Lokales

"Radfahren in Jerusalem ist immer noch etwas Exotisches"

KIRCHHEIM Die Lokale Agenda Kirchheim hat Anfang April dieImagekampagne "FahrRad" gestartet. Der werbewirksame Einsatz für das Bike im Alltag wird sich bis zu den Goldenen Oktobertagen hinziehen. Der Teckbote bringt passend zum Thema eine lockere Serie über Menschen, die im Alltag den Drahtesel für sich entdeckt haben, wie der Sozialpädagoge Martin Lempp vom Kirchheimer Verein Brückenhaus.

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RICHARD UMSTADT

"Tinus" Lempp, 50, ist ein Allwetter-Radler. Täglich fährt er mit seinem grün lackierten 21-Gang-Tourenrad mit Rennradlenker die sieben Kilometer von Bissingen nach Kirchheim. In der fünfköpfigen Familie besitzen alle den Führerschein. Da aber nur ein Auto in der Garage steht, darf es derjenige benutzen, der es am dringendsten benötigt, erklärt der engagierte Sozialpädagoge die familieninterne Regelung.

Martin Lempp fährt sehr gerne Fahrrad. Und dies aus vielerlei Gründen, sagt er, und nennt den Umweltschutz, den Gesundheitsaspekt, Kostengründe und die Unabhängigkeit von Fahrzeiten des ÖPNV. Seine drei Arbeitsstätten innerhalb Kirchheims, das Brückenhaus, die Freihof-Realschule und das Ötlinger Jugendhaus, erreicht er mit dem Fahrrad schneller als mit Bus oder Auto.

Einen weiteren, wichtigen Grund hat er mit vielen anderen Fahrradfahrern, die täglich zur Arbeit radeln, gemein: Sie sagen alle, es sei wohltuend, auf dem Nachhauseweg den "Kopf frei" zu bekommen, "abschalten" und den Frust des Arbeitstages hinter sich lassen zu können. Dafür ist Martin Lempps Heimweg, der Radweg zwischen Kirchheim und Nabern, bestens geeignet. Er führt von der Autobahn ab, leicht bergan, ist von Streuobstwiesen umgeben und aus der Ferne grüßt die Teck.

"Radfahren ist seit vielen Jahren für mich Normalität", sagt der Bissinger. Auch in Jerusalem, dem rund eine halbe Million Einwohner zählenden Nahost-Brennpunkt, hatte er sein schwäbisches Stahlross dabei. Vier Jahre lang arbeitete der Sozialpädagoge im Heiligen Land zusammen mit seiner Frau Gabi für "Aktion Sühnezeichen Friedensdienst". "Der Verkehr in Jerusalem ist wahnsinnig. Die Israelis sind nicht auf Radler eingestellt," musste Martin Lempp die enttäuschende Erfahrung machen. "Es gibt zwar ein paar Radläden und ein paar Kilometer Radweg, aber Radfahren in Jerusalem ist etwas Exotisches." Aus dieser Zeit im Heiligen Land stammt übrigens sein weiß-blauer Radaufkleber in hebräischer Schrift "Die Mehrheit hat sich für den Frieden entschieden, ich auch".

Martin Lempp entschied sich nicht nur für den Friedensdienst, sondern schon in jungen Jahren für das Bicyclette. In Schwäbisch Gmünd "ich glaube, ich war damals sechs oder sieben" lernte er Radfahren. "Ich habe relativ früh ein Fahrrad bekommen und seither immer diese Art der Fortbewegung bevorzugt." Vielleicht auch deshalb, weil er und seine Geschwister nie von den Eltern irgendwohin chauffiert wurden, wie es heutzutage gang und gäbe ist. "Ich hatte auch nie etwas motorisiertes Zweirädriges. Das wär' mir viel zu kompliziert gewesen." Ein Fahrrad war da überschaubarer, "das konnte ich selbst flicken".

Mit dem Drahtesel unternahm er mit seinem blinden Schulfreund Karlheinz Schach Radtouren auf dem Tandem, an die er sich heute noch gerne erinnert. Mit dem Fahrrad fuhren die Lempps nach Südfrankreich. Damals radelten auch die drei Kinder mit.

Per Stahlross samt Zelt und Pack ging's in einem anderen Urlaub 14 Tage durch Deutschland, von Regensburg die Donau runter durch Schlesien an die Moldau und nach Prag und weiter bis Dresden an die Elbe. "Da sieht man Dinge, die sonst nur am Autofenster vorbeifliegen." Denn auch das ist eine Erfahrung, die Radwanderer teilen: Im Gegensatz zum Fußmarsch kommt man bei längeren Touren mit dem Fahrrad rascher vorwärts und zwar in einer Geschwindigkeit, in der man Veränderungen der Landschaft und in der Sprache der Menschen bewusst mitbekommt.

Ist das Fahrrad im innerstädtischen Bereich das ideale Verkehrsmittel der Zukunft? Martin Lempp ist skeptisch. "Leider nicht", bedauert er. Der Sozialpädagoge ist sich aber sicher, dass die Akzeptanz des Stahlrosses im Alltag "ein großes Stück" gestiegen ist. "Es hat sich viel entwickelt." Dennoch müssten seiner Meinung nach die Voraussetzungen weiter verbessert werden, damit sich die Einstellung innerhalb der Gesellschaft zum Radfahren im Alltag weiter ändert. Dazu gehört nicht nur ein gut ausgebautes Radwegenetz. Auch müsse die Hemmschwelle für Radfahrer gesenkt werden, mit dem Bike öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Was sollte noch geschehen? "Alles, was Radfahren für Kinder sicher macht," lautet die prompte Antwort von Martin Lempp. Wenn Kinder früh lernen, sich mit dem Rad im Verkehr zu bewegen und sich dabei sicher fühlen, kann dies zu einem Gewöhnungseffekt führen, der das Radfahren auch im Alter selbstverständlich macht.