Lokales

Rock-Testament gegen die Macht der Kirche

NÜRTINGEN "Wir nehmen hier eine Live-CD auf und ihr seid alle dabei", begrüßte Rock-Gitarrist Werner Dannemann ein etwa hundertköpfiges Publikum, das in der Nürtinger Kreuzkirche zusammengekommen war, um das Debüt eines neuen Projektes des Kirchheimer Gitarristen

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HEINZ BÖHLER

mitzuerleben. Songs gegen den Machtmissbrauch der Kirche über die Jahrhunderte bilden ein drittes Testament, vorgetragen von der "New Rock Experience" des schwäbischen Hendrix.

Klang dieses dritte Testament bei seiner Uraufführung im Wendlinger Spektakelzelt vor vier Monaten noch reichlich unausgegoren, so präsentierte sich in der Kreuzkirche ein Trio, das wie aus einem Guss agierte, nicht ohne jedem einzelnen Mitspieler ausgiebig solistischen Freiraum zu lassen. So durften sich neben dem Bandleader, Sänger und Komponisten Werner Dannemann auch Schlagzeuger Bodo Schopf und der auf einem sechssaitigen Elektrobass wahre Kabinettstückchen aufführende Sandro Gulino immer mal wieder über einen Sonderapplaus freuen.

Dass sich Werner Dannemann mit den beiden wahrlich keine musikalischen Leichtgewichte an Land gezogen hat, erhellt, dass Bodo Schopf einst für die "Michael Schenker Group", "Falco", "Eric Burdon" und nicht zuletzt auch für " Juicy Lucy" die Stöcke geschwungen hat und Sandro Gulino normalerweise mit den "Gypsy Kings" weltweit unterwegs ist.

Für Werner Dannemanns Kirchenkritik aber haben sie sogar den Weg nach Nürtingen auf sich genommen und nutzten die tolle Akustik in der Kreuzkirche, um ihren Auftritt gleichzeitig auch auf CD zu verewigen. Von dem Anspruch des Papstes, sich entgegen einer Bibelstelle in Matthäus 23 als Heiliger Vater ansprechen zu lassen, über den Verrat des Klerus an Jeanne d'Arc bis zu den Gemetzeln, die Christen im Namen ihrer Kirche an Indianern und Muslimen anrichteten, geißelte Vollblutmusiker Werner Dannemann eine ganze Reihe von Missständen in der katholischen Kirche: Vatikan, schau dich an, Immobilienbüro, kam ebenso rauflustig in rockige Rhythmen verpackt daher wie sein Vergleich von Kardinälen und jenen Pharisäern, mit denen sich Werner Dannemanns Held Jesus Christus im Tempel anlegte.

Hatte Werner Dannemann den Anfang des Konzerts noch allein mit seiner Stimme und einer akustischen Gitarre bestritten, vergaß er nicht, jene zu warnen, "denen es jetzt schon z' laut isch". Die mögen sich schon mal mit dicken Ohrschützern wappnen, spöttelte der 55-jährige Musiker wappnen gegen das, was nach einer knappen halben Stunde das elektrisch verstärkte Trio fabrizierte: Rockmusik allererster Güte.

Das blubberte, grummelte und slappte von rechts in den tiefsten Tönen und wuchs sich bei Bedarf zu Hochgeschwindigkeitsläufen aus, die man weder menschlichen Fingern noch den dicken Stahlsaiten eines Elektrobasses zutrauen würde. In der Mitte trommelte auf einer Unmenge Toms und Becken ein blonder Irrwisch, was das sprichwörtliche Zeugs hielt, ohne je die uhrwerksmäßige Präzision zu vernachlässigen.

Der Gitarrenfex hatte die linke Bühnenseite eingenommen und brannte auf seiner Gibson SG immer wieder ein wahres Gitarrenfeuerwerk ab, die Finger schienen das wie von alleine mitzumachen. So kam weder Langeweile auf noch das Bedürfnis nach einer Pause. Den Musikern war es recht, konnten doch die Profis des mit der Aufnahme beauftragten Tübinger Musikstudios die Maschinen weiterlaufen lassen und die Zeit des Hausmeisters musste nicht unnötig noch länger in Anspruch genommen werden. Das erwies sich allerdings als Irrtum, denn das Publikum ließ seine Lieblinge nicht so einfach von der Bühne. Zwei Zugaben, "All along the Watchtower" und Peter Greens "Fool no more", musstens am Ende schon sein.