Lokales

Rabiate Schlägertrupps prügeln Pfarrer durch die Straßen

Die Fortsetzung des gestrigen Artikels, in dem Kirchheims Stadtarchivar Rainer Kilian zum Thema "60 Jahre Kriegsende" die Zeit der "Machtergreifung" in Kirchheim darstellt, befasst sich zunächst noch mit Verwaltung und Gemeinderat. Am Beispiel der Pfarrer Otto Mörike und Julius von Jan wird dann bereits die Rolle der Kirche im Nationalsozialismus beschrieben anhand einzelner Pfarrerpersönlichkeiten, die in und um Kirchheim gewirkt haben.

RAINER KILIAN

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KIRCHHEIM Der "gleichgeschaltete" Gemeinderat tagte alle zwei Wochen, und die beherrschenden Themen waren das Arbeitsbeschaffungsprogramm beziehungsweise die Vergabe der Notstandsarbeiten, die scharfe Kontrolle aller Fürsorgeempfänger, die Behandlung von Personalien und der Baugesuche. Verwaltung und Bürgermeister Marx arbeiteten reibungslos mit den neuen Machthabern zusammen. Seit dem 3. Juni 1933 hatten die Gemeinderäte durch die Änderung der württembergischen Gemeindeordnung nur noch eine beratende Funktion und das Gesetz über die Ortsvorsteher vom 28. Juli 1933 schränkte die Möglichkeiten des Gemeinderats vollends ein.

Der Bürgermeister führte nun nach dem Führerprinzip die Verwaltung in ausschließlicher Verantwortung; er wurde nicht mehr von den Bürgern gewählt, sondern nach Vorauswahl durch die NSDAP von den staatlichen Stellen eingesetzt. Und auch die Gemeinderäte wurden vom NS-Beauftragten Eugen Wahler für sechs Jahre berufen. Ihre Aufgabe bestand nur noch darin, den Bürgermeister in wichtigen Angelegenheiten zu beraten. Weder war eine Kontrolle der Verwaltung vorgesehen, noch durften Abstimmungen stattfinden; Frauen waren nicht zugelassen.

Die nun sehr gesunkene Bedeutung des Gemeinderats wird schon rein äußerlich durch den Umfang der Gemeinderatsprotokolle dokumentiert. Umfasste zum Beispiel noch 1933 der Band der Gemeinderatsprotokolle zirka 800 Seiten, so reichten für die folgenden Jahre jeweils etwa 200 Seiten aus. Als 1934 der führende Kopf der NS-Fraktion, Hans Olpp, nach Reutlingen ging und sein Mandat niederlegte, sank zudem der Elan der Gemeinderatsfraktion der NSDAP.

Hans und Walter OlppDer Malermeister Hans Olpp gehörte zu den ganz frühen Kämpfern und war ebenso wie der Malermeister Walter Olpp sen. mit den Nazigrößen gut bekannt. Sie sollen auf der Liquidationsliste anlässlich des so genannten "Röhmputsches" gestanden und von einem SS-Führer einen Anruf bekommen haben, damit sie sich nach dem 30. Juni 1934 verborgen hielten. Tatsächlich hat die SS dann das Wohnhaus der Familie Olpp am Schlossplatz 12 gründlich durchsucht.

Auf dem Wohnhaus der Familie Olpp am Schlossplatz 12 war am Tage der Machtübergabe an Hitler die Hakenkreuzfahne aufgezogen worden. Daraufhin sammelte sich auf dem Schlossplatz eine größere Menschenmenge und brachte ihre Missbilligung zum Ausdruck. Hans Olpp begab sich in die Menge und drohte mit der SA, während Sofie Olpp, als "Mutter der SA" bezeichnet, mit einem geladenen Karabiner die Eingangstür sicherte.

Hans Olpp war Führer des Sturmbanns III/125 mit über 1 000 Mann, der die Oberämter Kirchheim und Nürtingen umfasste. Olpp war in Kirchheim Obersturmbannführer, ging dann 1934 als Standartenführer nach Reutlingen, war danach in gleicher Funktion 1938/39 in Ludwigsburg. Nach der Teilnahme am "Frankreichfeldzug" wurde er SA-Gruppenführer "Main-Franken" in Würzburg, 1943 SA-Obergruppenführer und Verbindungsoffizier im Führerhauptquartier und 1945 Volkssturm-General für Oberbayern.

Nach Kriegsende konnte er sich absetzen und in Plieningen als Hans Kolb zirka eineinhalb Jahre untertauchen. Der Aufenthaltsort soll in Kirchheim verbreitet bekannt gewesen sein. Verraten hat ihn aber niemand. Hans Olpp wurde von einem früheren SA-Mitglied auf den Fildern erkannt und den Amerikanern gemeldet. Bis 1949 saß er dann in Ludwigsburg im Zuchthaus.

Walter Olpp sen. war seit 1923 beziehungsweise 1929 Mitglied der NSDAP und bezeichnete sich selbst als führenden Agitator der Nationalsozialisten im Oberamtsbezirk. Seit 1936 zog er sich zurück, fungierte aber weiter als Kreishandwerksmeister. Grund seines Rückzugs war wohl sein idealistischer Denkansatz, der nicht in Einklang mit der Entwicklung der NSDAP und ihrer leitenden Funktionäre zu bringen war (Röhm-Putsch, Verhalten des Kreisleiters Wahler).

Er brachte Wahler wegen dessen Lebenswandel vor das Parteigericht in München; dort stand Aussage gegen Aussage, weil Kirchheimer Zeugen ihre Aussagen widerriefen. Nach Kriegsbeginn sorgte Kreisleiter Wahler dann dafür, dass der fünffache Familienvater Walter Olpp sofort eingezogen wurde. Nach dem Krieg wurde Walter Olpp 1945 als "berufsunwürdig" kategorisiert und der bürgerlichen Ehrenrechte für verlustig erklärt. 1949 erfolgte in einer Berufungsverhandlung vor der Zentralen Berufungskammer in Ludwigsburg seine Einstufung als "Entlasteter".

Gesellschaftliche GruppenDurch Unterdrückung, Diffamierung und Polizeimaßnahmen lösten sich von Juni bis August 1933 alle demokratischen Parteien auf oder wurden verboten; die NSDAP wurde zur Staatspartei erklärt. Die ersten Maßnahmen der Nationalsozialisten in Kirchheim richteten sich gegen die SPD und die KPD. Diesen Parteien nahestehende Organisationen, wie zum Beispiel die Eiserne Front, Gewerkschaften und der Arbeitersportverein wurden verboten und ihr Vermögen konfisziert.

Am 1. April 1933 begann in Kirchheim der staatlich sanktionierte Terror gegen die jüdischen Mitbürger. Die politische Polizei überwachte sämtliche Vereine und Organisationen bis hin zu den kleinsten Grüppchen wie zum Beispiel Freimaurer, Tannenbergbund, Erwerbslosenverband, Freidenker, Hundesportverein, Arbeitersamariterbund. Der Kirchheimer Radfahrverein wurde aufgelöst und das Waldheim am Hohenreisach beschlagnahmt.

Pfarrer Otto MörikeAdolf Hitler war am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen. Nach neun Monaten NS-Herrschaft gaben am 12. November 1933 von 7 374 Kirchheimer Wahlberechtigten 7 029 den Nationalsozialisten ihre Stimme. Am 10. April 1938 sollte der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich mit einer Volksabstimmung legitimiert werden. Zudem wollte Hitler seine bis dahin fünfjährige Regierungstätigkeit bestätigen lassen.

In einer Denkschrift vom 23. April 1938 beschreibt der Kirchheimer Pfarrer Otto Mörike den Verlauf des Wahltages. Der 10. April. Wir meine Frau und ich wählten schon früh gegen 9 Uhr. Unser Wahllokal war die frühere Präparandenanstalt. Für eine geheime Abstimmung war Sorge getragen. An Stelle des amtlichen Stimmzettels legten wir eine Erklärung in den Wahlumschlag. Diese Erklärung liegt der Denkschrift bei und lautet:

Obwohl es mir schwerfällt, mich an dieser Wahl überhaupt zu beteiligen, nachdem es bei der letzten Wahl vom 29. März 1936 offensichtlich nicht mit rechten Dingen zuging, so möchte ich doch die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, auch auf die Gefahr hin, dass diese Erklärung dieselbe Bewertung erfährt wie seinerzeit die leeren Stimmzettel, und erkläre folgendes: Auf die erste Frage: "Bist du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden?" antworte ich mit Ja. Auf die zweite Frage: "Stimmst du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler?" antworte ich mit Nein.

Der Führer sagte in seiner Rede vom 18. vorigen Monats: "Das deutsche Volk soll in diesen Tagen noch einmal überprüfen, was ich mit meinen Mitarbeitern in den fünf Jahren seit der ersten Wahl des Reichstags im März 1933 geleistet habe." Dieser Aufforderung des Führers gebe ich statt und komme nach gewissenhafter Überprüfung des vom Führer und seinen Mitarbeitern in den letzten fünf Jahren Geleisteten zu folgender Stellungnahme:

Vieles Große ist in dem genannten Zeitraum geleistet worden, besonders auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet, wie es zuletzt noch vom Führer selbst in seiner Rede vom 20. Februar aufgezählt und aufgezeigt worden ist. Ich anerkenne das mit Dank gegen Gott. Aber daneben steht Gott sei's geklagt! Anderes, was mich und mit mir nicht wenige aufrechte deutsche Männer und Frauen mit großer Sorge um die Zukunft unseres Volkes erfüllt und wozu ich unmöglich ja sagen kann. Es ist dies im wesentlichen zweierlei: 1. Die Auflösung von Sittlichkeit und Recht. 2. Die Zerstörung der Kirche und die Entchristlichung unseres Volkes.

Wenn ich zusammenfasse, komme ich zu dem Urteil: Dies beides, den Kampf gegen die Kirche und den christlichen Glauben, sowie die Auflösung von Recht und Sittlichkeit halte ich für ein Beginnen, das den Fluch Gottes und damit das Verderben unseres Landes nach sich ziehen muß. Im Kampf um und gegen das Recht und den Glauben unserer Väter wird sich das Schicksal unseres Volkes entscheiden. Da ich aber in diesem Kampf niemals mit der derzeitigen unseligen Haltung von Partei und Staat einig gehen kann, kann ich auf die zweite Wahlfrage nur mit einem schmerzlichen, aber entschiedenen Nein antworten.

Mörikes mutige Frau Gertrud wagte es, bei dieser Wahl sogar beide Fragen mit "Nein" zu beantworten. Sie begründete ihre Haltung so: "Ich anerkenne den Nationalsozialismus auf politischen Gebiet aufrichtig und dankbar. Den Nationalsozialismus als Weltanschauung muss ich als Christ, soweit er im Gegensatz und Kampf gegen das Wort Gottes im Alten und im Neuen Testament steht, ablehnen, da er zum Fluch und ewigen Verderben unseres Volkes gereicht."

Noch am Abend der Wahl wurde Otto Mörike von einer randalierenden Menge im Pfarrhaus überfallen und durch die Straßen der Stadt geprügelt. Schutzhaft und eine Verurteilung zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung schlossen sich an. Nach verschiedenen Aushilfstätigkeiten versetzte der Oberkirchenrat Pfarrer Mörike 1939 nach Flacht-Weissach, Dekanat Leonberg.

"Kirchenkampf"Das besondere Augenmerk der Nationalsozialisten galt nach der Machtübergabe den beiden Kirchen. Die katholische Kirche wurde mit der Aussicht auf ein Konkordat auf die Seite der neuen Machthaber gebracht. Der Fraktionschef des "Zentrums" im Reichstag, Prälat Dr. Kaas, ging realitätsfern davon aus, dass mittelfristig keine Regierung gegen den Katholizismus bestehen könne. Zu dieser Fehleinschätzung trat die zunächst offen gezeigte Sympathie Hitlers durch den Vatikan.

Auch auf evangelischer Seite standen anfangs zahlreiche Kirchenführer und Pfarrer dem neuen faschistischem Staat wohlwollend gegenüber, so zum Beispiel der württembergische Landesbischof Wurm. Die NS-Ideologen scheiterten allerdings, denn die Errichtung einer evangelischen Reichskirche unter einem Reichsbischof stieß 1934 nach der Konstituierung der "Bekennenden Kirche" auf Widerstand. Vor allem die Landeskirchen in Württemberg, Bayern und Hannover reihten sich fast geschlossen in die Bekenntnisfront ein.

Sicher wird man das Verhalten der beiden großen Kirchen in dem entscheidenden Zeitraum nach der Machtergreifung als ambivalent bezeichnen können.

Pfarrer Julius von JanAus einem Geheimbericht des Sicherheitsdienstes der SS, Unterabschnitt Württemberg-Hohenzollern, für das 4. Quartal 1938 ist zu entnehmen, dass die Kirchen die "Vergeltungsmaßnahmen" weitgehend ablehnten. Auf evangelischer Seite seien menschliche Sympathie für das Judentum und religiöse Verbundenheit vorherrschend, während auf katholischer Seite Überlegungen und Befürchtungen beständen, gegen den Katholizismus könne einmal ebenso vorgegangen werden wie gegen das Judentum.

Obwohl sich die offiziellen Stellen und Personen der Kirchen jeder Stellungnahme zur Judenfrage und zur Judenaktion enthielten, wurden doch die Übergriffe vom Großteil der Geistlichkeit und der Bevölkerung abgelehnt, mit Begründungen wie "die Juden sind doch auch Menschen und man darf keine Gotteshäuser anzünden (gemeint ist die so genannte Reichskristallnacht), das ist doch Gotteslästerung".

Aber es gab auch ganz vereinzelt unerschrockene Pfarrer, die an dem der Pogromnacht folgenden Sonntag oder am Bußtag (16. November) ein offenes Wort wagten. Der Oberlenninger Pfarrer Julius von Jan hielt sich bei der Ausarbeitung seiner Predigt an den von der evangelischen Landeskirche vorgeschriebenen Predigttext aus Jeremia 22, 29: "Oh Land, Land, Land, höre des Herren Wort." Pfarrer von Jan sagte in seiner Predigt unter anderem:

Ein Verbrechen ist geschehen in Paris! Der Mörder wird seine gerechte Strafe empfangen, weil er das göttliche Gesetz übertreten hat. Wir trauern mit unserem Volk über das Opfer dieser verbrecherischen Tat (gemeint ist die Ermordung eines deutschen Botschaftsangehörigen durch einen Juden). Aber wer hätte gedacht, daß dieses eine Verbrechen in Paris bei uns in Deutschland so viele Verbrechen zur Folge haben könnte?

Hier haben wir die Quittung bekommen auf den großen Abfall von Gott und Christus, auf das organisierte Antichristentum. Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote Gottes missachtet, Gotteshäuser, die anderen heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört. Männer, die unserem deutschen Volk treu gedient haben und ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt haben, wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer anderen Rasse angehörten!

Mag das Unrecht auch von oben nicht zugegeben werden das gesunde Volksempfinden fühlt es deutlich, auch wo man nicht darüber zu sprechen wagt. Und wir als Christen sehen, wie dieses Unrecht unser Volk vor Gott belastet und seine Strafe über Deutschland herbeiziehen muss. Denn es steht geschrieben: "Irret Euch nicht, Gott lässt seiner nicht spotten! Was der Mensch sät, das wird er auch ernten!"

Am 25. November wurde Julius von Jan von SA- und SS-Männern aus Nürtingen und Umgebung überfallen, misshandelt und bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt. Nach viermonatiger Untersuchungshaft im Kirchheimer Gefängnis musste Julius von Jan Württemberg verlassen. Im Herbst 1939 verurteilte ihn dann das Sondergericht Stuttgart wegen Vergehens gegen den "Kanzelparagraphen" zu 16 Monaten Strafhaft. Die Untersuchungshaft wurde angerechnet; zehn Monate verbüßte von Jan in Landsberg/Lech, dann hatte ein Gnadengesuch Bischof Wurms Erfolg. 1943 noch zum Kriegsdienst eingezogen, kehrte er 1945 glücklich auf seine Pfarrstelle in Oberlenningen zurück.

Fortsetzung am morgigen Samstag