Lokales

Probelauf ohne Sieger und Verlierer

Die Ausnahmesituation der Baustelle Schweinemarkt zu nutzen, um einen Probelauf rund um den Alleenring in nur eine Fahrtrichtung loszutreten, lautete eine im Kirchheimer Ratsrund vertretene Meinung. Eine klare Mehrheit votierte aber im Blick auf einen Probelauf in Sachen Einrichtungsverkehr für ein planvolles Vorgehen, für das freilich nicht nur viel Geld, sondern auch viel Zeit benötigt wird.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Grundsätzlich gaben Diplomingenieur Andreas Weber und Professor Diplomingenieur Gunter Kölz von der Planungsgruppe Kölz in Stuttgart grünes Licht für die Überlegung, den Kirchheimer Alleenring künftig nur noch gegen den Uhrzeigersinn zu befahren. Dass es dabei nicht ausreicht, Säcke über die Ampeln zu hängen und einige Richtungspfeile auf die Fahrbahn zu malen, wurde in der jüngsten Gemeinderatssitzung unmissverständlich deutlich gemacht.

Komplexe Aufgaben verlangen schließlich auch nach komplexen Lösungen, die nun einmal nicht in einem Wurf, sondern erst durch intensive Vorplanung, Erprobung in der Praxis und entsprechende Feinjustierung erreicht werden könne. War in der Sitzung des Technischen Ausschusses am 24. April noch kontrovers darüber debattiert worden, ob die Machbarkeitsstudie eines "Einrichtungsverkehrs" auf dem Alleenring tatsächlich mit einer überplanmäßigen Ausgabe in Höhe von 15 000 Euro für ein entsprechendes Gutachten erkauft werden muss, zeigten sich nun viele Gremiumsmitglieder, die der Vergabe eines Gutachtens zunächst kritisch gegenübergestanden hatten, angesichts der vorgestellten Ergebnisse überzeugt davon, dass es richtig war, die Überprüfung der Praktikabilität einer solchen Veränderung gewohnter Wegebeziehungen in Auftrag zu geben.

Die Gutachter kamen dabei zu der Überzeugung, dass ein Einbahnsystem im Zuge des Alleenrings nach Abwägung aller damit verbundenen Vor- und Nachteile "ein zu verfolgender konzeptioneller Ansatz" ist, der neben Verbesserungen in der öffentlichen Infrastruktur zu einer nennenswerten Attraktivitätssteigerung der gesamten Kirchheimer Innenstadt beitragen kann.

Prognostiziert wird, dass sich aus dem Einrichtungsverkehr auf dem Alleenring aus verkehrskonzeptioneller Sicht keine gravierenden Beeinträchtigungen ergeben werden. Aus umweltspezifischer Sicht wird die zu erwartende graduelle Mehrbelastung in Blick auf Lärm- und Schadstoffbelastung in Relation zur gesamtstädtischen Belastung als "eher von nachgeordneter Bedeutung" eingeschätzt. Während sich die Fußgänger- und Radfahrersituation deutlich verbessern könne, ergeben sich im Blick auf den Busverkehr und bei der Lenkung des Parksuchverkehrs eher Probleme, die aber als durchaus lösbar eingeschätzt werden.

CDU-Fraktionschef Helmut Kapp zeigte sich angesichts der vorgestellten Untersuchungsergebnisse überzeugt davon, dass eine von ihm zunächst favorisierte "schnelle Lösung" nicht machbar ist und das vorliegende Gutachten nun den richtigen Weg aufzeige. Ganz dringenden Bedarf sieht er an einer intensiven Probephase, da bei sich ändernden Wegeführungen zu erwarten sei, dass jeder den für ihn günstigsten Weg neu sucht. Erfreut zeigte er sich über die Chance, die Zahl der Ampeln zu reduzieren. Reizvolle Möglichkeiten erkennt auch die Grüne Alternative, wobei Stadtrat Andreas Schwarz die in der Fraktion vertretene Bandbreite von minimalem Aufwand, Probelauf und entsprechender Prüfung bis hin zu interessanten städtebaulichen Entwicklungen mit weniger Ampeln, Radstreifen und reduzierten Fahrbahnflächen skizzierte.

"Enormes städtebauliches Potenzial" sieht auch SPD-Stadtrat Dr. Claus-Peter Herzberg darin, nicht auf einen Schnellschuss zu setzen, sondern in eine seriöse Planung zu investieren, die ihr Geld wert ist. Überzeugt, dass ein Probelauf ein Schlag ins Wasser gewesen wäre, zeigte sich auch Hagen Zweifel für die Freien Wähler. Dass nach einem erfolgreichen Probelauf mit "gigantischen Kosten" zu rechnen sei, gab er genauso zu bedenken, wie die Befürchtung, dass durch den anvisierten Rückbau von Ampeln bereits gewährte Fördermittel dann auch wieder zurückzuzahlen wären. Er warnte aber nachdrücklich davor, sich eine solche Chance für den Innenstadtring entgehen zu lassen und drängte auf eine möglichst rasche Kostenermittlung und Entscheidung über einen Probelauf.

Eine deutlich abweichende Meinung vertrat Albert Kahle für die Liste FDP / KiBü. Vehement sprach er sich gegen das Chaos einer Ampelstadt mit Buslinienbevorrechtigung aus. Aus zurückgehenden Parkgebühren errechnete er zurückgehende Kundenzahlen und rückläufige Gewerbesteuereinnahmen, was sich wiederum in wegfallenden Arbeitsplätzen und schließenden Betrieben niederschlage. Überzeugt davon, dass "schon mit etwas Farbe" viel erreicht und die Idee einer Einrichtungslösung schon während der Bauzeit der Tiefgarage Schweinemarkt umgesetzt werden könne, forderte er von den Gremiumsmitglieder den Mut ein, nicht in Gutachten und Expertenmeinungen zu investieren, sondern zu improvisieren und möglichst sofort zu handeln.

Während Michael Holz (Grüne Alternative) laut über die Chance nachdachte, die sich aus einem Probelauf während der Ausnahmesituation der derzeitigen Baustellen ergeben könnten, warnte Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker nachdrücklich davor, die derzeitige viel beklagte Situation noch zu verschärfen, statt dem Handel zu helfen.

Der von Stadträtin Silvia Oberhauser von der Frauenliste formulierten Sorge vor, durch einen Probelauf möglicherweise geweckten Begehrlichkeiten, setzte Professor Diplomingenieur Kölz sein Konzept eines intensiv begleiteten Probelaufs entgegen, der unter einer ständigen Erfolgskontrolle ablaufen müsse und "keine Sieger und Verlierer" kennen dürfe.

Nachdem Stadtrat Bernhard Most (FDP / KiBü) sich dafür aussprach, dass ein Probelauf möglichst kostengünstig sein und Nachregelungen jederzeit zulassen müsse und daher keine festen Einbauten mit sich bringen dürfe, machte Professor Kölz deutlich, dass auch ein solcher Probelauf allen Sicherheitsaspekten standhalten müsse und nicht mit dem gewünschten "minimalen Aufwand" umgesetzt werden könne.

Von Anfang an müssten die Konsequenzen und Kosten der sich hier ergebenden städtebaulichen Chancen gesehen werden. Einen begleiteten Probelauf hält der erfahrene Verkehrsplaner für unerlässlich, da bei allen Abwägungen über Vor- und Nachteile auch immer wieder "Grenzwertigkeiten der Akzeptanz" auftreten können.

Neben den vorgeschlagenen Anhörungen von Vertretern aller betroffener Interessensgruppen votierten die Gremiumsmitglieder auch einstimmig für eine Besichtigungsfahrt von ausgeführten Einbahnverkehren in Böblingen.