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Reinhold Merkle stieg vor 50 Jahren der Teck aufs Dach

Am 1. April 1954 hatte der Schwäbische Albverein die Teck vom Kirchheimer Verschönerungsverein übernommen und die Burg um- und zu einem Wanderheim ausbauen lassen. Auch der Turm war erneuert worden. Für die Zimmereiarbeiten hatte Reinhold Merkle aus Bissingen den Zuschlag erhalten. Ein großer Auftrag für den damals 20-jährigen Zimmerermeister. Doch sein Mut führte zum Erfolg.

RICHARD UMSTADT

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BISSINGEN Die Arbeiten am Dachgebälk begannen am 17. September 1954. Bereits vier Tage später hatten die Zimmerer aus Bissingen das Dach des Wanderheimes aufgeschlagen, sodass im kleinen Kreis das Richtfest gefeiert werden konnte. Dabei mussten der damalige Landrat Dr. Schaude, der Owener Bürgermeister Heinz und Albvereins-Direktor Fahrbach je einen Zimmermannsnagel mit der Axt in den Sparren schlagen. Für jeden Schlag, der danebentraf, "durften" die Herren ein Viertele blechen, so war's ausgemacht.

Wie viel Flaschen Wein letztendes an die Zimmerer ging, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Jedenfalls, daran erinnert sich Reinhold Merkle noch gut, hatte die Prominenz beim Nagelspiel einen riesen Spaß. Der Zimmerermeister zog auf Bitte des Landrats die Nägel wieder heraus. Der Kreisverwaltungschef wollte sie zur Erinnerung an das denkwürdige Richtfest behalten.

Der Winter 1954/55 war schneereich. Doch die Arbeiten gingen weiter. Die Zimmerleute zogen täglich früh morgens auf Schusters Rappen den Teckberg hinauf zur Hochbaustelle. Das Holz folgte auf Pferdeschlitten. Insgesamt wurde auf der Teck 145 Kubikmeter Bauholz verarbeitet, erzählt Merkle. Zum Vergleich: Für ein Einfamilienhaus rechnen die Zimmerer mit 10 bis 12 Kubikmeter Holz. Das Material zum Bau des Dachstuhls von Wanderheim, Kirchheimer Stube und Turm kam von einem großen Sägewerk in Gerstetten.

Reinhold Merkle reizte die spezielle Dachstuhlkonstruktion des Gebäudes. "Nichts war im rechten Winkel, denn die Teck wurde auf den alten Fundamenten errichtet." Für den jungen Zimmerermeister war deshalb der Aufriss des Dachstuhls, vor allem der eiförmigen Mörikehalle, eine besondere Herausforderung. Mit dem Zuschlag erhielt das junge Bissinger Handwerksunternehmen einen seiner ersten und größten Aufträge. Die Bedingungen, unter denen die Bauarbeiten vonstatten gingen, kann man aus heutiger Sicht nur als abenteuerlich bezeichnen. Alte Fotos geben Zeugnis davon. Dass während des Bauverlaufs kein Unfall geschah, grenzt beinahe an ein Wunder.

Der Bau erfolgte in vier Abschnitten. Zuerst wurde das Wanderheim in Angriff genommen, danach die heutige Teck- und Kirchheimer Stube gebaut, dann der Turm abgebrochen und nach dem Entwurf des Schwäbisch Haller Architekten Dr. Krüger wieder aufgerichtet und schließlich nahmen sich die Zimmerer der Mörikehalle an. Dabei gehörte zu Merkles Auftrag nicht nur das Aufrichten des Dachgestühls, sondern auch der Bau der Treppe im Wanderheim sowie der Wendeltreppe im Aussichtsturm und das Einziehen der Decken in die Mörikehalle.

Was heutzutage eine Steilwand erfahrene Spezialtruppe übernehmen würde, war im Sommer 1955 ebenfalls die Arbeit der Männer mit den breitkrempigen schwarzen Hüten. Von Berufs wegen schwindelfrei hingen sie tagelang in Sitzgurten und befreiten die Westwand des alten Gemäuers vom Efeu. Dabei lag ihr Leben in den Händen ihrer Kollegen, die oben auf der Mauer die Seile straff hielten.

Dass sich der 20-jährige Meister auf seine Zimmerleute verlassen konnte, beweist eine Episode aus der Baugeschichte des Teckturms. Nachdem der alte, eckige Teil des Turms durch einen neuen runden ersetzt worden war, ging es darum, das Gestühl des achteckigen Spitzdaches ohne Gerüst in schwindelnder Höhe aufzurichten. Dazu musste einer der Zimmerleute an einer 24 Zentimeter starken Holzsäule emporklettern, um an deren Spitze eine lange Schraube zur Befestigung der Dachsparren anzubringen. Wer wollte dieses Himmelfahrtskommando übernehmen? Keiner. Es war fast wie in der Sage vom Riesen vom Reußenstein. Schließlich war es der Meister selbst, der auf den höchsten Punkt des noch im Rohbau befindlichen Turmes kletterte. Er konnte sicher sein, dass die Zimmermänner die Seile fest in den Händen hielten, um die Säule im Lot zu halten. Das Turmrichtfest wurde am 14. Mai 1955 gefeiert.

"Man kann viel bewegen, wenn man will", ist Reinhold Merkles Devise. "Ich wollte immer selbstständig werden", erinnert er sich heute und erzählt, wie er 1954 abends in Stuttgart die Meisterschule besucht und erfolgreich die Prüfung abgelegt hat.

"Der Teck-Auftrag bedeutete für mich einen guten Betriebsstart", sagt der Bissinger Zimmermann rückblickend. Natürlich gehört auch etwas Glück dazu. Viele Kollegen 1954 meinten, der Teck-Auftrag sei für den jungen Spund eine Nummer zu groß und ein alter Zimmermann mahnte: "Wenn d' ett aufpasch, verrecksch." Holzbau Merkle existiert seit über 50 Jahren und zählt heute zu den führenden Unternehmen der innovativen Brettstapelbauweise.