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"Recht auf Heimat ist Menschenrecht"

Auf das "Recht auf Heimat als Menschenrecht" und als "wichtiges Grundbedürfnis" wiesen sowohl Ingo Hans, der Bundesvorsitzende des Deutschen Böhmerwaldbundes, als auch Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker beim Festakt anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Heimatgruppe Kirchheim im Deutschen Böhmerwaldbund hin.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM In einem Rückblick beschrieb Bundesvorsitzender Ingo Hans die Vertreibung der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg. 14 Millionen Männer, Frauen und Kinder verloren damals ihre Heimat. Darunter auch die Böhmerwäldler, die von einer Völkerbewegung mitgerissen wurden, die als die größte seit der Völkerwanderung vor 1 500 Jahren gilt.

Ingo Hans warnte die "mobile Gesellschaft" davor, die "Wurzelwärme" und damit ein Stück Identität zu verlieren. "Wer dem Menschen Heimat nimmt, nimmt ihm menschlich Notwendiges, Elementares." In diesem Zusammenhang zitierte der Bundesvorsitzende Papst Benedikt XVI., der in seiner Grußbotschaft zum diesjährigen "Tag der Heimat" unter anderem sagte: "Der Aufruf ,Vertreibung weltweit ächten' ist ein Gebot der Menschlichkeit."

Der Bundesvorsitzende bedauerte, dass das "mangelnde Geschichtsbewusstsein unserer computergesteuerten Informationsgesellschaft und der politisch Korrekten" die Ost- und Sudetendeutschen sowie die Böhmerwäldler aus ihrer Erinnerung entlassen hätten. Umso mehr dankte er dem bayrischen Staat, dem Land Baden-Württemberg, der Sudentendeutschen Stiftung sowie den zahlreichen Patenstädten für deren Unterstützung.

Mit der Verneinung des Heimatbegriffes werde versucht, die gewaltsame Enteignung und Vertreibung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verdrängen. "Heimat und Heimatrecht passen nicht zu den Benesch-Dekreten."

Vertreibungen schaffen Identitätsprobleme in aller Welt. Für Ingo Hans findet aber auch die "Vertreibung in das eigene Volk" dort ihre Grenze, wo Rechtsbrüche akzeptiert und das Eigenleben jahrhundertealter Volksgruppen negiert beziehungsweise stillschweigend aus der Identität des Gesamtvolkes ausgestoßen werde. Der Bundesvorsitzende widersprach denen, "die versuchen, eine Aufarbeitung der Vertreibung der Deutschen zu unterbinden". Es gehe den Böhmerwäldlern dabei nicht um Aufrechnung, sondern vielmehr um die Menschenrechte der Vertriebenen. "Das Recht auf Heimat ist kein Recht der Staaten, über das diese verfügen können. Es ist ein Recht der Menschen."

Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker erinnerte an die enorme Aufbauleistung der Vertriebenen in Kirchheim. Oft würden diejenigen, die die Erinnerung an die Heimat wachhalten würden, in die Schublade des Antiquierten gesteckt. Dabei handele es sich aber um ein wichtiges Grundbedürfnis. Nach den Irritationen um die Benesch-Dekrete rief die Oberbürgermeisterin dazu auf, Brücken zu bauen. Voraussetzung dafür sei ein unvoreingenommener Umgang mit der Geschichte. Damit wandte sich Matt-Heidecker ganz bewusst an die Alt-68er-Generation, die ganz bewusst ein falsches Bild der Heimatvertriebenen gepflegt habe. "Opfer durften nur diejenigen sein, die Opfer der Nazis und Hitlers unmenschlichen Terrors waren." Dadurch sei den Vertriebenen zum zweiten Mal großes Unrecht widerfahren.

Angelika Matt-Heidecker wies auf die moralische Instanz der Kirche in Tschechien hin und meinte, deren versöhnliche Gesten sollten die Böhmerwäldler zu Kontakten ermutigen. Sie erinnerte in diesem Zusammenhang an die Worte des großen böhmischen Dichters Adalbert Stifter, die der Jubiläums-Festschrift voranstehen: "Hass und Zank zu hegen oder zu erwidern ist Schwäche sie übersehen und mit Liebe zurückzuzahlen ist Stärke!"

Die Oberbürgermeisterin überreichte dem Vorsitzenden der Kirchheimer Böhmerwäldler, Franz Essl, einen Scheck der Stadt und einen weiteren der Wilhelm-Narr-Stiftung als Jubiläumsgabe und erhielt von Essl ein Buch über die Stadt Krummau an der Moldau.

Der Vorsitzende hatte in seiner Begrüßung an die schwere Anfangszeit in der neuen schwäbischen Heimat erinnert. "Mit 50 Kilogramm Gepäck standen unsere Eltern und Großeltern hier und waren zunächst Fremde im eigenen Land." Die Hoffnung auf eine Rückkehr in die alte Heimat hielt sie damals zusammen. 1955 gründeten die Kirchheimer Böhmerwäldler im "Schwarzen Adler" ihre Heimatgruppe im Sinne der Charta der Vertriebenen. Die Gruppe verschrieb sich der Bewahrung des böhmischen Kulturgutes. Nicht zuletzt auf Grund des "Syndroms" eines steigenden Durchschnittsalters will die Gruppe sich verstärkt um die Jugendarbeit kümmern und hofft dabei auf die Unterstützung der Stadt.

"In diesen fünf Jahrzehnten wurde Hervorragendes geleistet", lobte Landesvorsitzender Oswald Sonnberger die Kirchheimer Böhmerwäldler und versicherte: "Wir sind in Baden-Württemberg heimisch geworden und konnten am Aufbau mitwirken. Das heißt aber nicht, dass wir unsere alte Heimat vergessen."

Und diese alte Heimat, der Böhmerwald, ist eng mit dem Namen Adalbert Stifter verbunden. Im Gedenken an ihn und aus Anlass seines 200. Geburtstages gestaltete die Sing- und Spielschar Nürtingen gemeinsam mit der Stubenmusik eine gelungene Stifter-Hommage.

Im Foyer des Bohnauhauses hatte die Heimatgruppe eine Ausstellung über Wallfahrtsorte im Böhmerwald organisiert. Am gestrigen Gottesdienst in Maria Königin spielte Professor Jürgen Essl, Stuttgart, die Orgel. Nach dem gemeinsamen Mittagessen fand ein bunter Nachmittag der Böhmerwäldler statt, bei dem die Kapelle "Herbstwind" musikalisch unterhielt.