Lokales

"Richtig zu reagieren ist nicht nur als Pilot lebenserhaltend"

ESSLINGEN Seit 26 Jahren arbeitet Hans-Joachim Bosse, 62, im "Amt für allgemeine Kreisangelegenheiten und Pressestelle" im sechsten Stock des Landratsamtes Esslingen. Seit 20 Jahren ist er dessen Leiter und die kreisbehördliche Schnittstelle zur Presse. Morgen wird Hans-Joachim Bosse nach insgesamt 29-jähriger Tätigkeit in der Kreisbehörde im Kreisparlament offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Seine Berufslaufbahn endet am 31. Dezember.

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Allein im vergangenen Jahr wanderten 413 Pressemitteilungen

RICHARD UMSTADT

über Bosses Tisch. "Es ist keine 'rausgegangen, die ich nicht gelesen hätte", sagt der Mann, zu dessen Aufgaben es gehört, Fachchinesisch in verständliche Texte zu übersetzen. Da er auch gleichzeitig Leiter der Geschäftsstelle Kreistag ist, obliegt dieser Stelle die Vorbereitungen der Sitzungen. Das heißt, die zum Teil sehr umfangreichen Sitzungsvorlagen müssen auf Plausibilität und Gesetzeskonformität hin überprüft und termingerecht an die Mitglieder des Kreistags verschickt werden. 218 Papiere waren es 2004 und auch in diesem Jahr nahm die Papierflut nicht ab.

Zunächst einmal deutete bei Hans-Joachim Bosse, der in Goslar im Harz das Licht der Welt erblickte, nichts auf eine Beamtenkarriere hin. Nach dem Hauptschulabschluss absolvierte er eine Facharbeiterlehre als Betriebsschlosser in einem Bleihüttenwerk. Da die Arbeitsplätze im damaligen Zonenrandgebiet nicht gerade üppig gesät waren, bewarb sich der 17-Jährige bei der Bundeswehr. Er wollte eine fliegerische Laufbahn beim Heer einschlagen und verpflichtete sich für sechs Jahre. Der Unterricht bei der Luftwaffe lief in Englisch ab, deshalb musste der angehende Flieger acht bis neun Stunden täglich Englisch pauken, um dem Unterricht folgen zu können. In der Praxis wurde er auf der kleinen einmotorigen Piper, der viersitzigen Piaggio und dem schweren Trainer T-6 geschult, bevor Hans-Joachim Bosse zur Hubschrauberausbildung in die Lüneburger Heide abkommandiert wurde. Zunächst schulte er auf der zweisitzigen Bell mit der Rundum-Glaskanzel und wurde dann als Pilot auf der Sikorsky H 34 eingewiesen. Diesen Helikopter-Typ flog er beim Transportgeschwader in Laupheim in vielen Einsätzen, darunter auch bei VIP-Flügen, wozu er eine besondere Berechtigung besaß. Prominentester Gast des damals jüngsten "Senior-Piloten" war der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Insgesamt saß Bosse über 2 000 Stunden am Steuerknüppel.

In dieser Zeit lernte er auch seine Frau Sonja kennen, die aus Esslingen-Zell stammt. Die beiden heirateten 1970, zwei Jahre später kam Tochter Anke zur Welt und 1977 Tochter Andrea. Somit war für den gebürtigen Harzer klar, dass das Schwabenland am Neckar seine Heimat werden würde.

Nach der Bundeswehr entschied sich der damals 30-Jährige für die Verwaltungslaufbahn, die er 1972 im Wernauer Rathaus bei Bürgermeister Wagner begann. 1976 legte er erfolgreich seine Prüfung zum Diplom-Verwaltungswirt (FH) ab. Hans-Joachim Bosse bewarb sich auf verschiedenen Behörden und erhielt vom Landratsamt Esslingen rasch eine Zusage. Dort trat er seinen Dienst am 1. Dezember 1976 an, und zwar bei der Kommunalaufsicht. Am 1. Januar 1979 wechselte er in die Pressestelle und wurde 1985 deren Leiter.

Hans-Joachim Bosses Arbeitstag beginnt um 6.45 Uhr "Ich bin ein Frühaufsteher". Zunächst einmal wertet er die sechs Lokalzeitungen des Kreises aus und bastelt aus den entsprechenden Artikeln den täglichen Pressespiegel. "Danach bin ich ,fremdbestimmt'", das heißt, Anrufe beantworten, Sitzungen vorbereiten und an ihnen teilnehmen, Reden schreiben und vieles mehr.

Viel Arbeit, Schweiß und Nerven kosteten Bosse und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Zeit der Mülldiskussionen in den 80er- und 90er-Jahren. Damals wechselten die Beschlusslagen je nach Kreistagsmehrheiten mehrmals, und die Geschäftsstelle des Kreistags hatte alle Hände voll zu tun, um die Sitzungsvorlagen und Gutachten rechtzeitig an die Parlamentarier zu versenden. In dieser Zeit schlugen die emotionalen Wogen zwischen Gegnern und Befürwortern einer Müllverbrennungsanlage in Esslingen-Sirnau besonders hoch. "Ich wurde persönlich angefeindet und erhielt Drohbriefe", erinnert sich der Pressechef.

In dieser Tätigkeit kommt es Hans-Joachim Bosse sehr vonstatten, dass er mit einem guten Schuss trockenen Humors ausgestattet ist "Das hab' ich von meinem Vater". So ist es für die Kreisbehörde ein Gewinn, dass er im Landratsamt nicht nur für die Hauszeitung, sondern auch für die Faschingsausgabe zuständig ist. Gerne zeigt er Gästen aus Givatayim, Bruszkow, dem Landkreis Leipziger Land und dem Kreis München den Landkreis Esslingen und organisiert die bereits traditionelle Radtour des Kreistags und der Presse.

Überhaupt treibt der frühere Leichtathlet auch heute noch Ausdauersport. Über 30 Marathonläufe gehen auf sein Konto, er nahm an einigen Triathlon-Veranstaltungen teil und radelte alle Alpenpässe ab. Sein höchster Pass führte über eine Höhe von 3 300 Meter und bestand aus einer alten Militärstraße.

Als Flieger hatte er die Erfahrung gemacht: "Es ist lebenserhaltend, richtig zu reagieren." Diese Devise behielt der ehemalige BundeswehrPilot auch im zivilen Berufsleben bei.