Lokales

Ratsgremium machte sich Entscheidung nicht leicht

Während die beiden Linden vor dem Ochsenwanger Kirchle weiterhin das Ortsbild prägen dürfen, müssen die zwei Bäume vor dem alten Rathaus der Eduard-Mörike-Gemeinde fallen. Dies beschloss das Bissinger Ratsgremium schweren Herzens in jüngster Sitzung.

RICHARD UMSTADT

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BISSINGEN Vor etwa 80 Jahre gepflanzt, gehören die Linden in der Ochsenwanger Eduard-Mörike-Straße vor dem Kirchle und dem Fachwerkrathaus, vormals alten Schulhaus, an der Hüle zum Ortsbild der Albgemeinde. Bereits auf einer Federskizze von Eduard Mörike aus dem Jahre 1832 ist vor der Kirche ein Baum zu sehen. Freilich verlief damals das ungeteerte Sträßle zwischen dem Gotteshaus und dem Rathaus noch etwas anders und von Asphalt und Granitkandel konnte keine Rede sein. Doch genau dies scheint zumindest den zwei Linden vor dem Rathaus zum Verhängnis geworden zu sein.

Wie der Sachverständige, Diplom-Forstingenieur Martin Müller vom Büro Katzmaier & Müller, Welzheim, dem Ratsgremium eindrücklich erläuterte, wirkt die Schwarzdecke für die Baumwurzeln als statische Begrenzung. Dieses Korsett wiederum reizt die Wurzeln zum Wachsen an. Sie drücken gegen die Asphaltdecke und geraten in den Bereich des Rat-hausnachbars. Der aber möchte, dass die kriechenden Störenfriede beseitigt werden. Da die linke Linde sehr nahe auf der Grenze steht, müsste die Wurzel am Stammfuß gekappt werden. Dieser wiederum würde die Gefahr der Wurzelfäule und der Vergreisung des Baumes in sich bergen. Und was schließlich den Ausschlag gab, die Linde zu fällen: Der Baum würde seine Standsicherheit verlieren und bei einem starken Sturm umstürzen. Die Gemeinde sah sich deshalb, aus nachbarrechtlichen und versicherungstechnischen Gründen, in der Pflicht, die Gefahr zu bannen.

Auch die rechte Linde vor dem Rathaus ist aus Sicht des Sachverständigen nicht mehr zu halten. Ihr Stamm ist hohl und die baumchirurgische Behandlung vor 20 Jahren konnte die Fäule nicht aufhalten. Die Gefahr des Windbruches ist auch bei diesem Baum gegeben. Dabei verwies Diplom-Forstingenieur Müller wiederholt auf die lokale Verkehrssituation hin. Vor dem Rathaus befindet sich eine Bushaltestelle und in dem Fachwerkgebäude der Jugendraum des Ortes. Eine Gefährdung durch herabfallende Äste oder im schlimmsten Fall umstürzende Bäume konnte nicht ausgeschlosen werden.

Gemeinderat Rolf Rüdiger Most wies als Jurist auf die rechtlichen Folgen hin. Der Gemeinderat würde in Kenntnis der Sachlage grob fahrlässig handeln, unternähme er nichts, um Schaden abzuwenden.

Schweren Herzens entschied sich die Mehrheit des Ratsgremiums dafür, die Linden vor dem alten Rathaus in Ochsenwang noch im Winter vom Bauhof fällen zu lassen. Die Verwaltung will dort aber wieder neue Bäume pflanzen und zum Nachbarn hin mit einem Wurzelvlies versehen.

Etwas anders stellt sich die Situation der beiden Linden vor dem Eduard-Mörike-Kirchlein dar. Auch diese waren durch das Ingenieur- und Sachverständigenbüro Katzmaier & Müller untersucht worden. Das Ergebnis: Trotz gewisser Spätfolgen baumchirurgischer Behandlungen sind die beiden rund 80 bis 100 Jahre alten ortsbildprägenden Linden erhaltenswert.

Um die Verkehrssicherheit herzustellen, stellten das Sachverständigenbüro ein Maßnahmenkatalog auf. So müssen die Baumkrone gepflegt, das Totholz und Bruchäste entfernt, die Äste an der Kirchenfassade zurückgeschnitten und alte Schnittstellen auf Fäule hin untersucht werden. Außerdem soll der zur Straße hin gewachsene starke Ast gesichert werden. Der Experte empfahl im Übrigen, neben den jährlichen Nachkontrollen auch nach Stürmen die Linden zu kontrollieren. Dem wollten die Bissinger gerne nachkommen.