Lokales

Richtfestrituale dienen der Völkerverständigung

Wenn Angehörige verschiedener Kulturen aufeinandertreffen, sorgen die eigenartigen Rituale der einen für großes Erstaunen bei den anderen. Aber gerade die Rituale schaffen Identität innerhalb der eigenen Kultur ebenso wie beim Brückenschlag zwischen den Völkern. Was ist folglich geeigneter zur Völkerverständigung als ein deutsches Richtfest in Israel?

ANDREAS VOLZ

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RAMA Im Norden Israels, im biblischen Land Galiläa, westlich vom See Genezareth, liegt Rama. Der Ort hat etwa 7 000 Einwohner. Die Mehrheit von ihnen sind arabische Christen, es gibt aber auch Drusen und Moslems in Rama. Die Zugehörigkeit zu verschiedenen Religionen macht das Zusammenleben nicht immer einfach, zumal die Kommune in einem Staat liegt, dessen Geschicke mehrheitlich von Juden gelenkt werden. Jüdische Traditionen wiederum gibt es in Rama nicht.

Folglich ist der Ort in Galiläa ideal für die Umsetzung der Idee, Toleranz und Akzeptanz im Umgang mit Minderheiten zu erproben. Entstanden war diese Idee bereits 1996 bei einem pädagogischen Seminar in Israel mit Vertretern aus dem Landkreis Esslingen und aus der israelischen Partnerstadt Givatayim. "Wir haben damals beschlossen, einen Partner zu suchen", beschreibt Peter Keck, der Leiter des Schulverwaltungs- und Kulturamts im Esslinger Landratsamt, den Beginn der Kontaktaufnahme mit Rama. In den Westbanks habe sich keine Partnerkommune für trilaterale Beziehungen zwischen Deutschen, israelischen Juden und israelischen oder auch palästinensischen Arabern finden lassen.

Einige Zeit später kam dann Rama ins Spiel. Eine offiziell bestätigte Partnerschaft besteht bislang noch nicht, die freundschaftlichen Beziehungen gedeihen indessen prächtig. Besonders tut sich dabei die Gemeinde Köngen hervor. Deren Bürgermeister Hans Weil macht aber unmissverständlich klar, dass die "Politik der kleinen Schritte" noch sehr viel mehr erreichen muss, bevor Köngen und Rama die gemeinsamen Beziehungen vertraglich besiegeln können: "Wir wollen nicht einfach eine Partnerschaft beschließen, nur um das Ortsschild zu schmücken."

Wichtiger sind ohnehin die einzelnen greifbaren Projekte und Begegnungen. Dazu gehörte die "Einweihung" des neuen Pavillons auf dem Schulhof der Rama Agri-Technical School: Sechs junge Zimmerleute, die an der Nürtinger Philipp-Matthäus-Hahn-Schule eine Ausbildung als Gebäudetechniker absolvieren, haben das Bauwerk unter der Federführung ihres Lehrers Willi Krämer in wenigen Tagen hochgezogen. Längere Zeit hatten sie mehr oder weniger untätig darauf warten müssen, dass das vorgefertigte Material in Rama eintrifft. Die Container saßen im Hafen von Haifa fest und wurden von den zuständigen Behörden nicht freigegeben.

Schließlich gingen die Zimmerleute aber so tatkräftig ans Werk, dass sie eigentlich schon viel zu weit waren, um ein Richtfest zu feiern. Entgegen aller Traditionen wandte sich Willi Krämer also vom gedeckten Dach herunter mit seinem Sprüchlein an die Zuschauer. Die Frage "vor aller Welt, ob euch dieses Bauwerk gefällt", musste erst einmal ins Arabische übersetzt werden, bevor die Menge mit begeistertem Applaus die eindeutige Antwort geben konnte. Anschließend wurden die Einwohner Ramas noch Zeugen weiterer merkwürdiger Rituale: Nachdem ein Weinglas zu Bruch gegangen war, sang ein kleiner Teil der illustren Gästeschar das obligatorische Richtfestlied "Nun danket alle Gott".

Für den Besuch aus Deutschland wiederum war es gewöhnungsbedürftig, dass die Gastgeber das verspätete Richtfest als "Einweihungsfeier" der neuen Cafeteria bezeichneten. Zunächst einmal müsste das Gebäude nämlich mit Fenstern versehen werden. An die Inneneinrichtung der Mensa, die da soeben "eröffnet" wurde, ist noch lange nicht zu denken. Für Schulleiter Dr. Ziad Khazin ist indessen schon mit dem Bau in seinem jetzigen Zustand aus einem Traum Wirklichkeit geworden: "In jeder Schule gibt es eine Cafeteria, nur in Rama nicht", sagte er in seiner Ansprache zum großen Fest. "Es ist aber sehr wichtig, dass wir unseren Schülern gesundes und sauberes Essen anbieten können."

Landrat Heinz Eininger verwies darauf, dass die Baukosten für die künftige "Esslingen Cafeteria" durch die Einnahmen zweier Benefizkonzerte in Köngen sowie durch weitere Spenden getragen worden seien und den Kreishaushalt somit nicht belasteten. Die Philipp-Matthäus-Hahn-Schule lobte er besonders, "weil sie sich engagiert und in die Partnerschaft einbringt, sodass die Verständigung zwischen deutschen, israelischen und arabischen Schülern gelingt".

Harald Fano, Rektor der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule, sprach in seinem Grußwort zum Richtfest deshalb nicht nur über den Pavillon als solchen, sondern von dem "Fundament eines Gebäudes, das Freundschaft und Völkerverständigung bedeutet". Auch die dritte Partnerschule im Bunde das ORT-Technikum aus Givatayim war beim Richtfest mit Schulleitung und Schülern vertreten. Für Hana Zukerman ergab sich somit "die erste Gelegenheit, als neue Schulleiterin an dieser Freundschaft mitzuwirken".

Toleranz der Kulturen untereinander und miteinander könnte sich künftig schon allein in der "Esslingen Cafeteria" praktizieren lassen. Das sagte Köngens Bürgermeister Hans Weil in Anspielung auf die Nürtinger Zimmerleute: "Die junge Generation hat hier einen Beitrag dazu geleistet, dass sich die verschiedenen Gruppierungen in diesem Lande besser verstehen können." Wie gut dies bereits funktionieren kann, zeigte sich anschließend beim weniger offiziellen Teil der Festveranstaltung, als Jugendliche aus allen drei Schulen gemeinsam ausgelassen feierten: Jeder und jede übernahm dabei die Rituale der anderen problemlos und vorbehaltlos.