als 20 Liter. Noch beeindruckender sind die Wasserverbrauchszahlen für die Produktion von Lebens- und Gebrauchsgütern. Für ein Kilogramm Brot fallen zum Beispiel 1 000 Liter Wasser an, für ein Kilo Rindfleisch bereits 15 000 Liter und die Produktion eines Autos verschlingt sogar bis zu 100 000 Liter Wasser.

Wasser ist billig. Der Bau und Unterhalt von Leitungsnetzen und die Abwasserentsorgung gehören jedoch zu den teuersten Aufgaben von Gemeinden und Ländern. Darunter leiden vor allem die Entwicklungs- und Schwellenländer. Sie sind angesichts der Bevölkerungsentwicklung nicht in der Lage, ein dem westlichen Standard entsprechendes Leitungsnetz aufzubauen. Das in der Millenniumserklärung des Jahres 2000 enthaltene Ziel, den Anteil der Menschen zu halbieren, der keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, wird kaum zu erreichen sein. Der Klimawandel hat in den letzten Jahren sogar die Zahl der Menschen erhöht, die ihren Trinkwasserbedarf nicht oder nur unter sehr schwierigen Bedingungen decken können. Das Rezept der Industrieländer ist die Privatisierung der Wasserversorgung. Seit den 80er-Jahren knüpfen die Weltbank und der Internationale Währungsfonds ihre Kreditzusagen an solche Auflagen, wie Wiesmeier berichtete.

Die Erfahrungen mit diesen Konzepten haben die Erwartungen bis heute aber bei Weitem nicht erfüllt: Die Finanzierungsprobleme in den betroffenen Ländern sind eher gewachsen. Die Mehrheit der Bevölkerung kann die geforderten Wasserpreise nicht bezahlen. Für Privatunternehmen sind meist nur die großen Städte als Markt interessant, aber 80 Prozent der mit Wasser nicht ausreichend versorgten Menschen leben auf dem Land. Viele Privatisierungsvorhaben mussten auf Druck der Bevölkerung wieder rückgängig gemacht werden. Ein Problem, das auch hier bei uns in der Diskussion ist. Städte wie zum Beispiel London, Berlin und Stuttgart versuchen derzeit ebenfalls ihre Haushaltsprobleme mit der Privatisierung der Wasserversorgung zu lösen. Der Unmut darüber ist in der Bevölkerung groß. RWE zieht sich aus Imagegründen bereits wieder aus derartigen Unternehmungen zurück, allerdings gibt es genügend andere Versorger die dann einspringen.

Erfolgversprechend seien überschaubare, lokale Projekte staatlicher Institutionen, in denen mit den betroffenen Menschen Lösungen gesucht und gefunden werden. Oft können aus überlieferten Techniken neue, erfolgversprechende Möglichkeiten entwickelt werden. Der Referent zeigte dies am Beispiel eines Regenwassertank-Projekts in Uganda auf.

Dass es eben nicht selbstverständlich ist, jederzeit und überall sauberes und billiges Trinkwasser zu erhalten, hat dieses Referat und die anschließende Diskussion wohl allen Teilnehmern klar gemacht.

Die Veranstaltung wurde vom Abendforum Bissingen gemeinsam mit dem Evangelischen Bauernwerk in Württemberg organisiert.

gg