Lokales

Reformation und Bauernkrieg im Blick

800 Jahre Elisabeth von Thüringen, das war die Hauptspur, die die Gemeindereise zum Ziel hatte; doch es gab weitere markante Spuren, denen die Pilger aus dem Lenninger Tal folgten: den Spuren von bald 500 Jahren Reformation und Bauernkrieg und nicht zuletzt denen von 300 Jahren J. S. Bach in Thüringen.

LENNINGEN Die von Pfarrerin Margret Oberle und Gatte Rolf wieder sorgfältigst organisierte sechstägige Reise entwickelte sich wie gewohnt zu einem Mega-Trip durch das liebenswerte kleine Bundesland Thüringen.

Anzeige

Bedingt durch die Reiseroute war Marburg die erste Elisabeth-Station. Die Landgräfin (1207 1231) verließ ihre Wartburg, um in radikaler Christus-Nachfolge in Marburg ein Spital zu gründen, wo sie sich im Dienst an Kranken und Armen aufopferte. Wenige Jahre nach ihrem frühen Tod wird sie heilig gesprochen; über ihrem Grab entstand eine rein gotische Kirche, die früheste östlich des Rheins. Diese Elisabeth-Kirche wird zum Ziel und Zentrum nachhaltiger Wallfahrten. Nächste Station war dann das hoch über die Stadt ragende Landgrafenschloss, in dem eine eindrückliche Ausstellung des Landes Hessen zu sehen war: "Elisabeth in Marburg Der Dienst am Kranken". Vier Tage später, auf der hoch über Eisenach gelegenen 900 Jahre alten Wartburg: Dort wird ihr Leben noch umfassender in einer Thüringer Landesausstellung dokumentiert: "Elisabeth eine europäische Heilige".

Den Spuren Martin Luthers konnte die Lenninger Gruppe nur exemplarisch folgen: Am gründlichsten gelang dies in der Lutherstadt Erfurt mit einem Rundgang durch das Augustiner-Kloster. Dort werden die entscheidenden Schritte Luthers vom Jurastudenten zum eifrigen Mönch und dann zum umfassend gebildeten Theologen und Reformator anschaulich aufgezeigt. Ein kurzer Abstecher ins historische Städtchen Schmalkalden mit Kirche, Lutherhaus und Versammlungshaus ließ aufblitzen, dass hier einmal Europapolitik geschah: 1531 schlossen sich hier die protestantischen Stände zum Schmalkaldischen Bund zusammen, wurden wenig später die Schmalkaldischen Artikel verfasst beides sollte den neuen Glauben stärken und verteidigen gegen die Übermacht Kaiser Karls V.

Wer kurz danach die Lutherstube auf der Wartburg betritt, der kann dem "Junker Jörg" nur allerhöchsten Respekt zollen, übersetzte er hier doch das Neue Testament ins Deutsche. Weitere Lutherspuren konnten in Eisenach dann nicht mehr verfolgt werden; die Zeit fehlte und J. S. Bach war es, der sich vordrängte.

Das Bachhaus Eisenach mit seinem hochmodernen Erweiterungsbau zeigt die weltweit größte Ausstellung zu Leben und Werk des großen Komponisten. Eine für alle Teilnehmer vergnügliche Zugabe war dort noch ein pfiffig moderiertes Live-Konzert auf historischen Tasteninstrumenten der Bachzeit.

Zwei Tage zuvor schon stieß die Gruppe auf weitere Bach-Spuren, nämlich in der geschichtsträchtigen Thomas-Müntzer-Stadt Mühlhausen; dort war der Kantor vor genau 300 Jahren an der spätgotischen Hauptkirche Divi Blasii tätig. Mühlhausen, 1525 ein heftig umstrittenes Zentrum der Reformation und des Bauernkrieges, ist bis heute eine würdige Stätte protestantischer Kirchenmusik; dort leistet die Schuke-Orgel hervorragende Dienste, sie wurde 1959 nach Bachs Orgeldisposition von 1708 nachgebaut. Einen Tag zuvor schon erklang in der Predigerkirche zu Erfurt eine weitere Schuke-Orgel, die neben ihrer hohen Klangqualität mit einem großartigen Orgelprospekt aus 1648 glänzt.

Überhaupt wurde die Lenninger Reisegemeinde täglich von J. S. Bach und seinen Zeitgenossen musikalisch begleitet, und zwar immer dann, wenn sie sich zum "Wort für den Tag" in bedeutenden Kirchen versammelte. Der Gipfel der Orgelkunst sollte aber dann erst in der Stadtkirche von Waltershausen erreicht sein; diese gilt heute als bedeutendster barocker Zentralbau in Thüringen, gleiches Lob gilt der herrlichen, 1722 von T. H. G. Trost geschaffenen Orgel, die als die größte aus der Bachzeit in Thüringen gilt. Zum Erklingen gebracht wurden die "königlichen Instrumente" jeweils von der mitreisenden Kirchenmusikerin und Orgel-Solistin Sonja Betten aus Stuttgart. Bachs Spuren sollten dann am Weimarer Tag verblassen, obwohl er dort von 1708 bis 1717 als Hoforganist und Konzertmeister tätig war.

Eine meisterhafte Stadtführung rückte sehr rasch die großen Köpfe und Gedenkstätten der Weimarer Klassik in den Vordergrund: Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Anna-Amalia, Liszt die Reihe ließe sich fortsetzen. Ein besinnlicher Rundgang durch Friedrich Schillers Wohn-, Arbeits- und Sterbehaus gehörte danach wie selbstverständlich zum schwäbischen Gedenkritual. Ein letztes Mahl in der "Alten Post", eine Besinnung mit Dank und Reisesegen in der Stadtkirche zu Saalfeld beschloss die einwöchige Spurensuche.

Allen Teilnehmern ging es so wie Goethe, wenn er von der Wartburg aus an Frau vom Stein schrieb "Die Gegend ist überherrlich!" Wer auch als Schwabe ehrlich ist, muss zugeben "Ganz Thüringen ist überherrlich!"