Lokales

Regionale Geschichte am Beispiel des Adels anschaulich vermittelt

Die vor 200 Jahren von Napoleon und sechzehn deutschen Fürsten unterschriebene Rheinbundakte war für Südwestdeutschland eine bedeutende Zäsur. Die Markgrafschaft Baden und das Herzogtum Württemberg wurden auf Kosten der kleinen Fürstentümer und Grafschaften zum Großherzogtum beziehungsweise Königreich erhoben und umfassten künftig ein Vielfaches ihrer Flächen und Einwohnerzahlen.

KIRCHHEIM Dass dieser "Mediatisierung" genannte Vorgang nicht nur die Häuser Baden und Württemberg erhöhte, sondern auf der anderen Seite für die betroffenen Adelshäuser einen tief greifenden Wandel einleitete, will die Ausstellung "Adel im Wandel" in Sigmaringen zeigen. Eine Gruppe des Schwäbischen Heimatbundes Kirchheim besuchte die dortige Ausstellung unter der Leitung von Holger Starzmann. Im Gartensaal des Prinzenbaus zeigte eine Karte, dass sich der deutsche Südwesten, insbesondere aber Oberschwaben, am Ende des Alten Reiches als vielgestaltiger Flickenteppich präsentiert. Eine beträchtliche Anzahl von Adelshäusern übte hier die Landesherrschaft über kleine und kleinste Territorien aus. Die Fürsten und Grafen waren reichsunmittelbar und unterstanden direkt dem Kaiser. Sie übten in ihrem Gebiet nicht nur die Macht aus, wie am Beispiel eines Richtschwertes oder eines Schandmantels gezeigt wurde, sondern legten in Nachahmung der großen Fürstenhöfe Wert auf Repräsentation durch den Ausbau ihrer Residenzen, üppige Feste oder die Förderung der Musen. Dies wurde sehr schön gezeigt durch ein Gemälde von Heinrich Tischbein des Älteren, das den Grafen von Stadion-Warthausen in einer Allegorie als Mittelpunkt eines Musenhofes darstellt. Porträts von Sophie La Roche und Christoph Martin Wieland, die beide am Hof in Warthausen weilten, unterstrichen dies zusätzlich. Die Französische Revolution von 1789 und die Ereignisse in ihrem Gefolge schreckten diese beschauliche Staatenwelt Oberschwabens auf und läuteten ihr Ende ein. Die einschneidende Zäsur dieser weltgeschichtlichen Ereignisse wird dem Besucher augenscheinlich, wenn auch leicht makaber, vermittelt, wenn er vom Gartensaal aus unter einer Guillotinen-Attrappe hindurch den nächsten Ausstellungsraum, den Saal Napoleons, betritt. Ein überlebensgroßes Bild des Korsen schaut auf den Besucher herab, zu seinen Füßen ist ein Original der Rheinbundakte mit seiner Unterschrift zu sehen. Napoleon und sechzehn deutsche Fürsten besiegelten mit dieser Akte das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Im deutschen Südwesten blieben vier Territorien übrig, neben Baden und Württemberg die beiden Fürstentümer Hohenzollern-Sigmaringen und Hohenzollern-Hechingen.

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Gezeigt wird in diesem Raum auch, wie Napoleon, inzwischen Kaiser der Franzosen, seine Herrschaft durch dynastische Verbindungen seiner zahlreichen Familie mit den Häusern des Hochadels abzusichern versuchte. Etwas verschämt steht in einer Ecke ein schuhähnliches Gefäß aus kostbarem Svresporzellan: ein Reiseurinal des Korsen, von der Familie Fürstenberg für ihn ersteigert.

Der nächste Raum, als Wappenzimmer angelegt, zeigt den Hohenzollernschen Sonderweg bis 1850. Hier ist vor allem die Fürstin Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen zu nennen, die durch zwei Porträts, ein jugendliches und eines im fortgeschrittenen Alter, sowie einen aufgeschlagenen dicken Folianten, in dem sich ihre handgeschriebenen Memoiren befinden, vertreten ist. Diese aus dem Hause Salm-Kyrburg stammende Prinzessin verließ nach wenigen Ehejahren Gatten und Söhnchen in Sigmaringen, um sich in Paris niederzulassen. In den stürmischen Jahren der Revolution half sie Josefine de Beauharnais, der späteren Gemahlin Napoleons, ihre Kinder Hortense und Eugène in Nordfrankreich in Sicherheit zu bringen. Als dann 1806 Friedrich, der neugebackene König von Württemberg schon seine Hand nach Hohenzollern ausstreckte, griff Amalie Zephyrine in die hohe Politik ein. Sie machte ihren Einfluss bei Josefine geltend und erreichte so die Erhaltung der Selbstständigkeit der hohenzollernschen Fürstentümer.

Jedoch als in den deutschen Revolutionsjahren 1848/49 die Unruhen in Hohenzollern besonders stürmisch waren, gaben die Zollernfürsten ihre Souveränität zugunsten der preußischen Hohenzollern auf und das kleine Ländchen zwischen Baden und Württemberg war ab 1850 preußischer Regierungsbezirk.

Im Obergeschoss des Prinzenbaus wird gezeigt, wie sich die einzelnen Adelsfamilien nach dem Verlust der Souveränität neu orientiert haben. Der Adel behielt seine Schlösser, seinen Grundbesitz und seine Jagdrechte. Baden und Württemberg bekamen nach dem Wiener Kongress Verfassungen, die ein Zweikammern-Parlament vorsahen. In der ersten Kammer waren die Adeligen als Standesherren vertreten. Viele Adelshäuser besannen sich auf die in ihren "Kunst- und Wunderkammern" vorhandenen Schätze, begannen sie zu ordnen und katalogisieren. Sie engagierten sich für Kunst, Kultur und Religion, beschäftigten sich mit der Geschichte ihres eigenen Geschlechts, mit Heraldik, Siegelkunde und der Edition von Urkunden und entwickelten so ein neues Selbstverständnis.

Ein weiterer Teil der Ausstellung ist im Landeshaus untergebracht. Hier wird gezeigt, wie der Adel auf die politischen Veränderungen von 1848, 1871 und 1918 reagierte. Aber auch den neuen wirtschaftlichen Entwicklungen verschloss sich der Adel nicht, und so finden sich unter ihnen nicht nur Offiziere, sondern auch Unternehmer und Bankiers. Herausgehoben ist die Beteiligung des Adels im Widerstand gegen Hitler und den Nationalsozialismus. So trat Fürst Erich von Waldburg-Zeil mit der von ihm bis 1933 finanzierten Zeitung "Der gerade Weg" in eine fundamentale Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. Eine Büste und die Sterbeurkunde des am 20. Juli 1944 hingerichteten Claus Graf Schenk zu Stauffenberg weisen darauf hin, dass der Adel auch bereit war, im Kampf gegen das Unrechtsregime mit dem eigenen Leben einzustehen.

Nach dem Mittagessen nahmen die meisten Teilnehmer noch an einer Führung durch das Sigmaringer Schloss teil. Der größte Teil der Führung spielte sich im Ostflügel des Schlosses ab, dem Teil, der nach dem Brand von 1893 zwischen 1895 und 1906 im Stil des Historismus und Eklektizismus wieder aufgebaut wurde. Durch eine Halle mit Feldgeschützen und Rüstungen geleitete der Schlossführer die Gruppe durch das repräsentative marmorne Treppenhaus ins Obergeschoss. Dort besichtigte die Gruppe das Badezimmer, die Josefinengemächer, den Grünen Salon, den Schwarzen Salon, dessen Stuckdecke mit schwarzem Grafit überzogen ist, sowie den anschließenden Roten Salon. Über einige Stufen ging es hinab in den Speisesaal, der damals schon mit einer Warmluftheizung versehen wurde. Im darauffolgenden Ahnensaal hingen 26 Bilder der Grafen und Fürsten von Hohenzollern.

Nach der Schlossführung gab es noch Gelegenheit, sich zu einer Kaffeepause niederzulassen oder noch einmal in der Ausstellung "Adel im Wandel" das eine oder andere Objekt genauer zu betrachten.

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