Lokales

"Reiseimpressionen", wie sie in keinem Reiseführer stehen

KIRCHHEIM Bilder und Berichte über den Nahostkonflikt gehören schon fast zu den täglichen Nachrichten. Auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzend nehmen wir die Aggressionen und das Leiden wahr distanziert, die Fernbedienung in der

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GABRIELE ROLFS

Hand, wir können ja zappen. FatenMukarker aber kann in ihremLeben nicht so einfach das Programm wechseln. Die christliche Palästinenserin lebt mit ihrer Familie in Beit Jala, einem Nachbarort von Bethlehem. Im Oktober machte sie eine große Reise nach Deutschland, wo sie ihre Kindheit verbrachte, und auf Einladung der Zukunftswerkstatt Kirchheim berichtete sie einen Abend lang über die Situation in Palästina.

Ihre Reise von Palästina nach Deutschland war nicht einfach eine Reise nach dem Motto "Ziel aussuchen, buchen, packen, hinfliegen". Einfaches Ausreisen ist Palästinensern seit dem Beginn der zweiten Intifada vor fünf Jahren außer im Fall dringlicher humanitärer Gründe verwehrt. Und so reiste Faten Mukarker über Jordanien aus, obwohl sie eigentlich nur 40 Kilometer vom nächsten Flughafen entfernt wohnt. Sie brauchte für die Strecke von 120 Kilometern nach Jordanien 16 Stunden. Dauernde Buswechsel, Straßenkontrollen, der Übergang aus den Westbanks bei Jericho, der um 13 Uhr mittags schließt, obwohl noch 1 000 Menschen warten, israelische Soldaten, die die wartenden Palästinenser schikanieren, Babys, die statt im Krankenhaus beim langen Warten an den Übergängen geboren werden all dies sind "Reiseimpressionen", wie sie nicht in unseren Reiseführern stehen. Faten Mukarkers Reise nach Deutschland ist für sie wie die Reise in ein anderes Jahrhundert: "Ich habe ein Land hinter mir gelassen, wo ein Mensch keine Rechte hat und bin in einem Land angekommen, wo selbst Tiere ihre Rechte haben." Die großen politischen Hoffnungen der Palästinenser blieben bisher unerfüllt: "Wir haben einmal von einem Staat geträumt, heute freuen wir uns, wenn ein Checkpoint länger geöffnet hat."

Faten Mukarker nimmt die Zuhörer mit auf eine Reise durch die Vergangenheit und berichtet aus palästinensischer Sicht über die Entstehung des Konflikts. Sie beginnt in biblischer Zeit bei dem Land der "Israeliten und Philister" und zeigt, dass nach langer Zeit friedlichen Zusammenlebens der eigentliche Konflikt erst durch Theodor Herzl aus Europa in den Nahen Osten importiert wurde. Die UNO-Resolution von 1947 wurde von den Palästinensern abgelehnt, was aus heutiger Sicht viel Leid gekostet hat. Doch die Gründe für das damalige Verhalten der Palästinenser sind klar: Warum sollten sie ihr Land an Fremde abgeben? Warum sollten die Palästinenser für europäische Probleme bezahlen? Und Land lässt sich nicht einfach gegen Land austauschen, das eine ist zum Beispiel fruchtbar, das andere unfruchtbar.

Immer wieder folgten auf politische Hoffnungen Enttäuschungen, die zur ersten und zweiten Intifada führten. Der kürzlich vollzogene Abzug aus dem Gazastreifen ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber für Frieden reicht er noch nicht. Ungleichbehandlung von israelischen Siedlungen und Palästinensergebieten bei der Wasserverteilung; Begrünung Israels auf der einen, bewusstes Zerstören palästinensischer Olivenbäume auf der anderen Seite; Enteignungen von Palästinensern, damit die Israelis Straßen zu ihren Siedlungen bauen können; die "Politik der verbrannten Erde" im Gazastreifen all das sät nur Hass statt Frieden zu stiften.

Und auch eine monströse, bei Bethlehem zehn bis zwölf Meter hohe Mauer wird das Problem nicht lösen können. Faten Mukarkers Meinung über diese Mauer ist klar: "Diese Mauer hindert die Sicherheit, da sie die Freiheit hindert." Ihr Ansatz wäre ein grundlegend anderer, wie in einem von ihr zitierten Text zum Ausdruck kommt: "Herr, lass uns Brücken bauen". Und sie hofft, dass die Menschen in Deutschland ihre viel zitierte besondere Beziehung zu Israel so interpretieren, dass sie nie wieder tatenlos zusehen, wenn Unrecht geschieht.