Lokales

„Ressourcen erkennen“

Private Lan-Partys stürzen Eltern in Sorgen

Jugendliche, die ganze Nächte in Kleingruppen am Computer durchzocken, rufen bei ihren Eltern Sorgenfalten hervor – auch wenn dies im heimischen Wohnzimmer geschieht. Der Teckbote sprach mit dem Erziehungsfachmann Wilfried Veeser über die Modeerscheinung privater Lan-Partys.

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Irene strifler

Kirchheim. Was in den 70er-Jahren die Hippie-Partys waren und in den Zwanzigern die Jazz-Sessions, scheinen heutzutage Lan-Partys zu sein. Längst werden sie von Sozialpädagogen als Bestandteil der Jugendkultur gewertet.

„Lan-Partys sind definitiv Ausdruck einer Gegenkultur“, betont auch der Kirchheimer Familientherapeut Wilfried Veeser, der einen auf Teenager ausgerichteten Erziehungsleitfaden „pep4teens“ entwickelt hat. Bei Lan-Partys handle es sich nicht etwa um Protest gegen das Elternhaus, sondern um den Ausdruck einer gemeinsamen Lebenswelt, in der sich die jungen Leute zu Hause fühlen: „Früher spielte man am Bach, heute am PC.“

Doch während man am Bach mit allen Sinnen dabei war und jede Menge Körperkontakt hatte, begegnen sich die Jugendlichen in Computer-Spielen nur noch virtuell. Die Hirnforschung zeige jedoch, wie Veeser ausführt, dass Kinder eine veränderte Wahrnehmung der Menschen erfahren, wenn sie zu früh in die virtuelle Welt gehen, etwa schon als Grundschüler.

„Lan-Partys werden von den Eltern oft als bedrohlich erlebt“, führt der Fachmann aus. Dennoch könne man nicht grundsätzlich gegen den Komplex Technik, Computer, Fernsehen sein. Für Veeser ist es entscheidend, dass die Nutzung altersgemäß und in Maßen erfolgt: „Die Eltern stehen vor der großen Herausforderung: Wie schaffen wir es, dass unser Kind lernt, sich altersgemäß selbst zu begrenzen.“

Dass es nur von Vorteil sein kann, wenn sich Eltern für die Sache interessieren, liegt auf der Hand. Veeser rät dazu, über alle Medienthemen offen in der Familie zu kommunizieren. In gemeinsamen Familienkonferenzen sollten Grenzen ausgehandelt werden. Ganz wichtig: Auch die Konsequenzen müssen besprochen werden, die im Falle einer Grenzüberschreitung für das Kind zu tragen sind. „Willkürverfügungen erzeugen Unrechtsgefühle beim Kind“ warnt Veeser davor, einfach spontan in der Wut eine x-beliebige Strafe zu verhängen.

Angst erzeugt bei den Erziehungsberechtigten auch das Wissen, dass Computerspiele eine gewisse Suchtgefahr bergen. „Es gibt Spiele, die fast süchtig machen, man geht in der virtuellen Welt auf, kämpft um jede weitere Stufe“, räumt auch Veeser ein. Eltern müssten lernen, bei allen unleugbaren Gefahren auch die Ressourcen zu entdecken: Das Kind kann sich durchaus stundenlang konzentrieren – nur eben bisher nicht auf das Richtige. Das Kind kann sich auch selbst verpflichten – nur eben momentan noch nicht für die wichtigen Dinge. „Wenn Eltern sehen, was das Kind kann, verändert sich das Familienklima zum Positiven“, betont der Erziehungsfachmann. Auch der Alltag miteinander kann durch gezielten und gelassenen Umgang mit dem Thema Computerspiele positiv beeinflusst werden.

Ein ganz praktisches Beispiel: „Wenn Kinder mitten im Spiel oder in der Lan-Party stecken und dann weggerufen werden, erzeugt dies Frust. Das geht uns Erwachsenen nicht anders, wenn wir beispielsweise vor dem Mittagessen unbedingt noch etwas fertigstellen wollen“, sucht Veeser die kindliche Verstimmung zu erklären. Besser sei es daher, den Zeitpunkt für das Ende der Spielzeit eine halbe Stunde vorher anzukündigen und vielleicht wenige Minuten vorher nochmal in Erinnerung zu rufen.

Wie bei so vielen Dingen, kommt es nach Meinung der Fachleute entscheidend auf die Dosis an. Langfristig muss der Heranwachsende lernen, die Menge zu begrenzen. Dazu brauche es das Verständnis und die Hilfe der Eltern, weniger Verbote. Denn diese machen die Sache bekanntlich noch interessanter.

Die Abkürzung „LAN“ steht für Local Area Network, das so viel wie „Lokales Netzwerk“ bedeutet. Dieses Netzwerk stellen computerbegeisterte Jugendliche selbst her. Vor allem Jungen zwischen dreizehn und sechzehn Jahren lieben es, Computer zu vernetzen und mit Freunden die ganze Nacht durchzuspielen.