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"Raab-iates" und "Affenkotze" Jungs und ihre Mutproben

Der Mann mit dem Butterkeksgrinsen trägt den Schalk im Nacken, das Herz auf der Zunge und demonstrativ dick auf, aber damit eine Menge zur deutschen Unterhaltungswelt bei: Entertainer, Komponist und Metzger Stefan Raab wurde

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ALEXANDRA BOGER

bekannt durch Hits und Seitenhiebe. Während er seine Gags früher auf Kosten anderer machte, haut er sich heute selbst in die Pfanne und fährt damit die Bobbahn runter. Auch beweist er immer wieder, dass Schadenfreude doch eine der schönsten ist, und tut in seiner Rubrik "Raab in Gefahr" alles dafür, dass der Zuschauer diese voll auskosten kann. Auf der Kirchheimer Hahnweide drehte er "Kunstflug Vol. 2".

Kleine Jungs kaufen sich den "Playboy" und kommen mit hochrotem Kopf und der Trophäe ihres bewiesenen Mannes-Mutes aus dem Laden. Große Jungs holen sich eine "Extra 300 L" und den deutschen Meister im Kunstflug, kommen danach kaum aus dem Flugzeug, aber wenn dann "käsbloich". Das Prinzip ist das gleiche: Das Blut bleibt einfach nicht dort, wo es hingehört.

Der Kölner TV-Scherzkeks Stefan Raab sucht sich hin und wieder seine gefährlichen Herausforderungen außerhalb der Metropole am Rhein und verirrte sich dieses Mal in die Kirchheimer "Provinz", wobei er die Teckstadt aus Berichten über das Oldtimer Treffen schon kannte. Eine seiner bekanntesten "Raab in Gefahr"-Aktionen erlebte auf der Hahnweide eine Neuauflage unter der Rubrik "Elton in Raabs Gefahr".

Elton startet in seine geheime und von der Öffentlichkeit abgeschirmte Mission, die unter dem Decknamen "Schluss mit lustig" geführt wird. Dies proklamiert zumindest ein Terminator-Teddy halb Kuscheltier, halb Maschine auf dem T-Shirt des Raab-Hiwis. Ob hier der Spruch Programm ist, eine Kampfansage an den Chef oder die Vorahnung über einen möglichen Ausgang der Mission, sei dem Zuschauer überlassen.

Zur Grundausrüstung gehört das Barometer für die Negativ-positiv-Gravitation die Kordelkappe genauso wie die Tüte für den Fall einer Hyperventilation oder rückwärts verdautes Frühstück. Die Grundausbildung absolviert Elton bei einem Probeflug, der erst wenig vom Potenzial des Einsatzleiters preisgibt: "Ich kann den Elton doch nicht so hart ran nehmen, dass er sich nicht mehr reinsetzt", meint Klaus Lenhart. "Air-to-Air" werden bereits vom Probeflug Filmaufnahmen aus einer anderen Maschine gemacht, die nebenher fliegt. Doch wenn der Zuschauer harmlose Füller erwartet, irrt er, wie der Kirchheimer Sportstockhersteller weiß: "Wir sind hauptsächlich verschiedenste Rollen geflogen, Rückenflug und eben aufeinanderfolgend ohne Stopps. Diese haben sowohl bei Stefan Raab damals als auch bei Elton die entsprechende Wirkung gezeigt."

Der Mann, der "Stage-Driven" etablierte und sich mit sonstigen Gefährtschaften vornehmlich horizontal vor und zurück bewegt, wie mit seiner Bühne, kommentiert den Jungfernflug seines Multifunktionsopfers vom Boden aus: "Elton ist ja leidenschaftlicher Achterbahnfahrer, hat also schon Übung. Auch nach einem halben Hähnchen kann er das noch." Relativierend sieht Vergleichsperson Elton die Sache: "Das kann man nicht vergleichen. Ich bin ja schwerer als der Herr Raab." "In einer Achterbahn hat man zwei G, also das doppelte Gewicht des eigenen Körpers zu tragen. Heute machen wir rund sechs G", ergänzt Kunstpilot Lenhart.

Eine wirkliche Konkurrenz soll es unter den beiden Kämpfern für Spaß im Fernsehen doch nicht geben: "Die Zuschauer sollen unterhalten werden" ist der TV Total-Ikone wichtig.

Die ersten Reaktionen des taffen Raab-Gegenstücks zeugen zwar von ungebrochenem Willen, doch ist sich Elton sehr wohl über seine Situation im Klaren: "Schön is' was anderes und das war nur die Probe". Tatsächlich steht ihm der wirklich "Raab-iate Mut-Beweis" noch bevor, und so gilt es abzuwägen, wie sinnvoll und im Zweifelsfall ökonomisch es wohl wäre, das Mittagessen davor einzuschieben.

Auf Missionsleiter Lenharts Rat hin wird das Vorhaben "Schluss mit lustig" dann gleich nach einer Pause in Angriff genommen.

Für Klaus Lenhart, der mit dem Segelfliegen startete und den Kunstflugschein 1998 machte, wurde die Frage des Magens nie gestellt. In all diesen Jahren ist auch das Thema Angst nie wirklich auf den Tisch gekommen: "Respekt hab ich vor der Sache. Es muss alles funktionieren. Das Flugzeug, der Pilot und das Wetter."

Für Elton heißt das: perfekte Vorraussetzungen. Jetzt liegt es an dem Mann ohne vollständigen Namen, sich einen solchen zu machen. Beim Festgurten gibt der gravitationserfahrene Chef noch ein paar Anweisungen und aufmunternde Worte mit auf den Weg nach oben: "Elton, lass uns hören, wie's geht. Nicht die Klappe halten. Du musst das kommentieren, die Zuschauer sollen Spaß haben. Guck mal, das Flugzeug besteht da hinten aus Papier, damit es leichter ist. An die Tüte kommst de ran?"

Noch immer lächelnd macht sich Elton in der kleinen roten Maschine auf in Richtung Start. "Oh, es qualmt schon. Ob das ein gutes Zeichen ist?", mitten in dieser rhetorische Frage des Comedy-Kommentators startet der Wolkenflitzer und schießt gen Himmel in Richtung Teck, nach unten, wieder nach oben und im vertikalen "U-Turn" auf den Boden zu. Allein der Kondensstreifen lässt die tatsächlichen Turbulenzen erahnen, die Kreislauf, Kopf und Magen zu durchstehen haben, während Stefan Raab am Boden genau weiß, wovon er redete: "Also im Prinzip hat ein Fallschirm keinen Sinn mehr, wenn man ihn in dieser Höhe öffnet."

Unterbrochen von ehrlich gemeint mitleidvollem Lachen kommentiert der per Funk mit dem Flugzeug verbundene Entertainer die Aktionen: "Der geilste Teil kommt noch. Hoffentlich beißt er nicht ins Gras vorher. Der Außenloop muss schon sein." Tatsächlich ist das am Himmel für die Zuschauer lediglich ein wirbelnder, sich überschlagend trudelnder roter Fleck, und nur Stefan Raab kann wirklich nachfühlen, was da oben passiert. Und so ist der Pionier in Sachen "Halsbrechertum für Promis" auch erst enttäuscht über den eingehenden Funkspruch: "Elton kann nicht mehr." Doch das Amüsement darüber und der Gedanke an die entsprechenden Aufnahmen lässt allgemeines Gelächter und Gegluckse folgen.

Auf den Boden zurückgekehrt, sieht der Zuschauer im Gegenlicht der Sonne und vor der Kulisse der Schwäbischen Alb die Silhouette eines tapferen Mannes, den Kopf bewegungslos auf den angewinkelten Arm gestützt, ein paar Minuten verweilend, bis das Verdeck geöffnet wird.

"Affenkotze", sagt er. "Hat er ,Affenkotze' gesagt?" ist die Nachfrage des am Boden Verbliebenen an den Flieger. "Ja, hab ich", bestätigt der Leki-Luftritter. Die Mission ist erfüllt. Wie sich herausstellt, war "Affenkotze" das Codewort, das auf höchste Alarmstufe hinweisen sollte. Klaus Lenhart spricht Klartext: "Das Programm von Elton hat sich im Vergleich zu dem von Stefan Raab darin unterschieden, dass bei Elton die sogenannten ,Tumbles', das bedeutet, dass sich das Flugzeug ähnlich Purzelbäumen überschlägt, nicht mehr geflogen werden konnten. Es waren keine menschlichen Energiereserven mehr vorrätig."

Doch eigentlich ist doch nicht "Schluss mit lustig". Recht schnell findet der Feuer-, oder besser gesagt, Luftgetaufte seine Fassung wieder, um sich vor dem schadenfrohen Leidensgenossen zu rechtfertigen: "Sei doch froh, dass ich nicht so hart bin wie du, Alter, sonst würd' ich deine Show übernehmen." Der Nervenkitzel weicht, das Blut fließt zurück: "Mich kribbelt's in den Händen und in den Füßen." "Aber is geil, oder?", "Ja, danke für diesen ,Trip'" wobei die spezielle Artikulation die Doppeldeutigkeit des Wortes nicht nur andeutet.

Als den Taten dann die Zahlen folgen, kehrt sogar wieder Spannung und Freude zurrück in den gebeutelten Körper: "Ich hab mehr G!" verkündet der Kunstflug-Entjungferte. "Die geflogenen Belastungen von plus sechs und minus vier G waren ziemlich identisch, was auch den entsprechend geflogenen Manövern entsprach", resümiert Klaus Lenhart.

Und auch die ersten Aufnahmen entschädigen für den Kick der besonderen Art: "Sieht echt toll aus. Die Brille hängt irgendwo hier", demonstriert Elton "aber wir tun ja alles für's Publikum". Auch für Klaus Lenhart war der Tag ein Erfolg, und damit meint er nicht nur für ihn: "Das Honorar von 1000 Euro an diesem Tag bekommt die Lebenshilfe in Kirchheim. Und ich denke auch, dass die Aktion für die Fliegerstadt Kirchheim und die Hahnweide als gelungen bewertet werden kann."

Der tapfere Rekrut kehrt ins Leben zurück: "Jetzt geht's mir besser, jetzt hab ich Hunger". Während es Elton mit Pasta und Parmesan aufnimmt, sucht Stefan Raab schon wieder Herausforderungen in der Luft. "Der is ja verrückt. Soll er machen. Is ja sein Leben, wenn er noch mal mit will", meint "vertical-U-Turn"-Elton.

Am Ende bleibt noch die Frage nach dem "Warum". Ob nun für den Spaß, für den Kick oder für die Zuschauer sicher ist, die neue Rubrik bietet eine Menge an Schadenfreude, Adrenalin und Altruismus. Zu sehen ist der Beitrag am kommenden Montag, 30. Oktober, in der Sendung "TV Total" auf Pro 7, die um 22.45 Uhr beginnt.

Fotos: Alexandra Boger