Lokales

"Rechtssicherheit statt zweierlei Recht"

Vehement wehren sich Apotheker gegen Medikamenten-Discounter wie DocMorris. Sie fühlen sich in ihrer Existenz bedroht und von der Politik verkauft. "Dadurch wird die Versorgung der Bevölkerung nicht besser," ist Apotheker Thomas Pfäffle von der Kirchheimer Pinguin-Apotheke überzeugt.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Auf den saarländischen Gesundheitsminister Josef Hecken (CDU) sind auch die schwäbischen Apotheker nicht gut zu sprechen, seit er die niederländische Konzern-Apotheke DocMorris in Saarbrücken genehmigte. "DocMorris macht uns mittelständische Unternehmen kaputt," sagt Thomas Pfäffle, Mitglied der Vertreterversammlung der Landesapothekerschaft. Es ist seiner Meinung nach nicht so sehr der Versandhandel, der den Geschäften mit dem großen roten "A" zu schaffen macht, sondern die Billigarzneiketten. "Wenn das Apothekengesetz liberalisiert wird, gehen viele Apotheken zugrunde." Bislang gilt in Deutschland immer noch das Fremdbesitzverbot. Das heißt, Apotheken müssen vom Besitzer persönlich geführt werden. Vor zwei Jahren wurde diese Regel zaghaft aufgeweicht. Jetzt darf jeder Inhaber drei Filialapotheken betreiben, mehr aber nicht.

"Nun wird versucht, deutsches Recht über das EU-Recht auszuhebeln, um damit Medikamenten-Discountern Tür und Tor zu öffnen," ärgert sich Thomas Pfäffle über die Ungleichbehandlung. DocMorris, die in Holland ansässige Versandapotheke mit über 700 000 Kunden und einem Umsatz von mehr als 150 Millionen Euro, könne leicht die Arzneimittel billiger verkaufen. Der Medikamentenversand bezahle in den Niederlanden lediglich sechs Prozent Mehrwertsteuer, die deutschen Apotheker müssen 16 Prozent berappen. "Das ist nicht zuletzt auch aufgrund der vielen Reglementierungen seitens des Gesundheitsministeriums ein unfairer Wettbewerb," klagt der Kirchheimer Apotheker. Jeder Einzelne seiner Zunft hafte im Ernstfall mit seiner Person und seinem gesamten Vermögen, eine Kapitalgesellschaft mit Anteilseignern wie die DocMorris AG sei dagegen anders abgesichert.

Pfäffle befürchtet, dass durch Medikamenten-Discounter flächendeckende Strukturen zerschlagen werden: "Die Versorgung der Bevölkerung wird dadurch nicht besser." Und er prophezeit: "Die Vielfalt geht verloren." Werde das Fremdbesitzverbot aufgehoben, sieht das Mitglied der Landesapothekerschaft folgendes Szenario: "Die großen Lebensmitteldiscounter räumen drei, vier Regale frei und füllen sie mit absatzträchtigen, frei verkäuflichen Arzneimitteln und die Apotheken haben das Nachsehen."

Dennoch ist für Thomas Pfäffle noch nicht aller Tage Abend. Er baut, wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen, auf die Rechtsprechung des Saarbrückener Verwaltungsgerichts. "Die Frage wird sein, wo greift EU-Recht in Bundesrecht und wo nicht? Wir brauchen hier nicht zweierlei Recht, sondern Rechtssicherheit."

"Katastrophal" würde sich die Liberalisierung des Apothekenwesens auf dem flachen Lande auswirken, ist sich Apotheker Carl Küper von der Bissinger Alb-Apotheke sicher. Seit 32 Jahren versorgt er seine Kundschaft in der Seegemeinde und Umgebung mit Pillen, Tröpfchen, Salben und allem, was auf den Rezepten steht und der Gesundheit nützt. Carl Küper sieht in der Attacke auf das Fremdbesitzverbot einen Angriff auf die Apothekerschaft. "Es ist traurig, man will uns offensichtlich abschaffen." Vor allem für die älteren Menschen am Albtrauf und auf der Alb wäre es verheerend, wenn die Alb-Apotheke schließen müsste. Doch so weit soll es nicht kommen. "Wir kämpfen weiter. Gott sei Dank, haben wir unsere Stammkundschaft," sagt Carl Küper, der im Internethandel noch keinen echten Konkurrenten erkennen kann: "Die sind dermaßen schlecht. Die haben uns bisher nicht viel ausgemacht." Was Stiftung Warentest bestätigt: Mehr als die Hälfte der getesteten Versandapotheken, darunter auch DocMorris, fielen in der Bewertung durch.

Der Alb-Apotheker setzt derweil auf Kundennähe "wir bemühen uns um jeden Einzelnen" und verweist auf die Notdienste, die Apotheken leisten. Im Übrigen müssen diese Laborräume vorhalten, um Medikamente auf individuelle Rezepturen herstellen zu können. Wie sein Kirchheimer Kollege Thomas Pfäffle, so lässt auch Carl Küper Arznei auf Wunsch noch am Tag der Rezeptabgabe die bestellte Arznei zu seinen Kunden bringen. Pfäffle wirbt denn auch auf seiner Homepage mit "Wir sind schneller als der Internethandel! Wir bekommen unsere Ware im Zweistundentakt in die Apotheke geliefert!"

AOK für WahlmöglichkeitDer Geschäftsführer der AOK Nürtingen-Kirchheim, Karl-Rudolf Traub, weist darauf hin, dass in der Sache selbst noch nichts entschieden ist. Doch fordert auch er vom Gesetzgeber, Klarheit zu schaffen, ob in Deutschland die im EU-Recht garantierte Niederlassungsfreiheit innerhalb der Europäischen Union vor dem geltenden deutschen Recht des Fremdbesitzverbotes steht. "Ich gehe davon aus, dass sich das liberalisierte EU-Recht durchsetzen wird." Damit ist nach Auffassung des AOK-Geschäftführers nicht automatisch ein Apothekensterben vorprogrammiert.

Die AOK begrüßt die Wahlmöglichkeit für ihre Versicherten, sich Medikamente entweder in der Apotheke am Ort zu beschaffen und sich persönlich beraten zu lassen oder aber über den Versandhandel, zum Teil mit Rabatt, zu beziehen. AOK-Geschäftsführer Traub: "Versandhandel heißt nicht automatisch DocMorris. Auch niedergelassene Apotheken haben Versandhandelsketten aufgebaut und beliefern zum Teil per Kurier auch bettlägerige Patienten."

Wird das Fremdbesitzverbot aufgehoben, so heißt das Karl-Rudolf Traub zufolge nicht unbedingt, dass sich sofort die Preise senken. "Dies könnte aber als Folge eines sich verschärfenden Wettbewerbs der Fall sein und somit Versicherten und Beitragszahlern zugute kommen," vermutet der Geschäftsführer.