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"Probiert es endlich mal mit der Bergpredigt"

Mutiger Streiter für den Frieden, Brückenbauer zwischen den geistigen und geistlichen Welten, protestantischer Katholik, tröstender Mitmensch, Anwalt der Ausgestoßenen, Verteidiger der Verstoßenen, Hymnensänger der Liebe: Die Reihe der Attribute, mit denen man Eugen Drewermann nach dessen Vortrag in der Nürtinger Stadtkirche versehen könnte, ist damit noch lange nicht beendet.

JÜRGEN GERRMANN

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NÜRTINGEN Dazu gehört sicher auch der Mit-Leidende. Die über 600 lieben Brüder und Schwestern (wie sie der Theologe und Psychotherapeut anredete), die sich da in der Kirche drängten, erlebten einen Mitmenschen, der auch eine Narbe in seiner Seele trägt, die noch nicht verheilt ist. Aber vielleicht macht ihn ja gerade das so glaub-würdig.

In weiten Passagen des über zweieinhalbstündigen Abends erlebte man den scharfen Analytiker, den liebevollen Beobachter und den geschliffenen Rhetoriker, der ohne jedes Manuskript Sekunde für Sekunde druckreif formuliert. Wenn er über sein Verhältnis zum Vatikan spricht, dann kommt zum faszinierenden Intellektuellen der ganz authentische Mensch hinzu. Da spürt man, dass auch Drewermann nicht neben den Dingen des Daseins steht, sondern mittendrin. Und zu all dem Menschlichen, das einen als Mensch erfüllt, gehört ab und an auch eine Portion Bitterkeit. Ja, bei Hans Küng, da werde schon ein Modus vivendi zwischen dem Papst und dem verfemten Theologen kommen, schließlich wolle Benedikt XVI. seine Offenheit unter Beweis stellen. Aber mit ihm, Drewermann? Nie, wenn sich der Vatikan nicht ändert.

Wenn es um diesen Punkt geht, da kann auch der sonst so sanftmütige Mann so richtig vom Leder ziehen: Jesus verbiete in der Bibel ausdrücklich, sich Vater nennen zu lassen, und dann spreche die römische Kirche von einem Heiligen Vater: Das ist Gotteslästerung in den Augen von Jesus. Die katholische Kirche wisse alles besser als Jesus selbst: "Und leitet daher göttliche Ansprüche für sich selbst ab und ernennt einen Stellvertreter Gottes. Als ob Gott nicht die Kraft hätte, in unseren eigenen Herzen zu reden", ließ er sogar Anklänge an Thomas Müntzer aufleuchten. Ganz klar: "Mit Rom gibt es keine Verständigung. Mit deren Auffassung kann ich keinen Frieden machen. Sie widerspricht der Sache Jesu."

Drewermann befreit den christlichen Glauben von all dem, was ihn in zwei Jahrtausenden (auch auf evangelischer Seite) überfrachtete, reduziert ihn (wie dereinst Martin Luther) auf das Wesentliche, das nicht dadurch sichtbar werde, dass man Rituale treu befolgt oder sich stets an die Gesetze gehalten habe: "Wenn ein Hungernder, ein Durstender, ein Kranker, ein Schuldiger, ein Fremder Dir begegnet ist was hast Du mit ihnen gemacht? Das und nichts anderes wird darüber entscheiden, ob Du Dich selbst und Gott gefunden hast."

Es gebe Menschen, die seien Fremde in ihrem eigenen Körper. Seit ihrer Kindheit. Es bedürfe einer ungeheuren Sensibilität, ihnen zu einem "Zuhause in sich selbst" zu verhelfen: "Es ist ein langer Weg gegen diese erlernte Angst. Aber alle Geschichten des Neuen Testaments drehen sich nur um das." Wenn Drewermann vom Zauber der Zärtlichkeit spricht, von der heilenden Wirkung der Liebe, dann erreicht er direkt Herz und Seele. Nicht nur, wenn er die Heuchler in kirchlichen Reihen verabscheut, die immer von der Liebe reden, aber dann, wenn zwei Menschen sich lieben, durchaus auch mit den Fingern zu zeigen und zu erklären vermögen, dass just dies partout nicht sein dürfe, weil das Gesetz dagegensteht. Sondern auch, wenn seine Augen leuchten und er erzählt, dass Menschen, die sich bloßgestellt fühlten, andere bräuchten, die sie mit zärtlichen Augen so ansehen, dass dieser Blick sie so umhüllt wie ein Gewand des Königs Salomo, das aus der Sensibilität der Liebe gewirkt ist.

Eine zärtliche Sprache, eine leise Sprache fordert Eugen Drewermann in dieser hektischen Zeit ein. Die Hand, die über die Stirn streicht, sodass sich das Fieber im Kopf beruhigt und die Haut, der Liebreiz schenkende Zärtlichkeiten so wohl tun, setzt er die Ellenbogen entgegen, die die Gegenwart beherrschen.

So zärtlich er auch zu reden versteht, so grundlegend ist der Wandel, für den er kämpft. Ihm geht es nicht mehr "nur" um eine neue Reformation, sondern eine wahre Revolution: Weg vom Diktat der Wirtschafts-Globalisierung, die sich die Erde kaufe ("Wer am meisten Geld hat, kann dann damit machen, was er will, und in 60 Jahren vernichten, wozu es 60 Millionen Jahre brauchte, damit sich Gottes Schöpfung entfalten konnte") und sich weltweit auf die Suche nach den billigsten Sklaven mache, hin zur bedingungslosen Würde des einzelnen Menschen, ja jedes einzelnen Lebewesens. Der Glaube habe Hoffnung und Zukunft, und die liege in der bedingungslosen Menschlichkeit, dass der Mensch ohne jede Vorleistung und ohne jede Vorprüfung Güte und Gnade erfahren könne: "Wir brauchen solche Orte, die keinem Nutzen dienen können oder sollen."

Drewermann teilt offenkundig die Auffassung Mahatma Gandhis, dass es im Abendland ein Christentum nie gegeben habe: Seit 2000 Jahren höre man immer nur, dass es unmöglich sei, nach der Bergpredigt ein Miteinander zu gestalten: "Aber auch nicht ein einziger Mächtiger hat es jemals versucht. Probiert es endlich wenigstens mal mit der Bergpredigt, damit man sehen kann, ob es wirklich nicht geht", rief er den Politikern zu.

Das ist so absolut wie seine Gewissheit der Nähe Gottes: "Der Gott, der da ist, ist wie eine Hand, die uns trägt, sich schützend über uns legt und uns annimmt in aller Angst. Und in jeder Liebe scheint etwas auf von diesem Göttlichen, nach dem wir uns alle so sehnen."