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Rahmenbedingungen müssen verbessert werden

Ist Sozialpsychiatrie ein noch zeitgemäßer Ansatz? Darüber diskutierten am Wochenende im Klinikum Kirchheim-Nürtingen rund 170 Psychologen in der Festhalle des Kirchheimer Kreiskrankenhauses. Aktuelle Entwicklungen und Veränderungen in der Landschaft der psychiatrischen Versorgung sowie ihre Perspektiven standen im Fokus.

DANIELA HAUSSMANN

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KIRCHHEIM Anlass der Fachtagung am Wochenende war das altersbedingte Ausscheiden von Doktor Andreas H. Schlingensiepen, Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Kirchheim-Nürtingen. Nach über 25 Jahren wird er Ende Februar in den Ruhestand gehen. "Sozialpsychiatrie wird immer wichtiger werden", versichert Schlingensiepen. Derzeit führe sie noch ein Schattendasein, doch mit Blick auf das Jahr 2015 werde sie überproportional an Bedeutung gewinnen. "Von den zehn häufigsten Krankheiten werden solche psychischer Art zwischen dem dritten und fünften Platz rangieren. Darunter die Depression", prognostiziert der Fachmann. "Verantwortlich für diese Entwicklung sind nicht zuletzt auch die ökonomischen Rahmenbedingungen und der damit verbundene Druck, der auf dem Einzelnen lastet."

Derzeit würden psychisch kranke Menschen noch auf einem relativ guten Niveau versorgt, aber insbesondere die chronisch Kranken müssten bei ihrer Behandlung eine Eigenleistung erbringen, wenn sie mehr als 2400 Euro Vermögen besäßen. "Damit werden diese Menschen in der Tendenz zu Sozialhilfeempfängern", skizziert der Experte die häufig unausweichliche Entwicklung im Einzelfall. "Wenn man nun bedenkt, dass die Zahl jener Menschen, die so erkranken, anteilsmäßig im Gesundheitswesen größer werden wird, dann bedeutet das auch, dass eine kommende Gruppe von Sozialhilfe-Leistungs-Empfängern entsteht, bei der zu überlegen sein wird, endlich mit einem Gesundheits-Leistungs-Gesetz dieser Entwicklung entgegenzusteuern. Schließlich müssen die Auswirkungen von psychisch Krank-sein, die anders sind als bei anderen Erkrankungen, finanziell und damit auch sozial aufgefangen werden."

Es sei selbstverständlich, dass im Bereich der Herzinfarkt-Versorgung alle Kosten von den Kassen getragen würden, doch in der Psychiatrie sei dies nicht der Fall. "Jahrelang wurden und werden noch immer Betroffene vernachlässigt", gab der Experte zu verstehen. Ähnlich wie die Pflege für alte Menschen wurde die Psychiatrie in der Gestaltung der Gesetzgebung vergessen oder als zu teuer empfunden. Ein wichtiger Grund für diese Entwicklung liegt nach Ansicht der Fachleute in der sozial-kulturellen Entwicklung der Gesellschaft, die eine Beeinträchtigung "des wertvollsten menschlichen Organs, des Gehirns", stigmatisiere. In den vergangenen 200 Jahren wäre das Phänomen der psychischen Erkrankung vor der Öffentlichkeit weggeschlossen worden. Um 1968 dienten noch immer Torfschütten als Betten für chronisch kranke Patienten. Erst mit den Ergebnissen einer Enquete-Kommission 1973 konnten gegenüber dem Deutschen Bundestag maßgebliche Veränderungen durchgesetzt werden. Doch jene Stigmatisierung und damit auch politische Vernachlässigung der Psychiatrie und der Betroffenen halte noch immer an und beeinflusse die Arbeit der Psychiater. "Letztlich erschwert das die Reintegration der Patienten. Diese Brandmarkung setzte sie unter Druck und verlangsamt die Genesung", stellte Andreas Schlingensiepen fest.

"Heute haben wir rund 350 Arbeitsplätze im Landkreis Esslingen geschaffen, die diese Menschen wieder in die Gesellschaft eingliedert. Das muss ausgebaut werden." Heute führten Einsparungen dazu, dass die Personalzahlen in der Psychiatrie rückläufig seien. "Personell gesehen haben wir damit den Stand Anfang der 80er-Jahre", erklärt der Chefarzt. "Die Anforderungen im Bereich der Dokumentation und der Rechtfertigung von Kosten sind gestiegen. "Damit sind wir heute wahrscheinlich in einer schlechteren Situation als vor fast 30 Jahren." In einem Fach, das sehr sprechintensiv sei, führe das unweigerlich dazu, dass die Zeit dafür verstärkt fehle.

In den Reihen der Maßnahmeträger werde der Verwaltungsaufwand größer und die Zeit für die Patientenbetreuung verkürzt. "Die Politik muss handeln, um eine breitere Finanzbasis zu schaffen. Das ist unser Ziel, denn die, die auf dem Friedhof liegen, können nicht schreien", erklärt Schlingensiepen die angeratene Marschrichtung. "Mit Blick auf 2015 ist ein Handeln, auch im gesetzlichen Rahmen, dringend geboten. Schließlich geht es auch um volkswirtschaftliche Kosten."