Lokales

Raumnot lässt Konzept platzen

Voraussichtlich wird an der Grundschule Wühle statt einer Ganztagsschule ein Hort eingerichtet

Kopfschütteln und ungläubige Blicke im Weilheimer Ratsrund: Die im Juli vergangenen Jahres beschlossene Einführung der Ganztagsschule im Grundschulbereich muss offenkundig auf Eis gelegt werden. Der Stadt fehlen schlicht die dafür benötigten Räume.

ANKE KIRSAMMER

Weilheim. Dass sich auch in Weilheim in punkto Ganztagsschule etwas bewegen muss, ist Rat und Verwaltung seit geraumer Zeit klar. Seit diesem Schuljahr gibt es an der Hauptschule einen eintägigen Probelauf mit den beiden fünften Klassen. Ihr Mittagessen bekommen die Schüler im „Schichtbetrieb“ im Jugendtreff unterhalb der Limburghalle serviert. Im kommenden Schuljahr wird diese Minimalvariante auf die sechste Klasse ausgeweitet. Geplant war außerdem, mit der ersten Klasse den stufenweisen Einstieg in eine verpflichtende Ganztagsschule an der Grundschule Wühle zu starten. Als „letzte Hürde“ galt einzig die Zustimmung des Regierungspräsidiums. Die steht zwar immer noch aus, als eigentliches Problem hat sich nun aber entpuppt, dass im Bildungszentrum gar keine räumlichen Kapazitäten für einen Ganztagsbetrieb bestehen.

„Wir sind davon ausgegangen, dass der mit Beginn des Schuljahrs eingeweihte Realschul-Pavillon mit vier Klassenzimmern eine Entlastung bringt“, erklärte der Grund- und Hauptschulrektor, Christian Birzele-Unger. Die Mensa sei in frei werdenden Räumen im Anbau zwischen Grund- und Hauptschule vorgesehen gewesen. Entgegen dem Trend sind die Schülerzahlen an der Realschule aber weiter gestiegen, sodass sämtliche Räume belegt sind. Einst zweizügig gebaut, wird die Realschule nach den Sommerferien durchgängig vierzügig. Entsprechend eng geht es im Bildungszentrum her. „Wir sehen keine zeitnahe Realisierung für eine Ganztagsschule – auch nicht für einen Übergang“, so das Fazit von Birzele-Unger, das im Ratsrund und bei den zahlreichen Eltern auf den Zuhörerplätzen für Ernüchterung sorgte.

In einer unverbindlichen Bedarfs- erhebung unter den Eltern der künftigen Abc-Schützen hatten 22 angekündigt, ihren Sprössling in der Ganztagsschule anzumelden. Was bereits im Rahmen der Turnhallendiskussion vor einem Monat anklang, kam nun ebenfalls auf den Tisch: Für einen Ganztagsbetrieb eignet sich nach neuesten Erkenntnissen offenbar die Limburg-Grundschule besser als die Wühle. Bisher teils vierzügig, geht die Schule an der Kelterstraße jetzt bereits in die Zwei- bis Dreizügigkeit zurück, sodass dort Klassenzimmer frei werden. Zudem nimmt auch in der Limburgstadt das Inte- resse an einer durchgehenden Betreuung zu. Das beweisen die Zahlen im Kindergartenbereich. Die 20 Ganztagsplätze in der Bahnhofstraße reichen bei Weitem nicht mehr aus. „Wir sind bis 2010 ausgebucht“, so die Leiterin Gabi Jans. Erklärtes Ziel der Stadt ist deshalb, im Kindergarten Lerchenstraße eine weitere Ganztagsgruppe aufzumachen (wir berichteten). „Der steigende Bedarf kann mit einer einzügigen Grundschule wie der Wühle gar nicht gedeckt werden“, betonte denn auch Birzele-Unger. Er riet deshalb von einem Einstieg in die Ganztagsschule zum neuen Schuljahr ab und plädierte dafür, ein Gesamtkonzept für alle Schulen zu erstellen und dabei auch den neuen Rektor der Limburg-Grundschule, der voraussichtlich nach den Sommerferien seinen Dienst antreten wird, ins Boot zu holen. „Ich bin alles andere als glücklich über die Entwicklung“, räumte Birzele-Unger ein. Wenn der Gemeinderat trotzdem beschließe, die Ganztagsschule einzuführen, sei das „Chaos“ programmiert. „Einfach zu starten, wäre unverantwortlich.“

Bürgermeister Hermann Bauer kündigte an, bauliche Möglichkeiten auszuloten. „Wenn die Hälfte eines Jahrgangs die Ganztagsschule besucht, ist der richtige Weg, in die Limburg-Grundschule zu gehen“, so der Rathauschef. Mit den vorhandenen Räumlichkeiten ließen sich ein, zwei Jahre überbrücken, nicht aber drei oder vier. Im Übrigen kündigte der Rektor der Realschule Winfried Rindle an, auch seine Schule werde nun ein Konzept für eine Ganztagsschule erarbeiten.

Für ein „Rundumpaket“ brauche es Schulbaufördermittel, machte Hermann Bauer klar. „Wir benötigen im nächsten Vierteljahr eine Planung.“ Er rechnet damit, dass bis zur Fertigstellung notwendiger Räume drei Jahre ins Land gehen werden. Um wenigstens die Eltern nicht vor den Kopf zu stoßen, die ihre Kinder bislang in der Ganztagsgruppe im Kindi den ganzen Tag über gut aufgehoben wissen, plädierte der Bürgermeister als Interimslösung für einen Hort, in dem sich, ähnlich wie in der Kernzeitbetreuung, Erzieherinnen um die Kinder kümmern. Wo die Schüler ihr Mittagessen bekommen, ist noch nicht abschließend geklärt. Aufgenommen werden sollten in dem Hort nach Vorstellung der Verwaltung vorerst genau die acht Kinder aus der Ganztagsgruppe, die dieses Jahr eingeschult werden. „Das ist ein völlig neuer Gesichtspunkt. Dem würde ich nie zustimmen“, kündigte Stadtrat Peter Werner an, der außerdem für eine Gebührenfreiheit plädierte. Albrecht Narr ließ seinem Unmut freien Lauf: „Ich bin frustriert. Uns wurde die Ganztagsschule in leuchtenden Farben beschrieben, und wir sollten bei den Eltern werben, damit eine Klasse zustande kommt.“ Ein Dreivierteljahr später heißt es, die Einführung müsse verschoben werden. „Diese Entwicklung ist weder für die Stadt noch für die Schule ein Ruhmesblatt“, so Narr. Er bat um Prüfung, ob ein weiterer Zweckbau Abhilfe schaffen könnte. Eine Zwischenlösung mit Containern regte Hartmut Hummel an, der durchaus selbstkritisch zu bedenken gab, „vielleicht sind wir etwas blauäugig rangegangen, als wir den Einstieg beschlossen haben.“

„Was, wenn 20 bis 25 Eltern kommen?“ Diese Frage stellte sich nicht nur Stadtrat Joachim Naasz. Gerda Schrägle verlieh ebenfalls ihrer Verwunderung Ausdruck: „Die Schülerzahlen sind nicht exorbitant gestiegen. Falls wir die Fakten früher auf dem Tisch gehabt hätten, wäre statt des Pavillons vielleicht eine andere Lösung bevorzugt worden.“ In dieselbe Kerbe hieb Rainer Bauer. Er wunderte sich zudem darüber, dass der Bau einer Mensa im mittelfristigen Finanzplan erst 2010 auftauche.

Eine ganze Reihe von Ratsmitgliedern sahen noch erheblichen Klärungsbedarf. In einer Sondersitzung wird sich das Gremium deshalb erneut mit dem Thema befassen.

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