Lokales

Rauchverbot, Krippenplätze, Begnadigungen und Gammelfleisch . . .

KIRCHHEIM Wer den erfahrenen Kabarettisten Volker Staub allein in der Bastion erlebt hatte, musste sich auf ein Wiedersehen freuen. Sein gut in Erinnerung gebliebener Winnetou, der der SPD mit vollem Ganzkörpereinsatz aus der Apatsche hilft,

Anzeige

WOLF-DIETER TRUPPAT

hatte erneut für volle Ränge gesorgt. Seine weiblichen Fans waren wieder aus dem Häuschen über die keinen Schmerz kennende "Rothaut", die ihren präriegestählten Körper gnadenlos dem Dienst der Kabarettkunst unterordnet.

Wer den bei seiner Bastionspremiere im Oktober vergangenen Jahres noch nicht allzu bekannten Shooting Star Florian Schroeder erlebt hatte, wusste, dass der kurz nach dem Zustandekommen seines Engagements mit dem "Kleinkunstpreis Baden-Württemberg" ausgezeichnete Kabarettist mühelos ebenfalls allein den Bastionskeller füllen kann.

Beide Auftritte vor vollem Haus schienen nicht mehr steigerungsfähig. Die beiden nun mit- und gegeneinander gemeinsam auf der kleinen Bastionsbühne zu erleben, war ein begeisterndes Ereignis, das auch von dem gestrigen großen Auftritt im Stuttgarter Theaterhaus wohl nicht mehr getoppt werden konnte.

Hautnah am Publikum zu sein und ihm den Rauch in die Nase blasen zu können, machte ihnen sichtlich Spaß und den hustenden Zuschauern ebenfalls. Lückenlos wurde aufgezeigt, dass die Menschheitsgeschichte untrennbar mit der Kultur des Rauchens zusammenhängt. Ohne Tabak keine Kultur, lautete die klare Aussage und kein "meditatives Rauchen". Hätte es die englischen Rauchclubs seinerzeit nicht gegeben, hätte James Watt niemals die Dampfmaschine erfunden und auch die Literatur wäre ärmer ohne Ernest Hemingways Klassiker "Der alte Mann und der Teer".

Dass bei einem Jahresrückblick das Thema Rauchverbot nicht fehlen durfte war klar. Welche Folgen das Rauchverbot haben kann, wurde am Beispiel von zwei älteren Herren gezeigt. Nach einem gemütlichen Viertele wollen sie die klare Sicht ihrer nicht wiederzuerkennenden Stammkneipe verlassen, doch das ist unmöglich. Der Vorausgehende schlägt entsetzt die Tür sofort wieder zu und sagt: "Da kannst du nicht rausgehen, da ist alles verraucht".

Wie die Erfinder des Rauchverbots habe auch Krippenplatzkritiker Bischof Mixa nicht alle Kerzen am Ständer, wenn er denkt, Frauen würden dadurch zu Gebärmaschinen degradiert. Am Anfang war nun einmal der Hort und Mixas Chef Jesu fing ja auch so an.

Mit einem Satz wurde das Publikum dann in den Vatikanstaat entführt, der angeblich eine Viagrafabrik gekauft habe. Warum weiß niemand, aber es soll irgend etwas mit Auferstehung zu tun haben . . .

Von Klerikalem stürzten Volker Staub und Florian Schroeder ihr Publikum schon Sekunden später in die Niederungen des Sports und der Politik. Interessant fanden sie schließlich, dass Fußballstar Mehmet Scholl gefordert hat: "Hängt die Grünen auf, solange es noch Bäume gibt". Wie andere nach ihm, habe er sich dann aber astrein davon distanziert und kurz darauf erklärt, dass er sie wählen werde, denn man könne sie ja nicht hängen lassen . . .

Louis Trenker vom Grab aus direkt in den Norden zu führen, wo er den G8 Gipfel ersteigen wollte, war ein genialer Streich, den Volker Staub genüsslich zelebrierte. Nachdem Trenker "sein Rucksackl" mit Speck und Enzian bepackt hatte, muss er vor Ort feststellen, dass im Basislager schon über 1 000 andere Bergkameraden dieselbe Idee hatten.

Da es so heiß ist, dass sogar der Teer in den selbst gedrehten Zigaretten schmilzt, werden sie mit Wasserwerfern abgekühlt. Andere, die übers Wasser den Weg zum Gipfel ansteuern wollen, wurden währenddessen von nachfolgenden Booten überfahren. Knochen krachten, Blut spritzte, aber pfundig war's trotzdem.

Florian Schroeder brillierte in der Bastion einmal mehr als verbissener Innenminister Schäuble, der sich für Gebärmutterdurchsuchungen für Schwangere stark machte, denn auch Terroristen stammen schließlich aus Zellen. Den Vorwurf, die Demokratie abschaffen zu wollen, wies er weit von sich. Er wolle schließlich nur die Gesetze abschaffen.

Wie leicht es eigentlich ist, Rechtsradikale umzuerziehen, erläuterte er dem staunenden Publikum in überzeugender Ruhe. Statt "extrem pigmentiertes Mitmenschentum" einfach zusammenzuschlagen lautet sein Rat, erst den mitgeführten Ausweis zu kontrollieren. Stehe da Afghan, Pakistan oder Taliban, wären alle sich möglicherweise daran anschließenden Handlungen mit finalem Ausgang ein aktiver Beitrag zur Bekämpfung des Terrorismus und damit Dienst am Vaterland.

Weit aufgeregter kam das Rhetorikwunder Stoiber weg, dessen Abzug nach Brüssel rund 300 Arbeitsplätze im Kabarettistenmilieu gekostet habe. Schuld daran waren allein die Übersetzer, die seinen Worten stets einen Sinn verliehen hatten.

Als Gast bei dem ebenfalls nicht gerade nur in sich ruhenden Mario Barth konnte Stoiber ein "Reload" seines legendären "Transrapid" präsentieren, eine Version, die seinen Ausstieg und Fall aus der Staatskanzlei in nur zehn Minuten auf einen genauso verwirrenden Punkt brachte.

Bei ihren oft improvisierten Schlagabtauschen merkte man Volker Staub und Florian Schroeder deutlich an, dass es ihnen fast genauso viel Spaß machte wie dem Publikum einschließlich "Mineralwasserfraktion". Virtuose Wortschlachten, bei denen es nie Sieger, aber immer Gewinner gab, wechselten sich ab mit musikalischen Einlagen, die die Vielseitigkeit der beiden souverän große Altersunterschiede überspielende Multitalente unter Beweis stellte.

Ein grandioses Duett stimmten die beiden Wortartisten und Mimikspezialisten in der Kultsendung "Nachtgespräch" an. Die Teilnehmer hätten dabei nicht unterschiedlicher sein können, redeten dann aber beide viel und vor allem beredt aneinander vorbei. Volker Staub gab einen brillant karikierten Moderator Eva-Maria von der Laber, der seinem Namen alle Ehre machte.

Frankophil-eloquent vor sich hin schwadronierend, hatte der Nachtgespräch-Moderator durchaus etwas gemeinsam mit seinem Kollegen Reinhold Beckmann, den Florian Schroeder an anderer Stelle einfühlsam und extrem interessiert zu Wort kommen ließ: Eva-Maria von der Laber waren seine weit ausholenden und nicht nur seinen Gesprächspartner verwirrenden Fragen oft wichtiger, als die Antworten seines Gegenübers.

Mit der Guido-Knoppisierung und Profanisierung des Mediums konfrontiert, bekannte sich der schwäbische Mann des Alltags dazu, dass es dabei vor allem auch um Arbeitsplätze geht. Viel verdient ist nun einmal mit schnell heruntergefilmten Dokus und vor allem mit von Abbrechern der Schauspielschule am laufenden Meter produzierten Vorabend-Soaps.

Aus dem politischen Material könne man freilich noch viel mehr herausholen. Zum RAF-Jubiläum hätte er sich beispielsweise ein "Prime Time Special" mit Günter Jauch vorstellen können. Titel: Wer wird Raffionär?

Wichtig in diesem Zusammenhang war dann auch die Frage, warum "der Bundeshorst" Christian Klar gegenüber Recht vor Gnade hatte walten lassen. War es das Gerücht, dass er ihm Rahmen seiner Resozialisierung nicht als Bühnen- sondern als Pyrotechniker hätte ausgebildet werden sollen?

Da die Trümmerfrauen das Land aufgebaut haben, das Bundespräsident Horst Köhler eigener Aussage nach ja so ganz besonders liebt, Christian Klar es aber abbauen wollte, war eigentlich schon zu Beginn des langen Nachdenkens klar, wie die Entscheidung ausfallen wird.

Angie, die Jeanne d'Arc des Klimaschutzes, die mit ihrer roten Al Gore-Tex Jacke beim Kurztrip in die Antarktis wie eine Energiesparlampe ausgesehen habe, bekam ihr Fett ab wie Landrätin Pauli, die für eine Frau zu politisch und für eine Politikerin zu sehr Frau ist und Familienministerin von der Leyen, die für ihr Programm "Not am Mann" genauso belächelt wurde wie die nach dem Wildwechsel der Frauen verbliebenen Ost-Rüden. Richtig hart wurde eigentlich nur mit Eva Hermann umgegangen. Da war von "geistigem Gammelfleisch" die Rede . . .