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Refugium an der Lindach

Schule als "Refugium" eine schöne Vorstellung, die an ein optimales pädagogisches Umfeld denken lässt. Diesem Ideal kommt laut Stadträtin Sabine Bur am Orde-Käß das preisgekrönte Modell für die Freihof-Realschule nahe. Ihre Meinung teilte das Gros der Kirchheimer Räte, deshalb steht jetzt fest: Die Visionen des Hannoveraner Büros BKSP nehmen bald in Kirchheim Gestalt an.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Der Entwurf der niedersächsischen Architekten hatte bereits im Januar beim Wettbewerb das Preisgericht überzeugt und war deshalb auf Platz 1 gelandet. Noch schwerer wog nun bei der aktuellen Entscheidung über den Neubau der Freihof-Realschule im Gemeinderat aber das Votum der Schule: Dort schlagen die Herzen eindeutig für die Ideen von BKSP. "Die Entscheidung der Schule gab für uns den Ausschlag", erklärte in der Sitzung Hagen Zweifel, Chef der Freien Wähler. Seine Fraktion habe sich mit der Entscheidung schwergetan, sei sie doch auch vom zweitplatzierten Entwurf "fasziniert" gewesen.

Alle drei Spitzenmodelle, die bereits gemeinsam mit über zwei Dutzend weiteren Wettbewerbsvorschlägen im Foyer der Stadthalle zu bewundern waren, stellte Jurymitglied Professor Winfried Schwantes erneut im Ratsrund kurz vor. Er betonte: "Das Preisgericht hat empfohlen, den Auftrag an den ersten Sieger weiterzugeben." Dabei handelt es sich um eine Neubaulösung, die mit der alten Realschule zu einer Einheit verschmilzt. Eine individuelle Note erhält die Schule durch einen im Hof liegenden Würfel, der das Lehrerzimmer beherbergt. Der Bezug zur Lindach ist deutlich gegeben. Architekt Thomas Obermann von BKSP unterstrich die Anlehnung an die historische Situation des Freihofs, in dessen Gesamtensemble das Schlössle das zentrale Gebäude sei. "Die erste Geige kann nur das Schlössle spielen", folgerte er. Die neue Realschule schenke dem Freihof sozusagen einen weiteren Rahmen.

An diesem Rahmen, von vielen als "Querriegel" bezeichnet, scheiden sich die Geister. "Der Charme des Entwurfs liegt gerade in den Kritikpunkten", warb Birgit Müller von der Frauenliste engagiert dafür, den umstrittenen Querriegel positiv als wichtige Verbindung der einzelnen Schulgebäude wahrzunehmen. "Die Freihof-Realschule als Ganzes bekommt ein neues Gesicht", argumentierte auch Sabine Bur am Orde-Käß von der Grünen Alternative. Die Schule definiere sich fortan als "Refugium", das sich nur zur Lindach öffne. Für die SPD lobte Bodo Schöllkopf die städtebauliche Gliederung der großen Freihof-Fläche und die zentral gelegene Mensa. Zustimmung zum ersten Preisträger signalisierte auch Albert Kahle (FDP/Kibü).

"Der erste Entwurf ist klar der beste", schloss sich Fraktionsvorsitzender Helmut Kapp für die CDU der allgemeinen Meinung an. Er erinnerte daran, dass die Christdemokraten ursprünglich einer Sanierung den Vorzug gegeben hätten gegenüber einem Neubau und wiederholte die Sorge, ob die künftigen Schülerzahlen das Unterfangen rechtfertigten. Mit Blick nach vorn kündigte Kapp trotz allem die "konstruktive Mitarbeit" seiner Fraktion an. Ulrich Kübler (Freie Wähler) kritisierte erneut die Baukosten, die sich wohl im zweistelligen Millionenbereich bewegen werden, wobei allerdings Fördergelder fließen. Weiter galt Küblers konkrete Kritik der Planung von BKSP: Alle anderen Planer hätten den umstrittenen Querriegel nicht im Programm, gab er zu bedenken und orakelte: "Die Architekten gehen, aber die Gebäude bleiben!" Professor Schwantes suchte die Einwände zu entkräften, indem er auf die Durchgängigkeit und Transparenz der Querspange verwies.

Der zweite Preis, der an die Architekten Professor Haag, Haffner und Strohecker aus Stuttgart ging, verfolgt einen völlig anderen Ansatz. Hier gliedert ein solitäres, winkelförmiges Gebäude den Freihof in zwei Bereiche. Den dritten Preis hatte das Architekturbüro Josef Seidel aus Ulm erhalten.

Während im Ratsrund deutlich wurde, dass Architektur durchaus Geschmackssache ist, war die Diskussion um den Passivhausstandard von Einigkeit geprägt. Diplom-Ingenieur Olaf Hildebrandt vom Tübinger Büro Ebök empfahl eindeutig die Entscheidung für ein Passivhaus. Als ausschlaggebende Argumente nannte er deutlich niedrigere Betriebskosten, wesentlich geringeren

CO2-Ausstoß, ein gutes Raumklima, hohe Qualität und nicht zuletzt einen Imagegewinn für die Stadt. Grundsätzlich bescheinigte er allen drei Modellen Passivhausstandard. Die Grüne Alternative forderte ein gesamtes Energiekonzept für den Freihof und Nachbesserungen in puncto Kompaktheit am Sieger-Modell.

Mit 24 Pro-Stimmen, sechs Gegenstimmen und vier Enthaltungen beauftragte der Gemeinderat abschließend das Büro BKSP mit der Vorplanung und Entwurfsplanung für den Neubau der Freihof-Realschule. Spezielle Wünsche der Freihof-Grundschule im Hinblick auf die Gymnastikhalle sollen noch berücksichtigt werden. Bei drei Gegenstimmen fielen die Würfel für die Beauftragung des Architekturbüros Bankwitz mit der Planung und Ausschreibung für die Zwischenunterbringung der Schüler. Zwei Bürgervertreter enthielten sich, als es darum ging, einen Bauausschuss zu etablieren mit der gleichen Besetzung wie der Wettbewerbsausschuss zur Begleitung der Planung und Bauausführung.