Lokales

Rechtsextreme CDs unterm Wischerblatt

Am Dienstag hatte die Polizei in Brandenburg 671 CDs mit rechtsextremen Inhalten und dem Titel "Anpassung ist Feigheit. Lieder aus dem Untergrund" beschlagnahmt. Jetzt tauchten auch in Esslingen CDs auf, Unbekannte haben offenbar Tonträger mit diesem Titel in Briefkästen gesteckt oder unter Scheibenwischer geklemmt.

CLAUDIA BITZER

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ESSLINGEN Das Haus der Esslinger Familie M. (Name geändert) liegt nur einen Steinwurf von der Hohenkreuzschule und dem Jugendtreff Nord entfernt. Als Markus M. am Sonntag seine Zeitung aus dem Briefkasten holen wollte, sprang ihm eine nagelneue CD entgegen. Auch der Übernachtungsgast der Familie fand das rote Papiercover samt Inhalt in einer weichen Plastikhülle unter dem Wischerblatt seines Autos. Ebenso die Nachbarin. Ein ähnlicher Fund wurde auch aus der Unteren Beutau gemeldet.

Markus M., Vater einer halbwüchsigen Tochter, kam die ganze Sache merkwürdig vor. Bei seinen Recherchen im Internet musste er feststellen, dass die CD mit der hoch gewuchteten Faust samt Eisenkette und der Website-Adresse www.schulhof.net genau so aussah wie die Exemplare, die die Polizei jüngst in Brandenburg beschlagnahmt hatte. Die CD mit Fundort Hohenkreuz stammt somit mit höchster Wahrscheinlichkeit aus der "Aktion Schulhof", bei der 2004 ein rechtsextremistisches Netzwerk mit 50 000 Gratis-CDs an deutschen Schulen auf Schülerfang gehen wollte. Die Staatsanwaltschaft Halle hatte die CDs jedoch als stark jugendgefährdend eingestuft, "allein schon deshalb, weil auf ihnen Jugendliche zur Kontaktaufnahme mit Rechtsradikalen vor Ort aufgefordert werden", so Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad aus Naumburg. Gegen den Auftraggeber, einen Versandhandelsbetreiber für Propagandamaterial der rechten Szene, wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts schwerer Jugendgefährdung eingeleitet.

Die Polizei konnte zwar die Lieferscheine der CDs beschlagnahmen, die 50 000 Tonträger, die nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden in einem sächsischen Presswerk hergestellt worden sind, wurden damals aber nicht gefunden. Nachdem das Projekt Schulhof von der rechten Szene im vergangenen Jahr erst einmal nicht weiter betrieben wurde, ist sie seit Anfang August wieder aktiv geworden und hat sich an die Verteilung der Tonträger gemacht. Presseberichten zufolge waren zum Schuljahresbeginn in Brandenburg am Montag mehrere Szene-Mitglieder auf Schulhöfen aufgetaucht. Offenbar sollten diese Personen mit den 671 CDs versorgt werden, die die Polizei am Dienstag im Auto eines führenden Mitglieds des "Märkischen Heimatschutzes" gefunden hatte.

Laut Horst Haug, Pressesprecher des Landeskriminalamts in Stuttgart, ist die CD in Baden-Württemberg in diesen Tagen zum ersten Mal aufgetaucht. Mehr konnte er dazu noch nicht sagen. Die Anzahl der betroffenen Kommunen lag jedenfalls noch im einstelligen Bereich. Erste Meldungen kamen aus den südlichen Landesteilen und dem Großraum Stuttgart. Die Ermittler gehen davon aus, dass "lokale Verteiler" die Streuung übernommen haben.