Lokales

"Regierungschef" weiß, was auf den Nägeln brennt

Nach acht Monaten Interimszeit hat Jesingen wieder einen hauptamtlichen Ortsvorsteher: Im Rahmen einer feierlichen Ortschaftsratssitzung wurde Johannes Züfle nun in sein neues Amt eingesetzt.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM "Zu den in steter Regelmäßigkeit wiederkehrenden kommunalpolitischen Ereignissen in unserer Ortschaft gehört der Wechsel im Amt des Ortsvorstehers", sagte Hans Gregor zur Begrüßung der zahlreichen Gäste in der Jesinger Gemeindehalle. Als Stellvertreter hatte er im September die Aufgaben von Harald Eiberger übernommen, der als Bürgermeister nach Illingen im Enzkreis gewechselt war. Seinem "Nachfolger" legte Hans Gregor, der nun wieder ins zweite Glied rücken kann, die Ortschaft Jesingen ans Herz. Jesingen weise einen guten Stand seiner öffentlichen Einrichtungen auf und habe in den zurückliegenden Jahren viel erreicht. Trotzdem sei noch manche schwerwiegende Aufgabe zu bewältigen "denken wir an die Ortskernsanierung, die Durchgangsstraße und die Ortsumfahrung, das Rathaus".

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Zu bewältigen seien die anstehenden Aufgaben nur durch eine gemeinsame Kraftanstrengung. Außerdem müsse die Ortschaft mit ausreichenden Finanzen ausgestattet sein. "Hierfür ist es aber im kommunalen Bereich allgemein und auch in unserer Ortschaft nicht zum Besten bestellt", verdeutlichte Hans Gregor, warum der Weg, vor dem der neue Ortsvorsteher Johannes Züfle, der Jesinger Ortschaftsrat und die Bürgerschaft gemeinsam stehen, womöglich auch ein holpriger sein könne. In Abwandlung eines alten irischen Geleitspruchs wünschte Hans Gregor nicht nur, dass dieser Weg immer eben sein möge, sondern auch, "dass der Gemeinderat schützend seine Hand über uns halte".

Letzteres sagte Kirchheims Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker zu, nachdem sie Johannes Züfle zu seinem neuen Amt gratuliert und ihn im Team der Kirchheimer Verwaltung willkommen geheißen hatte. Als Ortsvorsteher sei Züfle "am Puls der Zeit unmittelbar angekommen", weil es in der Kommunalpolitik, also auf der untersten Ebene der staatlichen Verwaltung, sehr viel an Einblicken und Gestaltungsmöglichkeiten gebe. Im Spannungsverhältnis zwischen Ratsmitgliedern und Verwaltungsmitarbeitern, zwischen Bürgerschaft und Kommune oder zwischen Ortschafts- und Gemeinderat seien Auseinandersetzungen nicht ausgeschlossen. Aber gerade deshalb warb Angelika Matt-Heidecker für einen "fairen Umgang miteinander". Kompromisse seien besonders wichtig, dann brauche es auch keinen Vermittlungsausschuss zwischen Ortschaftsrat und Gemeinderat.

Genauso wichtig sei die Identifikation der Bevölkerung mit dem Ortsteil, und deshalb übernehme Johannes Züfle auch eine besondere Amtspflicht. Trotzdem kam die Oberbürgermeisterin auf einen heiklen Punkt zu sprechen: Angesichts der wirtschaftlichen Situation stelle sich die Frage, wie lange man noch auf der Bestellung eines hauptamtlichen Ortsvorstehers bestehen könne. In den 33 Jahren, in denen die Eingliederungsvereinbarung bislang ihre Gültigkeit hatte, habe sich die Welt verändert. Auf Kirchheim und Jesingen bezogen, bedeute dies: "Die Verwaltung in Kirchheim ist darauf eingerichtet, auch die Probleme der Jesinger zu lösen. Doppelstrukturen mit einer örtlichen Verwaltung können wir aus meiner Sicht nicht mehr verantworten."

Der Petitionsausschuss des baden-württembergischen Landtags habe erst kürzlich festgestellt, dass Bestimmungen aus Eingliederungsvereinbarungen nicht unbeschränkt und vorbehaltlos gelten müssten. Immerhin sei es gelungen, dass Johannes Züfle den Jesingern zu 75 Prozent als hauptamtlicher Ortsvorsteher erhalten bleibt. Zu 25 Prozent soll er künftig im Kirchheimer Liegenschaftsamt tätig sein.

Pfarrer Winfried Hierlemann ging in seinem Grußwort für die Kirchen auf das Spannungsverhältnis zwischen Ortsgemeinde und größeren Gemeinwesen ein, indem er Oswald von Nell-Breuning zitierte, einen der "Väter" der katholischen Soziallehre: "Was im Dorf, in der Ortsgemeinde geleistet werden kann, das trage man nicht an das große öffentliche Gemeinwesen Staat heran; was im Kreis der Familie erledigt werden kann, damit befasse man nicht die Öffentlichkeit; was man selbst tun kann, damit behellige man nicht andere."

Beim Interimsortsvorsteher Hans Gregor bedankten sich anschließend Abteilungskommandant Günther Pfizenmaier im Namen der Feuerwehr und der Jesinger Vereine sowie Reinhold Ambacher seitens des Ortschaftsrats für die geleistete Arbeit als "Regierungschef" während der zurückliegenden acht Monate. Gregor selbst gab diesen Dank an die vier Mitarbeiterinnen im Jesinger Rathaus weiter, die in dieser Zeit viele Überstunden geleistet hätten.

Eine "Regierungserklärung" wollte der neue Ortsvorsteher Johannes Züfle am Tag seiner feierlichen Amtseinsetzung nicht abgeben. Die Themen, die in Jesingen auf den Nägeln brennen, seien ihm aber bekannt, und so versprach der 25-jährige Verwaltungsfachmann: "Ich werde mein Bestes für Jesingen geben." Dass er Versprechen einhalten kann, bewies er gleich zum Abschluss des offiziellen Teils: "Ich will nicht nur im Ort arbeiten, sondern auch hier leben und feiern", habe er in seiner Bewerbungsrede gesagt. Nachdem er nun seit wenigen Tagen in Jesingen arbeite und seit etwas mehr als einer Woche auch dort wohne, schloss er kraft Amtes die öffentliche Sitzung des Ortschaftsrats und lud die Gäste zum gemütlichen Teil der Feier ein.