Lokales

Resignierter Obervogt vergisst eine wichtige Null

„Spurensuche in der Martinskirche“: Günther Erb referierte über die Kirchheimer Wohltäter Sebastian Welling und Konrad Widerholt

Kirchheim. Zwei Wohltäter der Stadt Kirchheim stellte Günther Erb im Abschlussbeitrag der Reihe „Spurensuche in der Martinskirche“ vor.

Andreas Volz

Einer von beiden ist bis heute in der Stadt präsent: Konrad Widerholt. Nach ihm sind zwei Schulen, eine Halle, eine Straße und ein Platz benannt. Der andere hat es zwar auch zu einer Straße in Kirchheim gebracht, ist aber dennoch weitgehend unbekannt: Sebastian Welling. Was beide miteinander verbindet, ist das Amt des Obervogts, das sie im 17. Jahrhundert ausübten. Außerdem haben beide ein beträchtliches Vermögen hinterlassen, das nach ihrem Tod zum Teil in Stiftungen zugunsten bedürftiger Kirchheimer floss. Als Wohltäter und Stifter haben beide schließlich Anfang des 18. Jahrhunderts prachtvolle Epitaphien erhalten, die seither im Chor der Martinskirche hängen.

Sebastian Welling sei „von der lokalen Geschichtsschreibung – aus welchen Gründen auch immer – stiefmütterlich behandelt worden“, stellte Günther Erb fest und wollte nun einen Beitrag dazu leisten, den einstigen Obervogt im Geschichtsbewusstsein der Kirchheimer fester zu verankern. Sebastian Welling stammte aus einer der angesehensten Familien Württembergs, die viele hochrangige Beamte hervorgebracht hatte, darunter auch eine ganze Reihe von Stuttgarter Bürgermeistern. Die Familie nannte sich auch Welling von Fehingen. Schreibweisen mit „V“, „ä“ oder „ö“ seien auch möglich, aber das entsprechende Dorf habe sich in der Nähe von Schwieberdingen befunden und keinerlei Bezug zu Vaihingen, wie Günther Erb betonte.

Über Wilhelm von Dagersheim, den Schwiegervater von Sebastians Urgroßvater Hans Welling, stammte der spätere Kirchheimer Obervogt sogar vom Haus Württemberg ab – genauer gesagt von Graf Eberhard IV., der von 1417 bis 1419 regierte. Günther Erb: „Neben den ehelichen Kindern hatte Graf Eberhard auch zahlreiche uneheliche, von einer Geliebten, einem Fräulein von Dagersheim, gleich vier. Ein Sohn davon war Wilhelm von Dagersheim, später viele Jahre lang ein guter Bürgermeister von Stuttgart. Sein Grabstein im Kreuzgang der Hospitalkirche trägt die württembergischen Hirschstangen mit dem Bastardbalken.“

Ist nun also die Herkunft Sebastian Wellings bis hinauf in die höchsten Kreise gesichert, so fehlen doch die exakten Daten zu seinem eigenen Lebenslauf. Nicht einmal das Geburtsjahr stehe genau fest, sagte Günther Erb und nannte das Jahr 1551 als das wahrscheinlichste. Wer sich das Epitaph genau anschaut und nachrechnet, kommt zwar auch auf 1551, aber ganz so einfach ist es nicht: Dort steht nämlich, dass Sebastian Welling von Fehingen 1622 im 71. Lebensjahr gestorben sei. Tatsächlich aber starb der Obervogt erst 1624. Die falsche Angabe auf dem Epitaph könnte darauf zurückzuführen sein, dass er einige Zeit vor seinem Tod bereits krankheitsbedingt „resignieren“ musste, was soviel bedeutet wie abdanken und in den Ruhestand treten. Weil das Epitaph aber erst 80 Jahre nach seinem Tod entstand, waren diese Zusammenhänge wohl nicht mehr im Detail bekannt. Vielleicht wurde das Jahr der Abdankung mit dem Todesjahr gleichgesetzt.

Zu Wellings „Resignation“ war es wohl bereits 1621 gekommen, wie Günther Erb erläuterte. Genaueres ist aber auch in diesem Fall nicht bekannt. Ebenso wenig konnte er die Gründe angeben, warum Sebastian Welling bereits 1607 zum Kirchheimer Obervogt bestellt worden war, das Amt aber erst 1609 antrat. Zuvor war Sebastian Welling höchster Justizbeamter des Herzogtums Württemberg gewesen. Auch als Botschafter hatte er mehrfach die Interessen Württembergs am Kaiserhof sowie bei anderen deutschen Fürsten oder auch bei Reichstagen vertreten.

In Kirchheim erwarb Sebastian Welling den „Bau auf dem Walle“, an der Stelle des heutigen Vogthauses, wo er neben seiner Amtstätigkeit als Obervogt – was in etwa dem heutigen Landrat entspricht – auch Landwirtschaft betrieb. Eine weitere Einnahmequelle hatte Sebastian Welling wohl in Ulm. Das schließt Günther Erb aus der Tatsache, dass Welling dem Ulmer Bürgermeister 5 000 Gulden vermachte. Die gleiche Summe erhielten jeweils auch Wellings drei Schwestern. Den Ulmer Bürgermeister sieht Günther Erb folglich als einen Teilhaber Wellings an. Um welche Art von Erwerbszweig es sich dabei handelt, ist so unklar wie vieles andere in Wellings Leben. Aber immerhin vermachte der Kirchheimer Obervogt auch „Hans Jacob Ort, meinem Factor in Ulm“, 2 000 Gulden. Den „Factor“ bezeichnete Günther Erb als den Geschäftsführer.

Wellings Testament entfachte übrigens einen längeren Rechtsstreit. Universalerbe sei Junker Wilhelm von Remchingen gewesen, Obervogt von Urach und Hofrichter in Tübingen, wie Günther Erb berichtete. Als Haupterbe musste er alle anderen Erben auszahlen. Wilhelms Erbteil war der verbleibende Rest. Er hatte also ein persönliches Interesse dar-an, möglichst wenig auszubezahlen. Eine Möglichkeit dazu bot ihm ein Schreibfehler in Sebastian Wellings Testament. Günther Erb erzählt: „Beim Einsetzen des Betrages für Schulzwecke und die Ausstattung armer Waisen passierte dem Erblasser ein verhängnisvoller Fehler. In Worten setzte er zwölftausend Gulden ein, in Zahlen aber nur 1 200.“

Remchingen wollte deshalb nur 1 200 Gulden zahlen, der Kirchheimer Magistrat dagegen forderte als Vertreter der armen Bürgerskinder 12 000 Gulden. Zweieinhalb Jahre nach Wellings Tod einigten sich die Beteiligten darauf, dass Wilhelm von Remchingen 8 000 Gulden auszahlte. Das Geld sollte einerseits für arme Kinder in der Schule und andererseits für arme Töchter zur Aussteuer verwendet werden. Bei diesem Rechtsstreit handelte es sich übrigens nicht um den einzigen Fall, in dem das Geld nicht im Sinne des Stifters verwendet wurde. Sowohl über die Stiftung Wellings als auch über die Widerholtsche wurde 1783 geklagt, dass es nicht mehr so sehr die armen und bedürftigen Bürgerskinder waren, die in den Genuss der Gelder und Stipendien kamen, sondern die Söhne von Honoratioren oder gar von angesehenen Auswärtigen, die sich für vergleichsweise geringe Summen als Kirch­heimer Bürger einkauften, um von den Stiftungsgeldern zu profitieren.

Sebastian Welling selbst, der unverheiratet war und keine Kinder hatte, war dagegen über alle Zweifel erhaben – auch wenn in einer Leichenpredigt naturgemäß mit Schönfärbereien zu rechnen ist. Günther Erb zitierte aus dieser Predigt. Demnach hat der Obervogt sein Amt „pünktlich gehalten“ und „jedermann so wol dem Armen als Reichen willig und gern Audientz geben und die Leut lassen außreden“. Auch habe er niemanden überschrien oder im Zorn geschmäht, sondern vielmehr freundlich und sanft geantwortet – auch gegenüber „gottlosen und boshaften Leuten“. Schon allein damit regte Günther Erb seine Zuhörer an, sich vorzustellen, wie wohl andere Vögte seinerzeit ihr Amt ausübten. Aber einen wichtigen Hinweis spar- te er noch auf: den auf die Korruption. Über Sebastian Welling zumindest heißt es in der Leichenpredigt, er sei Geschenken und Gaben „von Herzen abhold gewesen“.

Gegen Ende von Wellings Amts- und Lebenszeit war der 30-Jährige Krieg ausgebrochen. Die Kriegszeit hat Wellings späteren Nachfolger Konrad Widerholt, der sich als „Bürger und Reig‘schmeckter“ in der Herkunft deutlich von Sebastian Welling unterschied, entscheidend geprägt: Ab 1634 hat der gebürtige Hesse als Kommandant die Festung Hohentwiel bis Kriegsende als letztes württembergisches Bollwerk behauptet. Nachdem er den Hohentwiel 1650, zwei Jahre nach Kriegsende, wohlbehalten wieder an Herzog Eberhard III. übergeben hatte, trat er sein Amt als Kirchheimer Obervogt an. Bis zu seinem Tod im Juni 1667 kümmerte er sich in vorbildlicher Weise um den Wiederaufbau von Stadt und Amt Kirchheim nach Kriegsende. Weil seine Vorgehensweise als Komman- dant des Hohentwiel allerdings den harten Sitten und Gebräuchen des Kriegshandwerks unterworfen war, zweifelte Günther Erb daran, ob man Konrad Widerholt heutzutage so bedenkenlos als Held und Vor- bild verehren könne, wie das vor 100 Jahren noch der Fall war.

Konrad Widerholt „von und zu Neidlingen“, der zwar verheiratet, aber dennoch kinderlos war, ließ ebenfalls einen Großteil seines Vermögens in eine Stiftung überführen – zugunsten von Kirchen, Schulen und Theologiestudenten aus Stadt und Amt Kirchheim. Beide Stiftungen, die von Welling und die von Widerholt, existieren noch heute, wie Günther Erb ausführte. Allerdings sei das Kapital im Inflationsjahr 1923 so stark geschmolzen, dass die Stiftungszwecke später anders defi- niert werden mussten. Seit 1971 geht es nur noch darum, der Stifter zu gedenken. Von 1701 bis 1715 hatten sich die Stiftungen schon einmal um das Andenken Wellings und Widerholts gekümmert: Nach dem Stadtbrand 1690 waren neue Epitaphien anzufertigen, die nunmehr seit rund 300 Jahren in voller barocker Pracht den Chor der Martinskirche zieren.

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