Lokales

Reine Seelenruhe für einen guten Braten

Luise Wunderlich und Johannes Hustedt präsentieren in der Kirchheimer Stadtbücherei lehrreiche Texte von Wilhelm Busch

So virtuos wie Johannes ­Hustedt seinen Querflöten die Töne entlockte, so meisterhaft jonglierte Luise Wunderlich mit den Texten von Wilhelm Busch. Die ausdrucksstarke Mimik und Gestik der wandlungsfähigen Künstlerin unterstrichen ihre Worte aufs Beste. Wenn Wunderlich und Hustedt einen Text mit Stimme und Flöte gemeinsam präsentierten, liefen sie zur Höchstform auf.

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PETER DIETRICH

Kirchheim. Beinahe jeder der rund 90 Besucher in der ausverkauften Kirchheimer Stadtbücherei dürfte Wilhelms Busch Gedichte über die Streiche von Max und Moritz schon einmal gehört haben – aber wahrscheinlich noch nie auf eine solche Art und Weise. Während Luise Wunderlich von den armen Hühnern las, die sich durch die aneinandergebundenen Brotstückchen hoffnungslos im Baum verhedderten, improvisierte Johannes Hustedt dazu auf einer seiner Querflöten. So konnten sie dem Zuhörer besonders leidtun, die Witwe Bolte und ihr geliebtes Federvieh. Und auch der Hund Spitz, beim zweiten Streich des Verzehrs von vier kompletten Hühnern völlig zu Unrecht verdächtigt. Hustedt trat jedoch nicht nur als fantasievoll improvisierender Begleiter auf, sondern trat auch solistisch in Erscheinung, unter anderem mit dem „Amoroso“ von Anton Stamitz aus dem 18. Jahrhundert und einem Zwischenspiel des Prager Komponisten Jindrich Feld (1925 – 2007). Sein Flötenrepertoire reichte dabei von Piccolo bis Bass.

„Von Teufelswurst und Honigseim“ war dieser zweite Abend im Sommerprogramm der Stadtbücherei überschrieben, passend dazu drehten sich viele der Texte des vor 100 Jahren verstorbenen Zeichners und Dichters Wilhelm Busch um Kulinarisches. Die Herstellung eines guten Bratens, erläuterte Busch, sei eine wirkliche Charaktersache. So gehöre dazu die reine Seelenruhe, um sich beim Würzen nicht zu überstürzen. Innigkeit und Herzensgüte, „ja ein sanftes Sorgen im Gemüte“ seien ebenso erforderlich. Ein böses Mädchen könne das nicht. Nur ein Mädchen, das einen guten Braten mache, habe auch ein gutes Herz.

Das Rezept für Pfannkuchen und Salat goss Busch in ein Gedicht, mit drei Eiern, Milch und einem Löffel Mehl beginnend. Nur vor dem anschließenden Verzehr schreckte Busch dichterisch zurück, spotte doch diese Einverleibung jeglicher Beschreibung. Der Verzehr des vom Pfarrer als „Teufelswurst“ verdächtigten Objekts blieb indes dem erfreuten Spitz überlassen, denn diesen kümmerten derartige Verdächtigungen ganz und gar nicht.

Viele der humoristischen Gedichte galten tragischen Ereignissen: Die kleine Fliege, deren Bein am süßen Honigseim hängen blieb, verlangte ebenso nach Mitleid wie der trunkene, aber sonst eigentlich brave alte Schneider Böckel, der durch Bienenstiche leider seine Ähnlichkeit verlor. Wenn Fritz beim Birnenklauen den Ferdinand vorschickt und sich dann sogleich mit der ersten Birne aus dem Staub macht, wenn Ferdinand darauf die Prügel alleine bezieht und anschließend den Fritz auch noch beim Küssen der Käthe beobachtet, die anschließend die Birne verdrückt – dann kann dies einer Freundschaft alles andere als gut bekommen.

Wenn sich Wunderlich bei ihrem rundum gelungenen Vortrag einmal nach vorne beugte und über die Tischkante sah, konnte man den Abgrund, vor dem der Jäger bei der wunderbaren Bärenjagd stand, förmlich spüren. Kein Text für Zimperliche, wird doch der Strick zum Abführen dem Bären mit einem Korkenzieher am Nasenbein befestigt, hat der Jäger doch am Ende dank seines Sprungs in den Abgrund zwei Schenkelbrüche und dank der zärtlichen Umarmung des betrunkenen Bären drei zerdrückte Rippen zu beklagen.

So manches konnten die Zuhörer dank Busch aus der Tierwelt lernen – etwa, dass ein fettes Huhn nur wenige Eier legt, oder dass der Igel ein bewaffneter Friedensheld ist, der sich der schlauen Rede des Fuchses zu erwehren weiß und sich einrollt. Anderes hingegen lehrte Busch, ohne dabei die fabelhafte Hilfe von Tieren in Anspruch zu nehmen: Wer Selbstkritik übe, komme damit seinen Kritikern zuvor, außerdem fordere er damit zum Widerspruch heraus. Am Ende komme dann heraus, dass er doch ein ganz famoser Kerl sei.

Der Einsame, so Busch, könne zwar in Filzpantoffeln herumlaufen, wann er wolle, könne ohne weibliche Kritik ungestört rauchen und dampfen wie ein Schlot. Doch man vergesse ihn. Vergessen solle auch der Heiratswillige seine Absicht, solange er noch nicht über das nötige Kapital verfüge, denn: „Ohne die gehörigen Mittel soll man keinen Krieg beginnen.“ Wenn Busch bedauert, dass dem Menschen das Gute im Grunde so zuwider sei und er deshalb die Rute brauche, regt er gar zum realistischen Nachdenken über das eigene Menschenbild an, fernab aller Utopien.

Während der zweistündigen Lesung und den musikalischen Zwischenstücken lauschten die in der Mehrzahl weiblichen Zuhörer in der Stadtbücherei zugleich schmunzelnd und hoch konzentriert. Die Stille wurde nur von gelegentlichen Lachern unterbrochen. Wunderlich und ­Hustedt ließen Buschs Dichtung derart lebendig werden, dass keine Sekunde lang Langeweile aufkam.