Lokales

"Reichen wir die Hand zur Aussöhnung . . ."

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Die Oberbürgermeisterin erinnerte daran, in welch geschichtlich bedeutsames Jahr der 40. Jahrestag der Widmung dieses Brunnens auf dem Peter-Max-Wagner-Platz in Kirchheim falle. "Vor gut vier Monaten wurde die europäische Union um zehn Länder im Osten und Südosten erweitert." Das geografische Pannonien liegt auf den Territorien der heutigen Staaten Ungarn, Serbien und Rumänien. Nach dem EU-Beitritt Ungarns zieht sich die neue EU-Außengrenze mitten durch das pannonische Land.

Die alte Heimat der Donauschwaben sei schon seit Jahrhunderten eine europäische Region gewesen, in der mindestens vier größere und zahlreiche kleinere Ethnien friedlich nebeneinander gelebt hätten, sagte Angelika Matt-Heidecker. "Der Pannonia-Brunnen in Kirchheim, der für die Donauschwaben und ihre Abkömmlinge sehr viel bedeutet, steht deshalb für Europa."

Geschaffen wurde er von dem donauschwäbischen Künstler Friedrich Müller, der Pannonia als Zeugin der Fruchtbarkeit darstellte. Der einen erhobenen Hand entfließt die Donau, der anderen die Theiß und beide Ströme vereinen sich im Wasserbecken darunter, das das Schwarze Meer symbolisiert. Ins selbe Becken fließen auch die Tränen des Leids der in den vier Masken dargestellten Völkern Pannoniens. Mit diesem Leid "seiner Donauschwaben" verbunden fühlte sich ein Mann, der wie kein anderer dazu beitrug, Menschenleben zu retten und die Not zu lindern: Peter Max Wagner, dessen Name der Platz des Brunnens trägt. Er wanderte in den 20er-Jahren aus seiner donauschwäbischen-pannonischen Heimat in die USA aus und war in New York als Unternehmer erfolgreich. Viele Donauschwaben, die in Kirchheim nach einer tragischen Odysee oder als Spätheimkehrer Zuflucht fanden, behielten Peter Max Wagner als den "Engel der Donauschwaben" in dankbarer Erinnerung. Er selbst hörte diese Ehrenbezeichnung nicht so gerne. "Ich habe meine Pflicht getan", steht noch heute auf seinem Denkmal in New York zu lesen. Auch aus diesem Grunde sei Kirchheim stolz, ihn als Namenspatron für diesen Platz zu haben, sagte die Oberbürgermeisterin. "Peter Max Wagner hat sich immer mit unserer Stadt verbunden gefühlt."

An dieser Stelle würdigte sie den langjährigen Vorsitzenden des Nordwürttembergischen Bezirksverbandes der Landsmannschaft der Donauschwaben Lorenz Baron. Er habe den Kontakt zwischen Peter Max Wagner und der Stadt hauptsächlich aufrecht erhalten. Außerdem war er Mitinitiator des Pannonia-Brunnens und federführender Organisator der Gedenkfeiern, die alle fünf Jahre stattfinden. Lorenz Baron sei ein kompromissloser Verfechter der historischen Wahrheit und Aufarbeitung der Gräueltaten, die den Donauschwaben am und nach Ende des Krieges angetan wurden. "Das Entscheidende aber ist, dass Sie ganz im Geiste der Charta der Vertriebenen aus der Vergangenheit die Brücke in die Zukunft geschlagen haben," sagte Angelika Matt-Heidecker. Sie freue sich mit Baron, dass nach der Beseitigung des Milosevic-Regimes das auch von ihm langersehnte Tauwetter im deutsch-serbischen Verhältnis eingesetzt habe. "Wir wissen, dass Ihnen die Aussöhnung zwischen Deutschen und Serben am Herzen liegt." Lorenz Baron, der heute Ehrenbürger von Knicanin, seinem Geburtsort Rudolfsgnad ist, habe dazu einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet. Die Oberbürgermeisterin forderte alle Donauschwaben auf, den Gedanken des gedeihlichen Zusammenlebens der Völker vom Pannonia-Brunnen und dem Peter-Max-Wagner-Platz aus strahlen zu lassen.

Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Donauschwaben, Josef Jerger, ging kurz auf die Geschichte Pannoniens ein, das stets ein Schmelztiegel der Völker gewesen sei. Auch er beschrieb den Pannonia-Brunnen und griff den darin eingemeiselten Spruch auf: "Im Überfluss war alles, auch das Leid." Letzteres habe im Herbst 1944 begonnen: "Vertreibung, Entrechtung, Verlust von Hab und Gut, zehntausende von alten Männern, Frauen und Kindern verloren in Vernichtungslagern ihr Leben, wurden in Massengräbern verscharrt," sagte Jerger. Wie bereits vor ihm Lorenz Baron und Angelika Matt-Heidecker, so würdigte auch der Bundesvorsitzende die große Leistung Peter Max Wagners und dessen "Hilfswerk der Donauschwaben." Der Bundesverband werde keines der unschuldigen Opfer vergessen. Gedenkstätten an den Orten der ehemaligen Todeslager in Serbien konnten bereits errichtet werden. Nun gelte es, die Gedanken verstärkt in die Zukunft zu orientieren, sagte Josef Jerger. "Reichen wir die Hand zur Aussöhnung, wenn sie uns von der anderen Seite angeboten wird", appellierte der Bundesvorsitzende. "Begleiten wir unseren einstigen Nachbarn in ein vereintes Europa, in dem alle Nationen und Nationalitäten ihre Kultur, ihren Glauben und ihre Sitten in Frieden und Freiheit leben können."

Der stellvertretende Vorsitzende des Landesbezirksverbandes, Michael Urnauer, dankte Lorenz Baron, der die Gäste eingangs begrüßt hatte, für die Ausrichtung der Gedenkfeier und forderte seine donauschwäbischen Landsleute auf zusammenzuhalten.

Der Posaunenchor des CVJM umrahmte in würdiger Weise die Gedenkfeier. Zwei Paare der Ulmer Tanz- und Trachtengruppe in der Obrovazer Sonntagstracht erinnerten an die alte Heimat.

Gedenkfeier 40 Jahre Pannonia-Brunnen auf dem Peter-Max-Wagner-Platz in Kirchheim: Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker (am Rednerpult) erinnerte an das friedliche Zusammenleben im Viel-Völker-Gebiet Pannonien.