Lokales

"Rock-Ska-Punk-Blues" zwischen Chucks und Cowboystiefeln

KIRCHHEIM Nicht unbedingt mit einem Klingeln im Ohr, dafür mit Muskelkater in den Beinen sind wohl gestern Morgen einige aus dem Bett gestiegen. Beim "Tinnitus-Festival"

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ALEXANDRA BOGER

in der Linde war zwar der Name Programm aber die Ironie des Ganzen liegt darin, dass dieser Musikabend tatsächlich aufklärende Wirkung über die Gefahren von aufgedrehten Lautstärkereglern anstrebte. So war auch der scherzhafte Einwand des ein oder anderen Besuchers nachvollziehbar: "

Für einen Tinnitus-Abend ist es hier viel zu leise".

Die junge Kirchheimer Band "Süd-Apotheke" probt seit zwei Jahren in der Linde und veranstaltete das erste "Tinnitus-Festival" letztes Jahr, nachdem Gitarrist Sewa Katsnelson knapp am Hörsturz vorbeischrammte. Für die zweite Auflage legten sich die vier jungen Männer im Alter zwischen 17 und 20 Jahren mächtig ins Zeug. Während es letztes Jahr kein Problem war, Sponsoren zu finden, sprangen dieses Jahr einige ab. Auch die eingeladenen Bands spielen sozusagen in der "Bundesliga" und Publikums-Magnete schlagen sich eben in der Budget-Planung nieder. Doch steckt hinter dem Titel der Veranstaltung ja auch mehr als eine juste Idee den aufklärenden Worten folgen auch Taten: mit dem Gewinn des Abends unterstützt die "Süd-Apotheke" die Johannes-Wagner-Schule in Nürtingen. Gehörgeschädigten Kindern wird dort ein angepasster Unterricht ermöglicht.

Die bekannteren Bands "The Juggins" und "Johnny Trouble & The Rambling Men" sind aus dem Esslinger Raum, letztere sogar ein Kirchheimer Original, und haben sich schon durchs ganze Land ge-rockt, ge-skat und ge-bluesed. An diesem Abend teilten sie sich Bühne und Publikum mit der "Süd-Apotheke" sowie mit "Potburry", einer Band vom Ammersee, die zum ersten Mal musikalisch in Schwaben unterwegs war. "Wir spielen gern mal für neue Leute," meinte "Featuring"-Sänger Lukas Diehl.

Vor allem natürlich sorgte die Musik für das "Festival-Feeling". Zu Beginn gab es ein Potpourri mit "Potburry", die in wenigen Sekunden eine Menge Musikgeschichte erzählten. Ska, Rock, Pop, Funk und Reggae alles in einem. Ein Text wäre da fast überflüssig, doch die Bayrische Band setzt neben Tönen und Takten auch Buchstaben und Worte auf ganz eigene Weise zusammen. Für die jungen Musiker steht der Song "Lasst euch die Harre wachsen" exemplarisch für eine Lebensweise, die mit Konventionen nichts zu tun hat.

Bei der "Süd-Apotheke" saß ebenfalls die Frisur weniger perfekt, dafür aber jeder Ton. Rockiger Independent und vorwiegend deutsche Titel, die erklären, warum es Löcher in Tomaten geben sollte und warum auch "Volker" ein Superheld sein kann. Zum Schluss gab es die "Schmankerl", die wahre "pogo"-Stürme auslösten, ein Tanzstil, der wohl am besten mit folgendem Bild zu beschreiben ist: "Treppensteigen auf der Ebene und sich dabei anrempeln". Klassischer Offbeat, Tempo und drei stoische Bläser zu E-Gitarre und Schlagzeug, das nennen die "Juggins" schnörkellosen Ska. Verschnörkelter war dann die letzte Band des Abends zumindest, was die Kunstwerke auf den Oberarmen von "Johnny Trouble & The Rambling Man" anging. Ansonsten boten die Fachwerkbalken der Linde die perfekte Kulisse für den Country-Rockabilly-Blues-Mix a la Johnny Cash. So endete das Festival wie es sein muss mit gemeinsamen Höhepunkten, bei denen Rasta-Köpfe neben Gel-Frisuren mit-"takteten" und Chucks den gleichen Rhythmus stampften wie Cowboystifel.